Leïla Slimani: "Dann schlaf auch du"

Der Preis des Glücks

Leïla Slimani gilt als „die aufregendste literarische Stimme“ Frankreichs. Ihr neuster Roman „Dann schlaf auch du“ wurde 2016 mit dem höchsten Literaturpreis Frankreichs ausgezeichnet. Auch hierzulande sorgt ihr Roman für Aufregung.
Buchcover von "Dann schlaf auch du"

Der Roman beginnt mit dem Albtraum aller Eltern: Als die Anwältin Myriam Massé früher als geplant von der Arbeit nach Hause kommt, findet sie ihre beiden Kinder ermordet vor. Das Kostbarste, was sie besitzt, genommen von der geliebten Nanny:

Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. (...) Die Kleine dagegen war noch am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hat sich gewehrt wie eine Wilde. (...) [Die Nanny] hat sich die Handgelenke aufgeschlitzt und das Messer in die Kehle gerammt. (S. 9-10)

Aber wie konnte es nur zu so einer Tragödie kommen? Denn das Glück schien perfekt.

Das Paar Paul und Myriam Massé führt eine glückliche Ehe. Sie wohnen in einem schönen Gebäude im 10. Arrondisement in Paris. Da es beiden schwerfällt, Kinder, Karriere und andere Verpflichtungen unter einen Hut zu bekommen, beschließt das Paar eine Nanny zu engagieren. Nach einigen Rückschlägen hat das Paar endlich Glück. Sie finden die ideale Nanny: Louise - wie aus dem Bilderbuch

Wenn sie von dieser ersten Begegnung erzählt, sagt Myriam gern, dass es vollkommen offenkundig war. Wie Liebe auf den ersten Blick. (S.24)

Nur wenige Wochen vergehen, da ist Louise unersetzbar für die Familie Massé geworden: Die Kinder sind versorgt, der Haushalt gemacht und Überstunden sind auch kein Problem. Endlich können sich Paul und Myriam voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren. Doch wie sehr kann man einem fremden Menschen vertrauen?

Großartig erzählt

Obwohl die Autorin das Ende vorwegnimmt, schafft ihr kühler, ruhiger Erzählstil eine bedrückende und spannungsgeladene Atmosphäre. Die Sätze sind wie Pfeile: kurz und prägnant. Sie lassen den Leser erst gar nicht zur Ruhe kommen. Fieberhaft sucht man nach den Beweggründen der Nanny. Aber genau das - eine Erklärung - verschweigt die Autorin.

Vom Aufbau ähnelt "Dann schlaf auch du" eher einem Psychokrimi, der Roman will aber gesellschaftskritisch sein. Slimani kritisiert hier vor allem die französische Mittelschicht, die so aufgeklärt und weltoffen scheint. Aber sie ist geprägt von widersprüchlichen Wertevorstellungen und Vorurteilen.
So wird erst nach und nach die Kluft zwischen der Familie Massé und der Nanny deutlich. Durch Rückblenden in Vergangenheit von Louise merkt der Leser schnell, dass sie mit ihrem Leben ebenso überfordert ist wie Myriam und Paul. Sie ist eben auch nur ein Mensch, der fehlbar ist und Schwäche zeigen darf.

(...) das Telefon klingelt. Louise entschuldigt sich mit kaum hörbarer Stimme. Sie ist so krank, dass sie es nicht geschafft hat, aufzustehen. (...) Myriam ist etwas überrumpelt von dieser simplen Erklärung. Sie schämt sich ein wenig, dass sie daran gar nicht gedacht hat. (S. 152)

Fazit

Die Geschichte ist zwar spannend, aber nicht überragend. Der Roman ist mitreißend, aber nicht nachhaltig. Das Ende fällt im Vergleich zum Anfang relativ schwach. Als Leser wird man einfach mit ein paar Andeutungen und zu vielen ungeklärten Fragen zurückgelassen.
Dennoch überzeugt Leïla Slimani mit ihrem ruhigen und fesselnden Erzählstil. Diesen Roman kann man definitiv nicht so leicht aus der Hand legen und ist aufgrund der bewegenden Thematik auf jeden Fall lesenswert.

Die Rezension zum Nachhören finden Sie hier:

"Dann schlaf auch du" - eine Buchrenzension von Louisa Grübler
Buchrezension zu "Dann schlaf auch du"

 

 

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Originaltitel: Chanson douce
Übersetzt von: Amelie Thoma
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 223 Seiten
Preis: 20,00€
Bestellnummer: 978-3-630-87554-5