Filmkritik: Hereditary

Die grausame Erbschaft

Seit seiner Premiere beim Sundance Festival überschlagen sich die Kritiken weltweit mit Lob. Immer wieder ist die Rede von einem absoluten Meisterwerk des Horrorfilms. Ist "Hereditary" tatsächlich der gruseligste Film des Jahres?
Szene aus "Hereditary"
Im Haus der Grahams passieren schreckliche Dinge

Gibt es so etwas wie den Arthaushorrorfilm? Vielleicht. Wenn es um die Horrorfilme des amerikanischen Studios A24 geht, ist dieser Begriff jedoch eher irreführend. A24 hat mit Werken wie The Witch, It Follows oder auch It Comes at Night in den letzten Jahren Horrorfilme veröffentlicht, die alle einen großen Hype erfahren haben, in den meisten Kritiken mit Lob überschüttet wurden, aber beim Mainstream-Publikum leider eher auf Ablehnung stießen. Von "Arthaus" kann man zumindest insofern sprechen, da all die genannten Filme eher Wert auf den kunstvoll inszenierten Schrecken und auf Charakterzeichnung legen, anstatt auf den schnellen Popcorn-Grusel. Eine Innovation im Horrorkino bietet aber eigentlich keiner dieser Filme.

Stattdessen wird lediglich auf Konventionen des modernen Gruselkinos verzichtet. Plumpe Schreckeffekte und laute Action gibt es nicht. Dafür kehren die A24-Horrorfilme eher zum Ursprünglichen des Genres zurück. In eine Zeit, in der sich das Grauen noch langsam entfaltet hat und das Publikum (heraus)gefordert wurde. Genau dieser Erzählweise bedient sich nun auch das groß angekündigte Horror-Meisterwerk Hereditary.

Janick Nolting und Johannes Bundemann aus unserer Kinoredaktion diskutieren über Hereditary:

Ein Familienfluch

Regisseur Ari Aster erzählt in seinem Langfilmdebut vom beunruhigenden Verfall einer Familie. Nach dem Tod der Großmutter wachsen die Spannungen unter den Familienmitgliedern und noch dazu ereignen sich mysteriöse Ereignisse im Haus. Das Erbe der Verstorbenen lässt das Leben aller außer Kontrolle geraten.

Wer einen klassischen Spukhausfilm erwartet, wird hier höchstwahrscheinlich enttäuscht werden. In den über zwei Stunden Laufzeit nimmt sich Aster alle Zeit der Welt, um an der Psyche seiner Figuren zu feilen. Über weite Strecken mutet Hereditary eher wie ein düsteres Familiendrama an als ein typischer Gruselfilm. Die Bedrohung ist hier allgegenwärtig, auf der Tonspur grummelt es permanent und lässt Böses erahnen. Von Anfang an steht fest, dass hier schlimme Dinge passieren werden und genau so kommt es dann auch. Der Schrecken entfaltet sich sehr langsam, aber dafür umso intensiver. Lange Zeit zieht Hereditary eine ungeheure Spannung daraus, dass das Publikum nicht weiß, ob der Horror hier tatsächlich übersinnlicher Herkunft ist oder nur im Kopf der psychisch angeknacksten Familienmitglieder entsteht.

Ende mit Schrecken

Im Zentrum des Films steht eine herausregend besetzte Toni Collette (The Sixth Sense). Ihre Darstellung der überforderten Mutter, die nach und nach dem Wahnsinn verfällt, gehört definitiv zu den bisher beeindruckendsten schauspielerischen Leistungen dieses Kinojahres. Leider entscheidet sich Regisseur Aster am Ende für einen etwas einfach gestrickten Weg. Die Geschichte nimmt eine Wendung, die dann leider doch nicht so innovativ ausgefallen ist wie erhofft. Der Spannung tut das hingegen trotzdem keinen Abbruch. Im Gegenteil! Wenn der Horror am Ende mit aller Härte Bahn bricht, gehören die letzten 20 Minuten zu den furchteinflößendsten Sequenzen, die es seit langer Zeit im Kino zu erleben gab.

Janick Nolting im Gespräch mit Moderator Lukas Raschke über "Hereditary"
Janick Nolting im Gespräch mit Moderator Lukas Raschke über "Hereditary"

Fazit

Für Vergleiche mit den großen Klassikern wie Der Exorzist oder The Shining ist es noch zu früh. Ari Asters überragende Regiearbeit ist dennoch einer der besten Horrorfilme der vergangenen Jahre, wenn nicht sogar DER beste.

 

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Janick Nolting
12.06.2018 - 17:40
  Kultur

Hereditary

Regie: Ari Aster

FSK 16

Laufzeit: 126 Minuten

Kinostart: 14.06.2018

Cast: Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff, Milly Shapiro