Kunstraum in den eigenen vier Wänden

Die erste Ausstellung

"Wo gehen wir hin? Wo gehen wir denn jetzt hin? Wie viel Uhr isses denn?" ist ein Kunst-Experiment abseits aller Institutionen, denn die Pop-Up-Galerie von Miriam Schmidt befindet sich in einem Wohnhaus; genauer, im Schlafzimmer einer WG.
Johannes Farsing im Gespräch mit einer Besucherin
Johannes Farsing im Gespräch mit einer Besucherin

Um in die Ausstellung zu kommen, muss man an der Haustür klingeln, eine halbe Treppe hoch und schon ist man in der WG von Miriam Schmidt. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung und hat ihre WG leer geräumt, um Platz für die Kunst zu schaffen. Zusammen mit Freunden hat sie ihre Wohnung umgebaut. Sie haben Neon-Leuchten an die Decke gehängt, sodass der Flur und ihr Zimmer mit weißem Licht ausgeleuchtet sind. Die Fenster sind abgedunkelt. Die Bildschirme für Videos haben sie bei Freunden ausgeliehen und die Kabel mit weißem Klebeband versteckt. Den so entstandenen Kunstraum nutzen sie für eine Ausstellung verschiedenster Werke. Es gibt Videos, Malereien und groteske Objekte. 

Joahnnes Farsing

Johannes Farsings Arbeiten beschäftigen sich mit den Möglichkeiten der Malerei und Zeichnung, der Komposition sowie mit den Arbeitsprozessen innerhalb eines Werkes. Für die Werke der Ausstellung hat er unter anderem mit Airbrushpistole, Pinsel und Sprühdose gearbeitet. Auf einer seiner Leinwände verfließen Personen zu einem Camouflage-Muster ineinander, die Grenzen zwischen Vor- und Hintergrund heben sich auf, und fügen sich letztendlich doch wieder zu einem Gesamtkonstrukt zusammen. Auf Plastikbahnen, die eine Art industriellen Vorhang bilden, hat er in leuchtender orange-roter Farbe "FLUCHT" gesprüht. So entsteht ein Widerspruch zwischen dem Wort, dem Material auf das es gesprüht ist und der Hängung. Wohin fliehen, wenn hinter dem Vorhang die Wand ist?

 

Hannah Hjorts groteske Objekte irritieren bis hin zum erstaunten Lächeln. Ihre an die Wand angelehnte Matratze, bedeckt mit bestickten Stofffetzen, befremdet schon aus entfernter Betrachtung. Bei näherem Hinsehen verstärkt sich der manische Eindruck, denn auf den Stofffetzen wiederholen sich immer die gleichen Worte und Zeichen. Ergenzt wird die Matratze von fragmentarischen Sätzen, die auf einem an die Wand geklebten Ipod zu hören sind. Dabei wird mit dem Realen und dem Erfundenen, dem Unbekannten und dem Bekannten, dem Greifbaren und dem Simulierten gespielt. Im Flur der WG hängt ein auf Metall gedrucktes Bild von Google Street View, auf welches der Vorhang aus einer Lkwkabine gehängt ist. Das Betrachten wird zum virtuellen Lkwfahren in die entspannte Ratlosigkeit.  

Hannah Hjort (links)

 

Den Videoarbeiten "Untitled" und "Schema" von Marlene Coates liegen unterschiedliche Phänomene der Populärkultur zugrunde. Beide beschäftigen sich mit Thematiken der Selbstinszenierung, der Inszenierung von Identität als eine Performance von Verhaltensmustern. Dabei richtet sich der Blick auf die objektive Wahrnehmung einer Person, entgegen der Subjektiven.

 

"Wo gehen wir hin? Wo gehen wir denn jetzt hin? Wieviel Uhr isses denn?" besticht durch die Vielfalt der hervorragenden Arbeiten und wirkt, trotz der unterschiedlichen Ansätze, stimmig. Es entsteht ein mulmiges und dennoch nicht beängstigendes Gefühl der Suche nach einer vollendeten Idee, etwas Greifbarem. 

Der Beitrag zum Nachhören:

"Die erste Ausstellung" - Ein Beitrag von Moritz Lünenborg
 

 

Flyer der Ausstellung

 

 

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