euro-scene 2015

Der Schulhof der Winde

Das Kinderstück ist immer eine besondere Herausforderung auf der euro-scene, beispielsweise wegen der Sprachbarriere. Die Franzosen von La corde à vent umgehen dieses Problem geschickt mit einem szenischen Konzert.
cour d'éole
Sylvain Nallet spielt den Glockenbaum

Musik im Boden, Musik in den Bäumen

Es ist ein magischer Ort. Schon der Titel des Stückes spielt mit der Kraft der kindlichen Vorstellung. Denn "La cour d'éole" ("Der Schulhof") scheint nur auf den ersten Blick einen Schreibfehler (in der Originalsprache) zu enthalten: Es ist ein Schulhof, aber es ist auch der Hof des griechischen Gottes Aiolos. Auf dem Boden ist im Schatten eines Baumes ein großes Hüpfspiel aufgemalt. Doch es ist weder ein normales Hüpfspiel noch ein gewöhnlicher Baum - ganz abgesehen davon, dass er blau ist. Alles auf dieser Bühne ist beseelt von Tönen.

Zwei Tonerfinder

Die Regisseurin Claire Monot erzählt die Geschichte eines Kennenlernens. Da kommt jemand auf einen fremden Hof und findet dort einen Baum, der voll mit Dosen behangen ist, sozusagen ein Glockenbaum. Also fängt er an, damit zu spielen. Dann kommt der Bewohner des Hofes und begrüßt den Gast ruppig. Er scheint die etwas ungeschickte Art seines Besuchers anstrengend zu finden. Doch die Liebe zur Musik bringt sie einander näher, also erkunden sie gemeinsam den musikalischen Ort.

Die Geschichte ist also nicht umfangreich, es gibt keine großen Konflikte, keine eindrucksvollen Verwandlungen. Vielleicht geht es um Liebe. Sylvain Nallet und Gérald Chagnet sind zu allererst Musiker und keine Schauspieler - deswegen scheinen ihre Figuren auch nicht so weit von ihren wirklichen Charakterzügen entfernt zu sein. Und deswegen erzählen sie auch von der Musik.
Vor allem Jazz erfinden die beiden auf der Bühne. Dafür nutzen sie allerlei Tricks, denn auch ein Hüpfspiel erzeugt Töne, sobald die Darsteller in das richtige Kästchen treten. Mithilfe der digitalen Aufnahmen schichtet Gérald Chagnet zahlreiche Klänge übereinander. Doch das Schönste und Faszinierendste sind die Instrumente, da die Musiker neben der Klarinette und der Mandoline ganz eigene Instrumente gebaut und erfunden haben. Beeindruckend ist beispielsweise das Windfahrrad, denn es wächst während der stummen Handlung zu einer beinahe absurden Größe: Statt das zweite Rad wieder hinten einzubauen, stellt es Sylvain Nallet daneben, sodass es sich dreht, wenn er in die Pedale tritt. Weitere Räder werden nach und nach oben auf das Windrad gesetzt, das aus drei Regenmachern besteht, die sternförmig zusammengeschraubt wurden. Darunter kommen noch drei Vogelpuppen, die durch die Drehung einer Winde auf Dosen klopfen - fertig ist das Windfahrrad und bietet ein ulkiges Schauspiel.

Wie die Musik entsteht

Der beste Indikator für ein gutes Kinderstück ist natürlich die Frage, ob es dem Publikum, für das es gemacht wurde, gefällt. Nun ist es zwar nicht schwer, den Kindern ein "Das war doch schön" zu entlocken, denn sie sind noch dankbar. Aber ihr Verhalten verrät viel: Still und gespannt saßen alle da und haben dem Treiben der Musiker zugesehen. Immer wieder erklang fröhliches Lachen. Im Nachhinein sind die Musiker fasziniert davon, dass das deutsche Publikum doch so anders war als das französische. In Frankreich haben sie das Gefühl, die Kinder würden mehr auf das Spiel zwischen den beiden achten, während das Publikum bei der euro-scene mehr daran interessiert sei, wie die Musiker ihre Töne erzeugen, sagen sie. So oder so, es macht Spaß den Beiden beim Musikprobieren und Tonzaubern zuzuschauen - und natürlich auch zuzuhören.

Wer ein Stück ohne Worte macht, den zwingt niemand, ein Interview mit Worten zu geben. Deswegen hat Thilo Körting von "La corde à vent" keine normalen Antworten erwartet.

La corde à vent geben ein musikalisches Interview (Das Intro wurde von Friederike Bernhardt für die euro-scene komponiert)

Thilo Körting, Friederike Bernhardt

iv ohne worte

 

 

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"La cour d'éole" ist ein szenisches Konzert, das ganz ohne Worte auskommen will. Die nächsten Aufführungen in Leipzig sind am Sonntag, den 8. November, um 11 Uhr und um 15.30 im Theater fact.