Oper Leipzig

Der Teufel im Frauengewand

Der Freischütz gehört ohne Frage zu den Klassikern der deutschen Opernkultur. Oft wird dieses Stück sogar als die erste deutsche Nationaloper betitelt. Wie ist es der Leipziger Oper gelungen, dieses geschichtsträchtige Schauspiel zu inszenieren?
Oper, Leipzig
Max (Thomas Moor) prüft die Freikugeln

Am vergangenen Samstag feierte die Opernbühne in Leipzig die Premiere des Freischütz unter Regie von Christian von Götz. Die Musikalische Direktion übernahm Christoph Gedschold über sein Gewandhausorchester.

Zur Auffrischung

Carl Maria von Weber und sein Librettist Friedrich Kind verlegten diese romantische Oper in drei Aufzügen in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Geschrieben wurde sie im Jahre 1821.  Das Stück spielt in ländlicher Region unter Jägern und einfachen Leuten. Der Jüngling Max ist ein talentierter Schütze und verliebt in Agathe, die Tochter des Försters. Um jene heiraten zu dürfen und um die Nachfolge des Försters antreten zu können, muss er auf der Jagd mit dem sogenannten Probeschuss seine Treffsicherheit beweisen. Aus Angst und Aufregung vor dem Scheitern verbündet sich Max schließlich mit Kaspar. Jener ist vor Langem einen Pakt mit dem Teufel eingegangen und muss ihm deshalb regelmäßig Opfer bringen. Zuvor hatte sich Agnes für die Liebschaft mit Max entschieden und Kaspars Avancen verworfen. Der enttäuschte Jüngling Kaspar sinnt deswegen auf Rache. Er verspricht dem Teufel zu seiner eigenen Rettung, die Seele von Max. Auf Kaspars Anraten schmieden sie schließlich sieben Freikugeln. Sechs dieser Freikugeln finden sicher ihr Ziel. Die Siebte wird schlussendlich vom Teufel gelenkt. Die Letzte soll Max selbst treffen. Agathe träumt indes, sie wäre eine weiße Taube und würde von Max erschossen. Am Tag des Probeschusses erscheint der Landfürst Ottokar höchstpersönlich, um der Zeremonie beizuwohnen. Er bestimmt als letztes Ziel für Max eine weiße Taube. Voller Entsetzen läuft Agathe zufällig in das Fadenkreuz des Schusses. Auch Kaspar beobachtet das Spektakel von einem nahe gelegenen Baum aus. Als der Schuss fällt, fallen vorerst beide: Kaspar und Agathe. Der Teufel entscheidet sich jedoch dazu, Kaspars Seele zu nehmen. Agathe bleibt unverletzt. Das junge Paar – Max und Agathe – kann schließlich heiraten.

Das Ensemble

Hervorzuheben in dieser Leipziger Inszenierung ist Max, gespielt von Thomas Moor. Mit seinem kräftigen baritonalen Tenor, der stimmlich ein bisschen an Luciano Pavarotti erinnert, gestaltet er seine Rolle emotional und ausdrucksstark. Er verleiht seiner Rolle wirklich außerordentliche Authentizität. Weiterhin können sich Interessenten auf das Ännchen – Agathes Cousine – freuen, gespielt von Magdalena Hinterdobler. Mit schauspielerischer Leichtigkeit und wunderbar klarer Stimme entzückte sie das Publikum. Den Dank dafür erntete sie letztlich auch beim Applaus. Neben der Zustimmung für den Protagonisten Max, fiel jener am heftigsten aus. Ein wenig dieser fidelen Art hätte auch der Neuzugang der Oper, die israelische Darstellerin Gal James, gebrauchen können. Sie spielte die Agathe. Ihr Schauspiel war leider ein wenig mutlos und wirkte deshalb weniger authentisch. Die Sopranistin singt ihre lyrische Rolle oft zu weinerlich, zu verinnerlicht. Das lag aber auch an der Art der Inszenierung. Einige ihrer Szenen blieben spanungslos, weil sich ihre Monologe im einsamen Schlafgemach in die Länge zogen. Der Teufelspage Kaspar, gespielt vom Finnen und Bariton Tuomas Pursio, spielt seine Rolle grundsolide. Gesanglich, wie auch schauspielerisch. Manche Szenen hätten hier aber zur Spannungssteigerung mit mehr rhetorischen Pausen gestaltet werden können.

