CD der Woche

Der Schlüssel steckt von Innen

Liebeskummer-Herzschmerz-Musik gibt es viel. Doch was hört man, wenn man sich grade getrennt hat, allein ist und es ok findet? Wir empfehlen da die neue Scheibe der Band "Die Höchste Eisenbahn".
Romantisch wie eine Zugfahrt: Die Band "Die Höchste Eisenbahn"
Romantisch wie eine Zugfahrt: Die Band "Die Höchste Eisenbahn"

Musik in der es nicht um Liebe geht sei ein Irrtum. Das hab ich neulich im Zusammenhang mit der neuen Kuschelrock-CD gelesen. Da ist wohl was dran. Trotzdem muss man ja nicht gleich zum Plüschkissen in CD-Form greifen. Auf dem neuen Album der Berliner Band „Die Höchste Eisenbahn“ geht es zwar auch um Liebe – in so ziemlich allen Songs, ja – aber zum romantisch kuscheln ist die Band um die beiden Singer-Songwriter Moritz Krämer und Francesco Wilking dann doch zu nachdenklich. Naja und seien wir mal ehrlich: die ganz große romantische Liebe wie sie auf den Kuschelrock CDs besungen wird (Phil Collins, Tina Turner & Rod Stuart haben sie vielleicht noch erlebt), gibt es vielleicht so gar nicht mehr. Die Liebe heutzutage kommt manchmal ganz leise und ohne Trommelwirbel, Geigen und Patrick Swayze aus. Genau wie das zweite Album von „Die Höchste Eisenbahn“. Es ist Ehrlich, Melancholisch und Gefühlvoll. Dabei an den richtigen Stellen ein bisschen frech. Ihre Texte sind schlau, aber nicht gekünstelt. Es geht um ganz einfache Dinge, in denen dann aber doch eine ganze Menge steckt. In Blumen zum Beispiel:

 

Die Eisenbahn bringt uns hin

Angefangen hat alles mit einem gemeinsamen Auftritt der beiden Singer-Songwriter Francesco Wilking – Sänger der Band Tele – und Moritz Krämer. Es folgten außerdem Zusammenspiele mit Leuten wie Gisbert zu Knyphausen und Judith Holofernes, Sängerin der Band Wir Sind Helden. 2013 kam dann ihr erstes Album raus. „Schau in den Lauf Hase“ heißt es und es erntete viele gute Kritiken. Als „unverschämt poppig“ könnte man es beschreiben. Und das zeichnet „Die Höchste Eisenbahn“ wohl in der deutschen Musikszene aus. Ihre Musik ist definitiv banaler als Tocotronic aber dennoch ein bisschen gewiefter als Bands wie „Von Wegen Lisbeth“. Dabei bringt ihre Musik eine Melancholie mit sich, die eine gewisse Traurigkeit ausdrückt, aber nicht runterzieht. Ihre Songs sind meist kleine Geschichten, die Fragen stellen und diese dann auch beantworten: Wo führt das hin? Woher kommt es denn? Und dann die große titelgebende Frage: Wer bringt mich jetzt zu den Anderen? 

Lustig, dass du das sagst, so seh ich's auch

Die besten Ideen hat man manchmal kurz vor dem Einschlafen. Man döst so vor sich hin und dann BÄMM – die zündende Idee! Dann versucht man das irgendwie abzuspeichern. Doch meistens ist morgens dann doch alles weg. Bei den Texten der Band „Die Höchste Eisenbahn“ klingt es so, als hätten die beiden Sänger eine Taschenlampe und einen Zettel und einen Stift neben dem Bett liegen. Und wenn dann der geniale Einfall oder die passende Formulierung kommt, knipsen sie die Taschenlampe an und schreiben schnell eine Notiz. Ihre Zusammenarbeit mit genreübergreifenden Künstlern wie den beiden Rappern Retrogott und Fatoni zeigt, dass ihnen ihr Indie-Scheitel nicht wie Scheuklappen ins Gesicht hängt. Sie sind offen für Kollaborationen, wenn es eben passt. Die Features gibt es jedoch nur auf der Deluxe Version des Albums zu hören. 

Die Landschaft beim Rausschauen

Bei einer Band mit dem Namen „Die Höchste Eisenbahn“ nicht an eine Eisenbahn-Romantik-Rundfahrt zu denken ist schwierig. Man guckt aus dem Fenster, die Landschaft zieht vorbei, man freut sich auf die Brotbüchse mit den Schnittchen und vielleicht ist das nette Lächeln vom Sitznachbar oder von der Sitznachbarin sogar ernst gemeint. Ach, schön! Dazu das neue Album der Berliner Band als Soundtrack, ja das passt. Und wenn sich dann sogar ein Gespräch entwickeln sollte und sie oder er fragt, was man denn gerade anhört, kommt die Antwort: „Die Höchste Eisenbahn“ ist wohl auf jeden Fall besser als „Kuschelrock Vol. 28“. Ist es dann vielleicht doch der Beginn einer ganz großen Liebe? Wer weiß...

 

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Tina Küchenmeister
22.08.2016 - 18:41
  Kultur

Die Höchste Eisenbahn: WER BRINGT MICH JETZT ZU DEN ANDEREN

Tracklist:

1. Wir haben so lange nachgedacht bis wir wütend waren

2. Lisbeth*

3. Gierig

4. Timmy*

5. Jemand ruft an

6. Wer bringt mich jetzt zu den Anderen*

7. Nicht atmen

8. Gute Leute

9. Stern

10. Beschweren

11. Woher denn

12. Blume

13. Erobert&Geklaut

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 26.08.2016
Tapete Records

Überall wo wir sind, sollt auch ihr sein... zum Beispiel am 6.11.2016 im Täubchenthal. Da spielt "Die Höchste Eisenbahn" live.