Die Kolumne

Deutsche Traumwelten

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Hanna Kormann über Royals, Italien und Klischees.
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Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

 Die Kolumne zum Nachhören:

"Deutsche Traumwelten" - die Kolumne von Hanna Kormann
Kolumne Hanna 2411

Ich war circa vierzehn Jahre alt, als mich das Ereignis des Jahrhunderts vor die Mattscheibe gefesselt hat. Zwei Milliarden Menschen waren weltweit gemeinsam mit mir zu Tränen gerührt. Nein, es war nicht die Papstwahl oder eine Olympia-Eröffnungsfeier. Es war die lebenslange Verbindung zweier Menschen. William und Kate, die Sweethearts einer ganzen Seniorengeneration, haben geheiratet. 2099 werden TV-Sender diese Hochzeit mindestens in den Top Ten der Highlights des 21. Jahrhunderts aufführen.

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Die Royals, wie sie lieben und leben. Das ist für die deutsche Mittelschicht 55+ eine der wichtigsten Prioritäten. Natürlich nach der Art und Weise, wie der Nachbar seinen Garten, seinen Balkon oder sein ganzes Leben gestaltet.

Nun war gestern Prinzessin Viktoria aus Schweden zu Gast in Leipzig. Doch zur Enttäuschung aller Royal-Fans: keine öffentlichen Auftritte – also keine Fotos und Videos, die man bei der nächsten Familienfeier rumreichen kann. Wo wurzelt die deutsche Besessenheit mit den wichtigeren, reicheren und schöneren Menschen?

Nun könnte man die tiefmenschliche Neugier nach Klatsch und Tratsch hernehmen, um seine eigenen Verfehlungen und Menschlichkeiten zu kompensieren. Die kann ja  länderübergreifend in allen westlichen Medienlandschaften beobachtet werden.

Doch ich möchte noch weiter gehen und sagen, dass spezifisch in der deutschen Mittelschicht etwas verankert ist. Etwas, das nach oben strebt. In eine Traumwelt, in der alles in Ordnung ist. Nach dem Zweitwohnsitz in Monaco. Nach dem Flanieren über den zwei Hektar großen Garten.

Diese Fantasie wird von den Royals präsentiert. Doch sie wird den durchschnittlichen Deutschen auch an einem anderen Ort serviert. Dem deutschen Fernsehen – genauer den öffentlich rechtlichen Sendern. Wenn man sich abends zum ‚Traumschiff‘, ‚Rosamunde Pilcher‘ oder dem ‚Traumhotel Bora Bora‘ aufs Sofa legt. Diese Filme haben mehrere Dinge gemeinsam. Keiner von Ihnen enthält Hauptcharaktere, die sozial jenseits der oberen Mittelschicht angesiedelt sind. Alle Charaktere sind überdurchschnittlich schön. Die Handlung spielt in einem gehobenen Hotel. Immer im attraktiven Ausland, sagen wir Italien. DAS Sehnsuchtsland der Deutschen – la dolce vita. Die Probleme der Charaktere reichen von: die Selbstfindung der frisch geschiedenen Managerin aus München, die jetzt einfach mal Zeit alleine verbringen will. Bis zu: Mittdreißigerin kehrt an ihren Heimatort in zurück. Natürlich ist sie verlobt und natürlich trifft sie dort ihre Jugendliebe. Nach 90 Minuten Hin und Her heiratet sie ihre erste Liebe. Und realisiert, dass sie 20 Jahre ihres Lebens verschwendet hat. Und alles ist immer so schön authentisch. In Irland wird im Pub natürlich wie in Riverdance gesteppt. In Italien singt der Straßenmusiker mit der Hauptdarstellerin gemeinsam Eros Ramazotti. Wie der italienische Alltag eben so aussieht.

Es ist eine projizierte Illusion, ein Zufluchtsort. Eine Traumwelt, der man sich hingibt, wenn man als Bankkauffrau im grauen Büro sitzt und gleich dem nächsten Kunden einen Vertrag verkaufen muss und den nächsten Urlaub in Mallorca plant. Oder als Polizist morgens am Schreibtisch mit Zeitung und Filterkaffee den Tag beginnt. Es geht über den gewünschten Reichtum und den Status und die Luxusgüter hinaus. Es geht um eine Flucht vor sich selbst, vor dem "Deutschsein". Man gibt sich einer fremden Kultur hin, die all das hat, was man an der eigenen vermisst. Spontanität, Lebensfreude, vielleicht auch Tradition. Was auch immer – es muss einen selbst nur aus dem eigenen tristen Alltag entreißen.

Und nächste Woche?

Geh ich zum Friseur und les die Gala. Fühl mich gerade bisschen einsam.

 

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Hanna Kormann
24.11.2017 - 13:26