Die Musik

Zur musikalischen Unterlegung ist nicht viel zu sagen. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Gewandhausorchester war exzellent auf das Treiben der Bühne abgestimmt. Dirigent Gedschold nutzt einen sehr robusten Stil, der romantisch-forsch wirkt, aber auch sinnliche Streicher Soli beinhaltet. Fabelhaft waren auch die couragiert spielenden Bläser, die in sehr kräftiger Art und Weise spielten.

Das Bühnenbild

Das Bühnenbild ist der Zeitepoche der Romantik authentisch nachempfunden worden. Es wurde in seiner Gänze klassisch und schlicht gehalten. Das Stück selbst beginnt zunächst einmal in einem großen Gasthaussaal mit einigen hölzernen Festtafeln und einer großen gusseisernen Empore mit zwei Treppenaufgängen. Besonders an der Bühnenkonstruktion ist, dass sich der Raum drehen lässt. Auf der Nebenseite des ersten Raumes befindet sich dann das zweite Hauptbühnenbild. Es ist das Schlafgemach der Agathe.Dieser Raum ist spartanisch eingerichtet. Ins Auge fällt jedoch das Bett im Stile des Rokokos. Zwischen diesen beiden Räumen spielt sich der gesamte Plot ab. Die Szenen in der Wolfsschlucht spielen sich auch im Raum der Schenke ab. Die Tische werden dazu entfernt und samt einer Wand in die Höhe gezogen. Das wirkt eindrücklich und mutet magisch an. Hinter der hochgezogenen Wand erscheint dann eine Astkonstruktion aus der Samiel alias der Teufel erscheint. Die gusseiserne Stahlkonstruktion fungiert dann als Ort, von der Max in die Wolfsschlucht hinabsteigt. Alles in allem also ein gut gebautes und funktionales Bühnenbild.

Spannungsfaktor Teufelsfrau.

Durch die komplette Inszenierung hindurch wandelt eine weiße Gestalt durch das Stück. Dadurch bekommt die Aufführung einen spannenden Hauch. Es stellt sich von Anfang an die Frage, wer diese gespenstische Gestalt sein soll. Später stellt sich heraus, dass es der Teufel selbst ist, der omnipräsent um das Ensemble herumschleicht und seine Finger im Spiel hat. Vom Aussehen her ähnelt dieser Teufel aber einer Frauenleiche. Sie ist bleich, trägt knappe Kleider und hat große dunkle Augenringe. Auch ihre Stimme und ihr Schauspiel suggerieren, sie sei von den Toten auferstanden. Sie hätte aus einem modernen Horrorfilm stammen können. Was diese Art der Inszenierung sollte, das kann ich schlecht beurteilen. Einen gewissen Grad von Schauer und Spannung erzeugte sie auf jeden Fall.

Das Resümee

Durch den klassischen Charakter des Freischütz ergeben sich meiner Meinung nach Probleme hinsichtlich der zeitgemäßen Identifikation mit den Charakteren und dem Plot.  Die Problematik der Verlobung durch die Erbringung irgendeiner Leistung, der Pakt mit dem Teufel und dem dazugehörigen Aberglauben, das Erjagen von Tieren als Zeichen von Männlichkeit – das alles sind Themen, die in unserer heutigen westlichen Gesellschaft nur noch rudimentär eine Rolle spielen. Wer Freund der klassischen Oper ist, kann in Leipzig einen modern-psychisch angehauchten Freischütz sehen. Auf gesanglicher und musikalischer Ebene kommen Opernbegeisterte in jedem Fall auf ihre Kosten. Schauspielerisch gibt es jedoch noch Verbesserungsbedarf. Hier ist zu erwähnen, dass viele Szenen von rhetorischen Pausen profitiert hätten. Durch die Hektik einiger Schauspieler in einigen Szenen, verlor der Schaufluss leider an Authentizität.

Die Rezension zum Nachhören von mephisto 97.6 Redakteur Bobo Mertens finden Sie hier:

Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Redakteur Bobo Mertens
Studiogespräch über den Freischütz
 

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Bobo Mertens
06.03.2017 - 17:34
  Kultur

Wenn Sie Lust bekommen haben, sich ein eigenes Bild von der Inszenierung zu machen, können sie die romantische Oper noch am 18.03.17 ab 19:00 Uhr und am 30.04.17 ab 18.00 Uhr besuchen.