euro-scene 2017

Der Tanz auf dem Tisch

Das Foyer des Schauspielhauses wurde wieder zur Tanzarena, die Welt der zehn Solotänzer für einige Minuten zur Scheibe und das Publikum zum Juroren: Die erste Vorauswahl für das beste deutsche Tanzsolo sollte getroffen werden.
Moderator René Reinhardt (Mitte) bei seinen tigernden Runden über die Bühne.
Moderator René Reinhardt (Mitte) tigert über die Bühne.

Zum 13. Mal findet der Wettbewerb um "Das beste deutsche Tanzsolo" nun hier in Leipzig statt. Freitagabend um 22 Uhr begab sich das Publikum der euro-scene ins Foyer des Schauspielhauses, um selbst Teil der Jury zu werden. Ihre Stimme wurde neben der von vier ausgewählten Fachjuroren aus Choreografen, Tänzern und Kritikern mit einbezogen. Am Ende des Abends bestanden nur die fünf stärksten Beiträge, um für das Finale am Sonntag anzutreten.

Auf dem Präsentierteller

In der Mitte des Raumes: ein kreisförmiger, sieben Meter breiter Tanztisch. Er wirkt wie ein Präsentierteller für die zehn Wettbewerbsteilnehmer, ihr Schauplatz der Offenbarung. Denn das ist es, worum es geht an diesem Abend: um die Offenbarung tiefer Emotionen, das Erzählen intimer Geschichten. Weder Alter, Geschlecht, Nationalität noch Profession sollen eine Rolle spielen, lediglich die Individualität und Kreativität der Performance. Und so entsteht ein abwechslungsreiches Programm, das den Zuschauer trotz später Stunde noch in seinen Bann ziehen kann. Vom König der Löwen bis hin zu Terror und Krieg entführen die Tänzer das Publikum in ihre eigenen Erlebniswelten, lassen Schleier fallen und ihr (Herz-)Blut auf der Bühne - sie bringen Opfer für die Kunst.  Es erklingen bekannte Melodien aus alten Westernfilmen, aber auch das Zertreten von alten Coladosen, der eigene Atem - sogar ein scharfes Einatmen aus dem Publikum - werden als Grundlage zum Tanzen verwendet.

Moderator tigert über die Bühne

Nach jeder Performance mit anschließend tosendem Applaus erfolgt ein kurzes Interview durch den Moderator des Abends, René Reinhardt,  der die Teilnehmer umkreist wie ein Raubtier seine Beute. Die Künstler müssen nun Abstand nehmen vom geschützten Raum der Bühnenfigur und auf ganz persönlicher Ebene zu ihren Choreografien sowie deren Entstehungsgeschichte Stellung beziehen. Eine Chance für das Publikum, tiefere Einblicke in die Köpfe der Künstler zu bekommen und das soeben Gesehene möglicherweise besser zu begreifen - aber ist nicht gerade das Geheimnisvolle, das Undefinierte das Schöne an der Kunst? 

Kleine Pannen entwickeln Eigenleben

​Abgesehen von einem schlecht überspielten, jedoch weniger gravierenden Versprecher des Moderators und einem nicht geplanten Blutbad im Spiel mit Blechdosen, kommt es am Abend nur zu einem weiteren technischen Fauxpas. Für das Publikum fast unmerklich hatte die Tonaufnahme für die Performance einer Teilnehmerin wohl einen Sprung, weshalb ein und dieselbe Melodie unaufhörlich weiterspielte. Der eigene Tanz in Endlosschleife: Wunsch oder Albtraum?

 

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Nele Christoph
12.11.2017 - 12:43
  Kultur