Performance

Die Behauptung von Größe

Der Roman "2666" von Roberto Bolano steckt voller Anspielungen und Geschichten. Das hat schon viele Theatermacher angeregt. Das Wiener Performance-Duo notfoundyet hat ein mehrteiliges Projekt geplant. Der Abschluss hatte jetzt Premiere in Leipzig.
Bolano Project
Thomas Kasebacher und Laia Fabre stellen den Roman "2666" vor

Fünf Jahre hat es gedauert, bis Roberto Bolanos Opus Magnum 2666 in Deutsch vorlag. Als es dann endlich da war, hat auch die deutschen Kritiker die Euphorie gepackt, die zuvor schon die spanisch- und englischsprachige Welt erfasst hatte. Die trockene, gnadenlose Sprache, mit der der gebürte Chilene die Gewalt an Frauen darstellt und die seltsame Zufälligkeit in der Verknüpfung seiner Geschichten sind nur zwei von vielen Stärken.

Ein großes Vorhaben

Vor ebenfalls fünf Jahren haben die Künstler von notfoundyet begonnen, sich dem Roman zu nähern und ihn künstlerisch zu begehen. 2015 entstand dabei ihre Performance The Bolano Project: An Introduction. In einer Art Lecture stellen sie das Buch und Themen,die sie interessieren vor. Die große Idee dahinter: Die fünf Teile des Romanes (die so fast für sich stehen, eher thematisch und eben gefühlt zufällig miteinander verknüpft sind) sollen von verschiedenen Künstlern unterschiedlicher Kunstrichtungen umgesetzt werden.

Ohne große Aktionen zur Retrospektive

Gut ein Jahr später kehren die Künstler an die Residenz des Leipziger Schauspiels zurück mit ihrem Abschluss The Bolano Project: The Retrospective. Es ist ein Vexierspiel mit der Wahrheit, die sie schon in der Einführung angesprochen haben. Die beiden Performer sitzen auf einem Podium und referieren über das Buch und ihr Projekt. Sie erzählen die Geschichten, wie sie ihre Künstler gefunden haben, auf eine Weise, die doch stark an die Handlung des Romans erinnert. Insgesamt scheint alles etwas seltsam, zu groß, zu passend, zu unglaubwürdig. Doch die Performance lässt alles möglich erscheinen.

Das Theater als Ort der Möglichkeiten

Bereits 2015 hat die Truppe das Verhältnis von Fiktion und Realität als spannendes Thema aufgebracht, mit dem Bolano spielt, mit dem auch das Theater immer wieder spielt. Vielleicht ist die Musik erfunden, die Figuren, die Handlung – doch gleichzeitig existieren sie in der Bühnenrealität, die eben mehr ist als nur Einbildung, da sie sich von Fleisch und Blut ernährt. Damit machen sie auch einen großen innerkünstlerischen Diskurs auf, der nach Wahrheit sucht. Aber sie weisen zusätzlich auf einen benjaminschen Aspekt hin, dass eben große Namen alles besser klingen lassen, dass sich ein Ai Weiwei besser verkauft als ein junger regionaler Künstler.

Und was für Möglichkeiten

Während An Introduction noch sehr suchend war und zahlreiche Ideen und Ansätze durchgespielt hat, ist The Retrospective viel fokussierter, aber auch nicht mehr so verspielt. Ein Thema und eine Darstellungsform hat sich durchgesetzt, die sich mehr auf sich selbst bezieht. Aber das gelingt wunderbar, dieses Spiel mit Realtität und Fiktion ist zwar durchdringbar, gleichzeitig jedoch ständig erheiternd irritierend: Wenn der Performer ein Fremdzitat fast als sein eigenes ausgibt, aber das Publikum sich dennoch nicht sicher ist, ob er das wirklich gesagt hat. Es ist ein schöner, gut gemachter, detaillreicher Abend, der sich wunderbar auflöst, der jedoch hinter dem angestrebten Vorhaben zurückbleibt und stattdessen etwas Wehmut weckt.

Den ganzen Beitrag von Thilo Körting gibt´s hier zum Nachhören:

Thilo Körting über The Bolano Project
 
 

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The Bolano Project: The Retrospective wurde am 1. Dezember 2016 in der Residenz des Schauspiel Leipzig uraufgeführt. Weitere Vorstellungen sind am 2., 3., 8., 9. und 10. Dezember jeweils um 20 Uhr.