Literaturrezension

Die Bucht, die im Mondlicht versank

Es gibt genau eine Sache, die eine Mutter auf keinen Fall verlieren möchte: ihr eigenes Kind. Doch genau das passiert gleich zwei Frauen im Thriller von Lucy Clarke. Auf einer englischen Ferieninsel wird das Meer zur Bedrohung.
Bucht Buch Roman
Roman von Lucy Clarke

Die Freundinnen Isla und Sarah verbringen jeden Sommer zusammen an der Küste Englands. Eines Tages sehen sie ihre beiden Söhne auf offenem Meer schwimmen. Nur Sarahs Sohn Jacob kommt ans Ufer zurück. Dieser Schicksalsschlag überschattet die innige Freundschaft der Frauen. Sarah muss bald dasselbe durchmachen, wie Isla: Sieben Jahre nach dem ersten Vorfall kommt Jacob von einer Party nicht mehr nach Hause und damit verschwindet auch der zweite der Söhne spurlos. Der Roman befasst sich mit den Themen Freundschaft und Verlust. Die Enthüllung zahlreicher Familiengeheimnisse beginnt.

Verlust des Kindes

Beide Frauen müssen mit dem Verlust ihres Kindes fertig werden. Wie geht man mit solch einem Schicksalsschlag um? Isla verarbeitet den Schmerz bereits seit sieben Jahren:

Ich habe jeden einzelnen Moment dieses Tages tausendmal durchlebt. Öfter noch. Ich kenne jedes Detail. Jedes Glied der Kette, die zum Wendepunkt geführt hat. Jedenfalls dachte ich das immer.

Auch Sarahs Gedanken kreisen. Ihr Sohn fehlt nach der Party erst wenige Tage. Noch hat sie Hoffnung, dass er wieder auftaucht:

Ich werde und kann die Möglichkeit eines Selbstmords nicht an mich heranlassen. Sonst wäre ich nämlich gezwungen, darüber nachzudenken, was das bedeutet: dass Jacob tot sein könnte - und ich schuld daran wäre.

Detektivspiel

Auf der kleinen Ferieninsel herrscht eine angespannte Atmosphäre. Wem kann man noch vertrauen? Wer könnte Jacob etwas Böses wollen? Und warum ist Isla so überstürzt abgereist?

Es beginnt ein Spiel gegen die Zeit. Der Leser fiebert mit den Protagonisten mit und wird selbst zum Detektiv. Die Autorin Lucy Clarke schafft es, die Spannung bis zur letzten Seite zu halten.

Die Autorin

Die Britin Clarke ist selbst Mutter eines Sohnes. Den Sommer verbringt sie am liebsten mit der Familie in ihrer Strandhütte an der Südküste Englands. Sie schätzt den Zauber des Strandhüttenlebens: Man könne aus der Hektik des Alltags ausbrechen und sich stattdessen auf das Wesentliche besinnen. Der Roman ist gespickt mit Details und Beobachtungen aus ihren eigenen Erfahrungen. Dadurch wirken einzelne Szenen und Gefühle der beiden Frauen besonders authentisch. Als die Autorin zum Beispiel schwanger war, grub sie ein Loch in den Sand um sich entspannt auf den Bauch legen zu können. Im Roman machen die schwangeren Freundinnen es ihr nach.

Lesespaß

Die Erzählweise aus zwei Perspektiven bietet sich für diesen emotionsgeladenen Roman an: Sarah beschreibt die aktuellen Geschehnisse auf der Insel. Isla hingegen lässt den Leser an Geschichten aus den vergangenen Sommern teilhaben und gibt Gedanken preis, die das Erlebte rückblickend bewerten. Diese intimen Einblicke geben dem Leser ein präzises Bild der beiden Frauen. Isla geht ihren Gedanken nach:

Im Rückblick möchte ich diese junge, naive Version meiner selbst manchmal schütteln. Wie konnte ich davon ausgehen, dass das Leben nichts als Liebe und Sonnenschein zu bieten hatte?

„Die Bucht, die im Mondlicht versank“ ist eines dieser Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Gegen Ende erweisen sich einige Zusammenhänge jedoch als sehr konstruiert. Die Enthüllung der wahren Geschichte zieht sich in die Länge. Nach dem Lesen lässt sich nicht jedes Puzzleteil eindeutig in die Geschichte einfügen. Der Leser rätselt im Kopf weiter.

Hier können Sie die Rezension von mephisto 97.6-Redakteurin Ronja Binus nachhören:

Eine Rezension von Ronja Binus
1608 Literatur
 

Kommentare

Wir sind begeistert über deine Rezension, sehr gute Aussprache und flüessigen Vortrag.
Mach so weiter, da kann noch was aus dir werden.
Alles Gute und viele Grüsse aus Offenbach

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Der Roman erschien Anfang Juni im Piper Verlag und kostet 15 Euro.