Berlinale 2018

Die Faszination des Körperlichen

In ihrem ersten Film "Touch Me Not" erforscht Regisseurin Adina Pintilie das breite Feld rund um Intimität und Körperlichkeit. Dafür gab es überraschend den Goldenen Bären, den Hauptpreis der Berlinale.
Szene aus "Touch Me Not"
Laura entdeckt ihren eigenen Körper

Haare und Haut erscheinen auf der Leinwand. So nah, dass man beinahe jede Hautzelle erkennen kann. Die Kamera fährt an dem männlichen Körper entlang. An den Beinen, am Penis, an der Brust. Bereits mit dieser ersten Einstellung offenbart sich die unverblümte Offenheit von Touch Me Not. Im Zentrum der Geschichte steht Laura, gespielt von Laura Benson. Eine Frau, die verzweifelt versucht, ihre Sexualität und ihren Körper zu entdecken. Dafür ruft sie Callboys zu sich nach Hause, sieht ihnen beim Onanieren zu, weil sie selbst Angst vor Berührungen hat. Sie erhofft sich Hilfe von verschiedensten Therapieformen und begibt sich in die SM-Szene. In einem weiteren Handlungsstrang geht es um den Isländer Tómas Lemarquise, der an einer Paartherapie teilnimmt und mit körperlich behinderten Menschen in Berührung kommt. Umrahmt wird der Mix aus dokumentarischen und inszenierten Szenen von Interviewmomenten, in denen die Regisseurin des Films selbst auftritt.

Stolzes Körperkino

Touch Me Not eröffnet das Spannungsfeld von Intimität, Sexualität und Körperlichkeit. Nacktheit ist ein wesentliches Element in Pintilies Film, was manche Teile des Publikums womöglich etwas vor den Kopf stößt. Die Regisseurin arbeitet dabei sowohl mit professionellen Darstellern als auch mit Laiendarstellern. Laura Benson spielt die komplexe Hauptrolle mit ihren subtilen Regungen überzeugend, doch die eigentlichen Stars finden sich in den Nebenrollen. Da wäre beispielsweise die transsexuelle Prostituierte Hanna, die mit 50 entschieden hat, den Rest ihres Lebens als Frau zu verbringen, und die immer wieder für humorvolle Auflockerungen sorgt. Ihre Brüste hat sie Lilo und Gusti getauft, wobei eine Brust älter ist als die andere. 

Außerdem bleibt Christian Bayerlein in Erinnerung. Er leidet an spinaler Muskelatrophie und wird aufgrund seiner Behinderung häufig stigmatisiert. In den Paartherapiesitzungen soll Tómas mit dem Finger über sein Gesicht fahren, anschließend wird über die dabei empfundenen Gefühle gesprochen. Touch Me Not reißt Hemmschwellen und Vorurteile ein. Im stärksten Moment des Films spricht Beyerlein seinen vollen Stolz über seinen Körper aus, der für ihn trotz der Einschränkungen ein Geschenk ist. An dieser Stelle hätte Touch Me Not enden sollen und das Statement wäre perfekt gewesen, doch Pintilie entscheidet sich dagegen.

Ein eigenartiges Experiment

In Adina Pintilies Film verschwimmen die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation. Beim Großteil der Szenen kann man nicht sagen, was davon geplant und was spontan entstanden ist. Leider gelingt dieses Experiment nur bedingt.  Zunächst einmal bleibt der Film völlig steril. Fast alles spielt sich vor weißen Wänden ab, in weißen Betten, auf weißen Sofas. Pintilie schafft eine Laboratmosphäre, die dazu dienen soll, sich so ungeschönt diesen Themen zu nähern. Dennoch wirkt dieser Ansatz absolut unverständlich, wo es doch in dieser Versuchsanordnung besonders um Momente der Zärtlichkeit und der Annäherung geht, die in diesem Umfeld selten ihre volle Wirkung entfalten können. Am ärgerlichsten ist jedoch die filmische Metaebene.

Die Regisseurin tritt im Film selbst auf, erscheint auf einem Bildschirm vor den Kameras. Immer wieder wird die Künstlichkeit durchbrochen, wenn der Film als solcher erkennbar wird. Wenn die Kameras erscheinen und die Schauplätze als Sets enthüllen. Mitunter wechselt Pintilie sogar den Platz mit den Charakteren vor der Kamera. Was das alles soll, erschließt sich nicht wirklich. Stattdessen wirken diese Momente im Grunde genommen überflüssig und lenken von den vielen anderen starken Einzelszenen eher ab. So wirkt der zwei Stunden lange Film mitunter etwas zäh, zumal es Touch Me Not eindeutig an Leichtigkeit fehlt. Alles wirkt irgendwie schwerfällig und anstrengend. Die düstere Musik der Band Einstürzende Neubauten im Hintergrund trägt den Rest dazu bei. Bei der Premiere des Films haben mehrere Leute vorzeitig den Berlinale Palast verlassen. Die BILD schrieb beispielsweise darüber, der Film enthalte zu viel Sex. Nein, womöglich war ihnen der Film schlicht zu sperrig und Skandalpotential hat er eigentlich überhaupt nicht.

Fazit

Das ist er nun also. Der offiziell beste Film der 68. Berlinale. Touch Me Not ist auf jeden Fall ein interessantes Experiment mit starken Einzelszenen und einer überzeugenden Toleranzbotschaft, der sich jedoch zu sehr im Konzeptkino verliert. Dass der umstrittene Experimentalfilm von der Internationalen Jury mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, ist jedoch eher unverständlich, denn obwohl es sich um einen eher durchwachsenen Wettbewerb handelte, hatte der eine ganze Menge stärkerer Werke zu bieten. Filme, die noch größere Wagnisse eingegangen sind und die dabei noch mehr gewonnen haben.

 

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Touch Me Not lief im Wettbewerb der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin und wurde mit dem Goldenen Bären und dem Preis für das Beste Erstlingswerk ausgezeichnet.

Ein regulärer Kinostart ist derzeit noch nicht bekannt.