Fantasy Filmfest 2017

Die Frage nach dem Warum

Alle zwei bis drei Jahre erscheint ein Film, der so gewagt und extrem ist, dass er erbitterte Diskussionen auslöst. Einer davon ist das polnische Drama „Playground“, das vom Fantasy Filmfest im Vorfeld als großer Skandalfilm angekündigt wurde.
Szene aus "Playground"
Diese beiden Jungen werden das Kinopublikum in Schockstarre versetzen

Das Schuljahr ist vorbei. Ein letztes Mal trifft die Schulklasse aufeinander, bevor sich die Wege trennen. Die letzte Gelegenheit also für die übergewichtige Gabrysia (Michalina Swistun), um ihrem Schwarm Szymek (Nicolas Przygoda) ihre Liebe zu gestehen. Szymek und sein Kumpel Czarek (Przemyslaw Balinski) haben für die Liebe jedoch wenig übrig. Während man die Kinder an ihrem letzten Schultag begleitet, bahnt sich nach und nach eine unfassbare Tragödie an. Am Ende wird es zu einer Tat kommen, die an Grausamkeit kaum zu überbieten ist.

Kindheitsschrecken überall

Das Fantasy Filmfest 2017 hat thematisch einen ganz klaren Schwerpunkt gezeigt, nämlich den der Kindheit. Angefangen mit dem Eröffnungsfilm ES, über die Amoklaufgeschichte Super Dark Times und das Serienkillerdrama My Friend Dahmer bis zu der Mysteryromanze Sicilian Ghost Story ist definitiv eine Vorliebe der Genrefilmlandschaft für schwierige Kindheitsgeschichten erkennbar. Playground setzt dem eine blutgetränkte Krone auf. Schon im Vorfeld wurde vor einem Skandal gewarnt. Vergleiche mit berühmten Schockern wie Lars von Triers Antichrist oder dem beschlagnahmten A Serbian Film wurden gezogen. Auch Filme wie Raw oder KUSO wurden mit derartigen Warnungen beworben, doch die waren am Ende so schwarzhumorig und skurril, dass man sie keinesfalls ernst nehmen konnte.

Playground kommt nicht nur völlig humorfrei daher, sondern pulverisiert beinahe sämtliche positive Gefühle. Am Ende bleiben weinende Zuschauer zurück, andere beschweren sich lauthals über das Gezeigte. Umso perfider, dass ausgerechnet Playground im Rennen um den Fresh Blood Award nach der Vorführung vom Publikum mit einer Schulnote bewertet werden muss, denn wenn man die letzten zehn Minuten von Playground überstanden hat, ist man ein emotionales Wrack. Genau wie die Kinder in der Geschichte des Films.

Szene aus Playground
Gabrysia ist wütend

Spielplatz der Hölle

Was genau am Ende von „Playground“ passiert, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Man muss jedoch unbedingt darauf eingehen, mit welcher erschütternden Kompromisslosigkeit Regisseur Bartosz Kowalski auf den zehnminütigen Albtraum im Finale zusteuert. Die Kindheit in seinem Film ist verkommen. Die Kinder, die wir sehen, sind bereits in ihren jungen Jahren zerrüttete Gestalten. Es wäre leicht, die finale Tragödie mit den bösen Computerspielen, unfähigen Eltern oder einem kriminellen Umfeld zu erklären. Playground entzieht sich jedoch jeglicher Erklärung oder Rechtfertigung. Obwohl sich der Regisseur in trostlose Plattenbausiedlungen wagt, wird auch diese Umgebung keinesfalls dämonisiert. Generell findet man hier kaum Klischees. Playground zeigt dem Zuschauer eine Vielzahl an Hinweisen und möglichen Gründen, bietet aber keine Lösung. Stattdessen steuert das Geschehen in sechs Kapiteln konsequent auf die Katastrophe zu.

Dabei beginnt der Film bereits mit düsteren Szenen, wenn etwa Szymek seinen behinderten Vater verprügelt. Es ist ein Hilfeschrei. Doch von wem? Von den Kindern oder den Eltern? Wie der Zuschauer das Gezeigte erklärt und verarbeitet, dafür bietet Kowalski keinerlei Hilfestellung. Das menschliche Grauen wird hier dokumentarisch festgehalten, am Ende bleibt die Frage, warum man sich solche Szenen antun muss und warum der Regisseur diesen Film gedreht hat.

Plumper Schockeffekt?    

Die Kontroverse, die der Film aufwirft, ist natürlich, warum man diese eine Sequenz zeigen muss, wo der Film doch sowieso kaum Handlung hat und fast dokumentarisch anmutet. Genau dieser dokumentarische Charakter lässt den Film nämlich noch verstörender wirken. Zugegebenermaßen sind die letzten Minuten nicht auszuhalten und man muss zweifellos darüber diskutieren, welche Daseinsberechtigung diese Szene überhaupt hat. Es wäre jedoch ungerecht, Playground als Snuff-Film oder plumpe Effekthascherei zu bezeichnen. Dafür ist die Inszenierung zu perfekt ausgearbeitet und der Inhalt zu vielschichtig.

Hat man den Schock überstanden und etwas Abstand genommen, bleibt vor allem der starke Cast im Gedächtnis. Wie die Kinder in Playground auch die extremsten Situationen so überzeugend spielen, ist ein kleines Wunder. Die Kamera kreist um die Charaktere, folgt ihnen auf Schritt und Tritt. Bis zum Schluss. Im grausamen Finale filmt die Kamera das Geschehen aus etwa 20 Metern Entfernung als stiller Beobachter und ohne Schnitt. Danach werden ein letztes Mal die ausdruckslosen Gesichter der jungen Täter gezeigt. Vergeblich sucht man in ihrem Blick eine Erklärung oder wenigstens irgendwelche Gefühle, bevor das Bild schwarz wird. Playground ist ein Angriff auf den Zuschauer, ein verstörender Schlag in die Magengrube und einer der extremsten Filme der letzten Jahre. Kowalski ist ein kontroverses Kunstwerk mit viel Diskussionsstoff gelungen, bei dem es schwerfällt, eine Empfehlung auszusprechen, denn dieses Drama schmerzt einfach nur. Aber manchmal muss Kunst eben auch den Finger in die Wunde drücken.

 

Kommentieren

Janick Nolting
28.09.2017 - 10:10
  Kultur

„Playground“ läuft auf dem Fantasy Filmfest 2017 in sieben deutschen Städten.

Screening-Termine

MÜNCHEN – 08 Sep / 16.00 Uhr
HAMBURG – 09 Sep / 16.15 Uhr
STUTTGART – 13 Sep / 16.30 Uhr
BERLIN – 23 Sep / 20.45 Uhr
FRANKFURT – 23 Sep / 20.45 Uhr
KÖLN – 30 Sep / 16.45 Uhr
NÜRNBERG – 30 Sep / 14.45 Uhr

„Playground“ (Originaltitel „Plac zabaw“) ist auf DVD im Vertrieb von Agora im polnischen Originalton mit englischen Untertiteln erhältlich.