Im Gespräch: Sharon Dodua Otoo

Die Bedeutung von Farben

Sharon Dodua Otoo erzählt von der Beziehung zwischen einer Mutter und ihren Kindern, von Liebe und Unabhängigkeit und von dem Rassismus, den schwarze Menschen in Deutschland erleben.
Sharon Dodua Otoo
mephisto 97.6 Moderatorin Eva Wittekind im Gespräch mit Autorin Sharon Dodua Otoo

"Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ erzählt von einer schwarzen Britin, die mit ihren Kindern in Berlin lebt und gerade in einer schwierigen Phase steckt: Ihre Ehe zerbricht.

Ich stellte ihn mir in der Küche vor (Till, nicht Gott), wie er etwas zu essen für uns vorbereitete, und ich wusste, dass ich, wenn ich auch dort gewesen wäre, etwas an der Art und Weise, wie er die Pilze schnitt, ohne ein vernünftiges Schneidebrett zu benutzen, oder daran, wie er den Orangensaft direkt aus der Packung trank, auszusetzen hätte. Er verzehrte sich danach, in meiner Nähe zu sein, und litt dann, wenn ich es war.

Auch Cee, die Protagonistin der zweiten Novelle „Synchronicity“ hat es nicht leicht: Sie verliert ihre Farben. Als Grafikdesignerin ist das besonders unpraktisch, doch eigentlich ist Cee nicht überrascht: Schon ihre Mutter hat das erlebt.

Lila verließ mich am Samstag, und ich weinte, weil es meine Lieblingsfarbe ist. Ich beschloss, mein Bett nicht zu verlassen und stattdessen einen Trauertag einzulegen und mich mit den wenigen Farben, die ich noch übrig hatte, zu umgeben sowie mit einer großen Portion dunkler Schokolade, weil sie genauso bitter schmeckte, wie ich mich fühlte.

Alles eine Frage der Perspektive

Beide Geschichten werden aus der Sicht von schwarzen Frauen erzählt – eine Perspektive, die in der deutschen Literatur relativ selten ist. Neben den eigentlichen Geschichten geht es auch immer wieder um Rassismus, den die Frauen in Deutschland erleben oder erlebt haben.

Es war also eine ziemlich inspirierende Sache für mich, als ich Till in meinem Auslandsjahr in Deutschland kennenlernte. Jemanden, dessen Familienname so unmissverständlich zu dem Land gehörte, in dem er geboren wurde, aufwuchs und lebte, dass ich nur dachte: Wie sexy ist denn das? Und ich wusste, dass ich mir diesen Namen zu eigen machen musste. Trotzdem hinderte dies andere förmlich gekleidete weiße Damen in kalten Büros nicht daran, »Wie bitte?« zu sagen und mich zu bitten, meinen Namen noch einmal zu wiederholen – so, als wären sie enttäuscht, weil sie mit einem Namen wie Umdibondingo oder so ähnlich gerechnet hatten.

Sharon Dodua Otoo erzählt mit Leichtigkeit von vielschichtigen Protagonistinnen, ihren Kindern und Eltern, der Liebe und der Frage, wie abhängig man sich eigentlich von den Menschen machen sollte, die man liebt.

Auf dem Roten Sofa

Das Thema Rassismus beschäftigt die Autorin selbst immer täglich – ob auf Twitter oder auf der Straße. Trotzdem findet sie nicht, dass es Unterschiede gibt, ob man sich gerade in London oder Berlin aufhält. Obwohl natürlich in London mehr farbliche Menschen leben.

Zu Besuch auf dem Roten Sofa bei der Leipziger Buchmesse erzählt Sharon Dodua Otoo im Gespräch mir Moderatorin Eva Wittekind, dass sie eher überraschend zum Autorenwesen gefunden hat:

Sharoon Dodua Otoo im Interview mit Moderatorin Eva Wittekind
Sharoon
 

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Sharon Dodua Otoo ist Autorin, Herausgeberin und Aktivistin. Sie ist in London geboren und aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus Ghana. Inzwischen lebt Otoo mit ihren vier Kindern in Berlin. 2016 hat sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihre Kurzgeschichte „Herr Göttrup setzt sich hin“ gewonnen.

Mirijam Nuenning hat die Geschichten aus dem Englischen übersetzt. Beide Novellen erschienen vorher einzeln bei edition assemblage.

Das Buch mit ihre Novellen „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle… und Synchonicity“ ist im Fischerverlag erschienen. Es hat 256 Seiten und kostet 9,99 Euro.