„Der unsichtbare Teich“

Der straffe Zeitplan der Gesellschaft

Robert Sieg ist nicht nur erfolgreicher Absolvent der HGB, sondern auch der diesjährige Gewinner des Meisterschülerpreises der G2 Kunsthallen, dotiert mit 10.000 Euro. Über den Preis und die Hintergründe sprach Mia Kruska mit dem Künstler.
"Der unsichtbare Teich" - Robert Sieg
"Der unsichtbare Teich" - Robert Sieg

Das Spiel des Lebens, die Individualität, Selbstoptimierung und die Rolle die wir in einer konkurrierenden Gesellschaft einnehmen, davon handelt Robert Siegs Abschlussarbeit. Der Titel des filmischen Essays „der unsichtbare Teich“ ist eine Anlehnung an den griechischen Mythos des Jungen Narziss. Dieser verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild, verliert sich darin und geht schließlich daran zu Grunde.

So wie vielleicht auch der moderne Mensch in unserem immer schneller getakteten Gesellschaftssystem. Die Jury der Preisausschreibung beschreibt Robert Siegs Arbeit wie folgt:

Robert Sieg erzählt von einer Gesellschaft, in der das Individuelle oberste Priorität hat und in der Konsequenz permanente Selbstbehauptung und Selbstoptimierung in Konkurrenz zu anderen Individuen einfordert. [...] ‚Warum die Zukunft aufgehört hat zu existieren‘ – dieser Satz steht leitmotivisch vor dem Essay, der zwar aktives Hören und Sehen fordert, dessen Sogwirkung man sich jedoch kaum entziehen kann.

Offizielle Jürybegründung

Im Interview erzählt Robert Sieg von einer Situation, die seinen Film besonders prägte. Vor einigen Jahren, während er in einem Technoclub stand, wären ihm die Tanzenden aufgefallen, die sich in einem wahnsinnigen Liebeszustand befanden – durch Extasy chemisch verstärkt. Schockiert stellte er fest, dass die Menschen es nicht schaffen miteinander zu reden.

Das war für mich eine völlig faszinierende und gruselige Vorstellung. Im Prinzip habe ich mich immer gefragt wieso, wieso schafft diese Gesellschaftsform so krass Menschen zur Vereinsamung zu erziehen.

Robert Sieg, Künstler

Ja, wieso fordert unsere Gesellschaft die Vereinsamung mehr als das Zusammensein? Sein Film gibt weniger Antworten, als den Anstoß sich überhaupt mit dieser Fragestellung auseinanderzusetzten. Ein möglicher Grund sei die fremdbestimmte Erwartung unseres Systems sich fortwährend selbst zu optimieren. So konstatiert der junge Künstler:

Selbstoptimierung ist ein Fakt dem wir alle unterliegen irgendwie und man zweifelt auch immer an sich. Es ist vor allem auch so zweischneidig, weil wenn man einfach nur sagt man versucht ein besserer Mensch zu sein könnte man daran ja auch nichts Schlechtes sehen.

Robert Sieg, Künstler

Das Leben würde darauf basieren konkurrenzfähig und erwerbstätig sein zu können.

Robert Sieg bei der Preisverleihung
Robert Sieg bei der Preisverleihung

Das auf sich fokussierte Individuum läuft dabei Gefahr seine Mitmenschen vollkommen zu vergessen. Hinzu kommt der unsere Gesellschaft bestimmende Kapitalismus und die einhergehenden sozialen Strukturen, denen sich selbst Robert Sieg nicht entziehen kann.

Wie finanzieren und gestalten wir unser Leben? Gerade für freischaffende Künstler eine essentielle, wenn nicht sogar existentielle Frage, denn sie stehen mit ihrem künstlerischen Schaffen immer auch im Spannungsfeld zwischen Kreativität und lebenssichernden Verdienst.

Umso schöner, wenn man im Falle Siegs, ein Preisgeld in Höhe von 10.00 Euro gewinnt. Auf die Frage, was er mit diesem Geldseegen vorhabe, antwortet der Künstler resigniert:

Kulturschaffen in Deutschland ist tatsächlich nicht so leicht, ich habe eine Menge Bildungsschulden, also Bafög und so, das heißt, das werde ich mal gut einsetzen um einen Teil davon zurückzuzahlen und dann werde ich mir vielleicht eine Kamera kaufen.

Robert Sieg, Künstler

Robert Sieg möchte mit seinem Metaphorischen Titel „Der unsichtbare Teich“ der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. So können wir uns am Ende fragen auf welchem Erfolgstreppchen wir stehen wollen? Was wird von uns erwartet und was erwarten wir von uns? Ist die nötige Selbstreflexion, um diese Fragen zu beantworten nicht auch ein Teil unseres Systems?  

Die im Film dargestellte Gesellschaft antwortet:

Wir messen dich nur an einem: Am Erfolg. Denn Erfolg ist seine eigene Rechtfertigung. We really just believe in what we are doing. Misserfolg ist übrigens auch seine eigene Rechtfertigung. In jedem Fall bist du selbst verantwortlich.

Aus dem Film "Der unsichtbare Teich"

Hören Sie hier den Beitrag nach:

Mia Kruska über den Film "Der unsichtbare Teich"
2410 Robert Sieg mit Audio
 

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Ausstellung der Meisterschülerinnen und Meisterschüler der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) 2017
Ausstellung: 11. Oktober – 4. November 2017
Öffnungszeiten: Di.–Fr. 14:00–18:00 Uhr, Sa. 12:00–16:00 Uhr
Ort: Galerie und Festsaal der HGB, Wächterstraße 11, 04107 Leipzig