euro-scene 2017

Der mit dem Speer tanzt

Friedrich Schillers Dramenentwurf "Die Maltheser" ist kaum bekannt. Vielleicht hat er gerade deswegen die Choreografin Irina Pauls interessiert. Sie hat daraus ein Tanzstück entwickelt und es bei der euro-scene präsentiert.
Im alten Gewölbe der Schaubühne Lindenfels kommen der Ritterorden perfekt zur Geltung.
Im alten Gewölbe der Schaubühne Lindenfels kommt der Ritterorden perfekt zur Geltung.

Ein mysteriöses Stück deutscher Literaturgeschichte ...

Die Räuber, Kabale und Liebe, Maria Stuart… zumindest eins von Schillers Dramen mussten die meisten von uns in der Schule lesen. Die Maltheser hingegen nicht – kein Wunder, die Tragödie nach griechischem Vorbild wurde nämlich nie fertiggestellt. Schiller schuf ein grobes Setting, einige Regieanweisungen und Dialoge, aber zu wenig um alleine in großer Auflage veröffentlicht zu werden. Irina Pauls hat sich aber vorgenommen, Die Maltheser trotzdem auf die Bühne zu bringen. Und da Pauls an der renommierten Palucca Hochschule für Tanz in Dresden ausgebildet wurde liegt nahe, dass sie das in einem Tanzstück tut. Das Ergebnis hat einen etwas sperrigen Namen: It’s Schiller! Die Maltheser. Tragödie. Gestern wurde das Projekt beim euro-scene Festival in der Schaubühne Lindenfels aufgeführt.

... und auch sonst sehr historisch!

It’s Schiller! Die Maltheser. Tragödie. passt wunderbar in das Festivalprogramm. Zwar ist das Stück keine Rekonstruktion wie vieles andere bei der euro-scene, aber dem Motto "Ausgrabungen" wird es trotzdem gerecht. Recherchiert man zu dem Dramenentwurf, ist erstaunlich wenig zu finden. Irina Pauls musste ihn gewissermaßen also auch ausbuddeln, um ihm Leben einzuhauchen. Dafür bedient sie sich bei vielen Elementen, die Schiller schon fest für seine Geschichte vorgesehen hatte. Die Maltheser erzählt von einem Ritterorden auf Malta vor seinem anstehenden Kampf gegen die Ungläubigen, die osmanischen Feinde vom Festland. Das Setting spiegelt sich unter anderem in den Kostümen wieder, denn die Tänzer tragen alle das spitze, gespaltene Malteser-Kreuz auf der Brust.

Mord & Totschlag

Der Kampf als Hauptmotiv wird in der Choreografie laufend verbildlicht, mal mehr, mal weniger deutlich. Zu Beginn sind die Bewegungsmuster noch sehr offen für Interpretation: die acht Tänzer kriegen einander immer wieder zu fassen und stoßen einander auf den Boden. Am Ende der ersten Szene bleiben dann alle bis auf einen liegen, ein Überlebender vielleicht? Die Schlacht gegen die Belagerer wird aber auch weniger subtil dargestellt, zum Beispiel wenn die Tänzer mit Holzstangen in die Luft stoßen, als wären es Speere. Gegen Ende wird es sogar sehr offensichtlich, wenn die Tänzer mit Rüstungsplatten, Armschienen und so weiter unter lautem Kampfgeschrei aufeinander scheppern. Gerade die Mischung aus subtilen und konkreten Elementen macht den Reiz der Choreografie aus, da sie genau das richtige Maß an Greifbarkeit wahrt, statt so sehr im Abstrakten zu bleiben wie andere moderne Tanzperformances. Ein weiteres sehr mundgerechtes Schmankerl ist der Gesang der Ordensritter, ein wundervoller gregorianischer Choral. Die Chorpassagen sind par excellence einstudiert und ein absolutes Highlight des Stücks.

Schwächen? Ja. Schwach? Nein.

Im Kontrast zur stimmlichen Inbrunst im Choral machen die Bewegungen leider teilweise einen kraftlosen Eindruck. Gerade die Übergänge zwischen intensiven Tanzfiguren zu einem entspannten "durch den Raum wegtrotten“ bleiben zu weich. Wenn man die Figuren schon immer wieder gewissermaßen aufbricht, dann hätte ein scharfer Ruck dem Ablauf oft gut getan. Desweiteren harmonieren Musik und Tanz nicht optimal. Wenn ein Instrumentalteil gerade zu Ende geht, die Tanzpassage aber noch nicht und der Tanz daraufhin still weiterläuft, dann springen in meinem Kopf sämtliche Neurosen an. Dagegen wurde der Bühnenraum der Schaubühne Lindenfels jedoch perfekt genutzt und komplett bespielt. Die Wahl der Spielstätte ist ohnehin perfekt – das alte Gemäuer gibt die Atmosphäre einer Ordensburg optimal wieder. Zusammen mit dem brillianten Gesang überwiegen letztendlich die positiven Eindrücke.

 

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Maximilian Enderling
09.11.2017 - 19:39
  Kultur

Das 27. Festival zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes Leipzig, kurz euro-scene 2017, steht ganz unter dem Motto "Ausgrabungen" und setzt daher besonders auf Rekonstruktionen. Werke einiger der größten Choreografen des Zwanzigsten Jahrhunderts werden dafür quasi ausgebuddelt, unter anderem die der 1993 gestorbenen Tänzerin Gret Palucca. Damit übernimmt die euro-scene die wichtige Verantwortung des Erhalts historischer Tanzstücke. Viele Choreografen des vergangenen Jahrhunderts weigerten sich, große Teile ihrer Arbeiten in Videos zu dokumentieren, da Tanz nun einmal auch vom Moment lebt. Mit den Rekonstruktionen wird das Leipziger Publikum in diesem Jahr vielleicht keine exakte Zeitreise machen, aber sicherlich einen kleinen Blick in die Tanz- und Theatergeschichte werfen.

Das euro-scene Festival findet seit 1991 statt und bringt damit schon seit unmittelbar nach der Wende internationale Performance-Highlights nach Leipzig. Für die hiesige Theaterkultur ist das eher die Ausnahme, da in Deutschland der Löwenanteil an Produktionen von kommunalen Spielstätten und nicht von mobilen Kompanien umgesetzt wird. So ist die euro-scene enorm wichtig, um auch renommierten Künstlern wie Alain Platel die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeiten auch hierzulande bei Gastspielen zu präsentieren.

 

Dienstag

19:30 Das Triadische Ballett

Mittwoch

16:00 Goldkugeln der Tanzgeschichte

19:30 Das Triadische Ballett

19:30 Von Serenata bis Totentanz

22:00 It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

Donnerstag

17/20/23 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

19:30 It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

19:30 Von Serenata bis Totentanz

22:00 Bombyx Mori

Freitag

16/17/18 Uhr Pakman

17/20/23 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

19:30 Vangelo

22:00 Bombyx Mori

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo

Samstag

14/17/20 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

16/17/18 Uhr Pakman

17:00  Zwei Giraffen tanzen Tango

19:30 The wanderer's peace

19:30 Five easy pieces

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo

Sonntag

11/15/16 Uhr Pakman

11/14/17 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

17:00 The wanderer's peace

17:00  Zwei Giraffen tanzen Tango

19:30 Five easy pieces

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo