Flüchtlingsambulanz

"Die haben eine Reise hinter sich"

Neben Dresden betreibt Leipzig die zweite Internationale Ambulanz im Freistaat. Geflüchtete erhalten hier nach dem Gesetz eine akute Notfallversorgung. Die meisten Ärzte arbeiten ehrenamtlich.
Im Wartebereich der Flüchtlingsambulanz im Sankt-Georg-Klinikum
Im Wartebereich der Flüchtlingsambulanz im Sankt-Georg-Klinikum

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler besuchte die Leipziger Flüchtlingsambulanz:

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler besuchte die Leipziger Flüchtlingsambulanz.
 

"Nicht die Hände in den Schoß legen"

"Praxis für Asylbewerber Leipzig" steht auf dem Eingangsschild, auch in englischer Sprache und in arabischen Schriftzeichen. Im Haus 23 des Sankt-Georg-Klinikums wird die erste und bisher einzige Flüchtlingsambulanz in Leipzig betrieben. Drei Menschen sitzen im Wartebereich, in einem der Behandlungszimmer bereitet sich ein Chirurg auf den ersten Patienten vor. Seinen Namen möchte er nicht öffentlich machen.

Wie die meisten Ärzte hier arbeitet er ehrenamtlich. Bis zu vierzig Patienten kämen an manchen Vormittagen, erzählt der Chirurg. Wenn er in der Flüchtlingsambulanz arbeitet, hat der Arzt eigentlich Anspruch auf ein Honorar. Das tritt er jedoch ab. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit seinem Hauptjob, die Flüchtlingsambulanz unterstützt er nur nebenbei. Seine Motivation erklärt der Arzt folgendermaßen:

Ich hab die Bilder gesehen, und irgendwie dachte ich, ein bisschen was muss man machen. Das geht nicht, dass man einfach nur tatenlos die Hände in den Schoß legt und wartet, dass andere etwas unternehmen. Und da hab ich gedacht, das ist eine gute Möglichkeit, den Leuten hier zu helfen.

Ein Chirurg in der Leipziger Flüchtlingsambulanz

Der Mittdreißiger beobachtet die Flüchtlingsdebatte mit Sorge:

Weil es nicht immer das ist, was gerne Gruppierungen wie der Pegida oder der AfD propagiert wird, dass das hier irgendwelche Sozialschmarotzer sind. Das sind Leute, die haben ein Trauma hinter sich, eine Reise hinter sich, die sehr beschwerlich war, und die hier ankommen und bei weitem nicht ein Luxusleben führen, wie es gerne propagiert wird.

Ein Chirurg in der Leipziger Flüchtlingsambulanz

Der Chirurg ist Teil eines Teams, das unter anderem Allgemeinmediziner, eine Gynäkologin und einen Kinderarzt umfasst. Die Flüchtlingsambulanz ist ein Gemeinschaftsprojekt der Landesdirektion Sachsen, der Stadt Leipzig und der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. 

Damit Geflüchtete die Ambulanz aufsuchen dürfen, müssen sie sich zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung melden, erklärt Dieter Gerlich von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen:

Er bekommt dort einen Berechtigungsschein – wenn Sie so wollen, ist das ein Krankenschein alter Prägung. Hier wird eine ganz normale Behandlung durchgeführt, wie sie in jeder Arztpraxis stattfindet: Untersuchung, Diagnosestellung, gegebenenfalls auch Medikation, wenn notwendig.

Dieter Gerlich, Geschäftsführer der Bezirksgeschäftsstelle Leipzig der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen

"Arabisch sprechende Ärztinnen sind ein Glücksfall"

Anschließend erhält der Patient einen Arztbrief, den er in die Erstaufnahmeeinrichtung zurückbringt. Die Flüchtlingsambulanz wurde auch deshalb eingerichtet, weil es in gewöhnlichen Arztpraxen oft Kommunikationsprobleme gibt, sagt Dieter Gerlich:

In unserer Dienstplangestaltung haben wir es geschafft, dass einzelne Ärztinnen auch Arabisch sprechen, was für uns ein Glücksfall ist. Aber wir haben natürlich auch Sprachen wie Afghanisch, wo wir einen Dolmetscher beiziehen müssen.

Dieter Gerlich, Geschäftsführer der Bezirksgeschäftsstelle Leipzig der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen

In der Ambulanz haben es die Ärzte nicht nur mit einfachen Erkrankungen zu tun, wie zum Beispiel Magen-Darm-Problemen und Erkältungen. Auch Abszesse oder Unterernährung wurden schon behandelt. Dabei lobt der Chirurg die Unterstützung durch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen:

Also es gibt hier keinen Mangel an irgendetwas. Wenn wir wollen, kriegen wir auch das, was wir für nötig und sinnvoll erachten – immer unter der Prämisse, dass das hier letztens Endes eine akute Notfallversorgung ist.

Ein Chirurg in der Leipziger Flüchtlingsambulanz

Denn chronische Erkrankungen werden nicht behandelt. Ebenso wenig arbeiten Psychologen in der Ambulanz. Im Asylbewerberleistungsgesetz ist geregelt, dass psychische Störungen nicht zum Leistungsumfang gehören. Bei Trauma-Erkrankungen infolge der Flucht kann die Ambulanz den Geflüchteten nicht helfen.

 

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