Familie

Der Wunsch nach dem perfekten Kind

Dank der Pränataldiagnostik ist es möglich, bereits vor der Geburt zu erfahren, ob das Kind eventuell mit einer Behinderung auf die Welt kommt. Doch was macht diese Methode aus den Kindern? Wird Behinderung dadurch immer mehr ausgeschlossen?
Die Illusion des "perfekten Kindes"

Den Computer hochfahren, das Internet starten, die Website mit dem Katalog öffnen und los geht's: Zunächst das Geschlecht festlegen: hmm..., lieber ein Mädchen oder doch lieber ein kleiner Junge? Okay, ein Mädchen. Blond soll es sein, grüne Augen haben und in den ersten Monaten ruhig und unkompliziert sein. Es soll eine schöne Singstimme haben, kreativ sein, viel lesen, gerne Sport treiben, Papas Interesse für das Angeln teilen und, ganz wichtig, im Abitur später nur Einsen haben! Jetzt noch speichern und in den Warenkorb, die Adresse eintippen und...fertig. Voraussichtlicher Liefertermin: Sonntag in 9 Monaten. – So kann der Mythos vom sogenannten "Designerbaby" beschrieben werden. Diese Vorstellung, dass Eltern in Zukunft die Möglichkeit haben werden, ihre Kinder von vorne bis hinten durchzuplanen, ist aus medizinischer Sicht zum Glück utopisch. Aber dennoch kann die Medizin bereits vor der Geburt einiges über das Kind vorhersagen.

Komm, wir gehen ins Babykino

Während der Schwangerschaft gibt es verschiedene Untersuchungen für die Mutter und das Kind. Welche das sind, steht im Mutterpass. In der Regel nimmt die Frau drei Ultraschalluntersuchungen wahr, dabei wird das Baby auf Unregelmäßigkeiten und mögliche Behinderungen untersucht. Sollten die Ärzte dabei auf Auffälligkeiten stoßen, kann die Mutter detailliertere Untersuchungen in Anspruch nehmen. Zum Beispiel die Nackenfaltenausmessung oder eine Fruchtwasseruntersuchung. Jedoch wünschen immer mehr Eltern diese weiterführende Diagnostik, auch wenn das Kind laut Ultraschall ganz normal heranwächst. Dieser Wunsch rührt nach Angaben von Professor Doktor Holger Stepan, Leiter der Abteilung Geburtsmedizin des Universitätsklinikums Leipzig, daher, dass immer mehr Eltern nach einem "perfekten Kind" streben.

Das liegt zum einen daran, dass die Familien immer weniger Kinder kriegen. Und wenn die Frau und die Familie nur ein Kind hat, dann muss das Kind eben perfekt sein. Das war vor 50 Jahren anders. Da hatte man drei oder vier Kinder, da ist man vielleicht mit einer kleinen Unregelmäßigkeit noch anders umgegangen. Und wenn eine Schwangere jetzt zum ersten Mal ein Kind bekommt, geht sie natürlich davon aus, dass bei ihr alles okay ist. Keine Schwangere geht am Anfang davon aus, dass es bei ihr ein Problem geben könnte.

Professor Doktor Holger Stepan

Kann man diese Annahme, dass das eigene Kind absolut gesund auf die Welt kommt, wirklich verübeln? Immerhin bekommen die werdenden Eltern immer nur die absolute Perfektion vor Augen geführt. Egal ob Elternmagazine oder Kinderwagen-Werbung: Nur in den seltensten Fällen wird daraufhingewiesen, dass Kinder auch mit Behinderungen zur Welt kommen können. Kein Wunder also, dass viele die Tatsache verdrängen, dass zwei bis drei Prozent aller Säuglinge eine Anomalie aufweisen. Diese muss zwar nicht immer schwerwiegend sein, stört aber dennoch das Bild dieser Gesellschaft. Eva Brackelmann, Mitglied im Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik, findet eine gewisse Vorfreude in der Schwangerschaft in Ordnung, kann den Wunsch nach einem gesunden Kind nachvollziehen und findet Pränataldiagnostik dennoch schwierig.

Es gibt da diesen schönen Begriff, Babykino. Dass ich X-Mal zum Ultraschall renne und 35 CD´s brenne, um die der Familie vorzuspielen. Was soll das? Vorfreude wird in der Schwangerschaft immer mehr zu einem technisierten Vorgang. Es ist so, dass ich alles unter Kontrolle haben muss, aber das muss ich gar nicht. Es ist doch eine Phase, in der ich mich auf etwas freue und gemeinsam mit der Partnerin oder dem Partner schaue, wie man das Leben danach gestalten kann.

Eva Brackelmann

Die Gegner der Pränataldiagnostik sehen sie als einen Grund dafür, dass Behinderung immer mehr entwertet und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Obwohl immer über Inklusion geredet werde, führe die Pränataldiagnostik dazu, dass immer mehr Kinder mit Behinderungen abgetrieben werden. Immerhin liegt die Zahl der Mütter, die sich zum Beispiel bei der Diagnose "Trisomie 21" auch nach mehreren Monaten Schwangerschaft noch gegen das Kind entscheiden, bei über 90 Prozent. Professor Stepan betont jedoch, dass die Pränataldiagnostik keine Abtreibungsmaschinerie sei.

Wenn wir die Diagnose Trisomie 21 stellen, kommt von uns nicht sofort das Thema Schwangerschaftsabbruch auf den Plan. Ganz im Gegenteil, da werden Kontakte hergestellt zu Hilfsstellen und Selbsthilfegruppen. Und erst, wenn die Familie nach einem langen Zeitraum sich nicht in der Lage sieht das Kind zu bekommen, kann man sich im Einzelfall über eine Abtreibung unterhalten.

Professor Doktor Holger Stepan

Wie kannst du nur?

Sollten sich die Eltern dennoch für das Kind entscheiden, kann es passieren, dass sie von anderen Eltern vorwurfsvoll angesehen werden. Die Blicke implizieren Fragen, wie "Musste das denn wirklich sein?" und Anklagen, wie "Wie kannst du das deinem Kind nur antun?". Ein Kopfschütteln auf dem Spielplatz ist daher keine Seltenheit, sondern die Realität. Eva Brackelmann zufolge sei es für viele Eltern sehr dramatisch, wenn ein Kind nur etwas anders aussehe als andere Kinder. Ihr selber passierte folgende Geschichte:

Bei unserem zweiten Kind war nicht ganz klar, ob da vermeintliche Defekte da sind. Was mich als eloquente, nachfragende Frau verunsichert hat. Wir haben für uns die Entscheidung getroffen, das Leben ist lebenswert und wir machen es trotzdem. Unser Sohn hatte immer einen Schiefkopf und das ist total dramatisch für andere Eltern. „Hat dein Kind ein Downsyndrom?“, wurde ich gefragt. Und ich immer geantwortet: „Nein, nein hat er nicht“. Und dann habe ich mich gefragt, was war das denn gerade für eine Frage? So, oh Gott, können wir dir irgendwie helfen, anstatt zu sagen, ja okay egal dann spielen die jetzt eben trotzdem zusammen.

Eva Brackelmann

Diese Nicht-Akzeptanz von Andersartigkeit sei tief in der Gesellschaft verankert. Diese Auffassung teilen Gegner und Befürworter der Pränataldiagnostik. Professor Stepan zum Beispiel ist der Meinung, dass es die Gesellschaft sei, die nur noch den fitten, schönen, intelligenten Menschen wolle. Und auch Eva Brackelmann fragt sich, ob es wirklich die Norm sein muss, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. 

Die Pränataldiagnostik hat ihre Vor- und Nachteile. Zum einen verspüren wir alle den Wunsch nach einem gesunden Kind. Und die Pränataldiagnostik kann uns da absichern, wo wir vielleicht Angst und Zweifel haben. Sicherlich ist es eine Entlastung für werdende Eltern, wenn sie vor der Geburt entscheiden können, ob sie das Kind wirklich wollen. Andererseits sollten wir uns fragen, ob dieser Wunsch nach Norm wirklich vertretbar ist und ob es nicht an der Zeit ist, sich lieber über die Integration von Andersartigkeit als über ihren Ausschluss aus der Gesellschaft Gedanken zu machen.

Was macht Pränataldiagnostik aus den Kindern?
Pränataldiagnostik
 

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