Kolumne

Der Mensch über allem?

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Charlotte Siemoneit über Algenteppiche im Cospudener See, und was die mit dem Klimawandel und geschredderten Küken zu tun haben.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Charlotte Siemoneit über Algen, und was die mit der menschlichen Existenz zu tun haben.
Algen-Kolumne

Am Sonntag war ich am Cospudener See baden und habe immer wieder Gesprächsfetzen von den umliegenden Grüppchen aufgeschnappt. Unweit von mir lagen zwei Frauen. Als sie ins Wasser gehen wollen, fangen sie an sich über die Algen aufzuregen, die dort wachsen.

Mich persönlich haben sie beim Reingehen nicht gestört. Im Gegenteil: Dadurch haben die kleinen Steine nicht so gepiekt und es hat sich angefühlt, wie auf einem weichen Teppich ins Wasser zu waten.

Wie auch immer, die beiden Frauen hätten die Algen am liebsten alle einzeln ausgerissen. Doch statt an den vermeintlich perfekten Badesee mit glasklarem Wasser zu denken, sollten wir Menschen vielleicht die Dinge zuerst hinterfragen, bevor wir uns aufregen. Zudem sollten wir aufhören uns immer und immer wieder auf eine höhere Ebene zu setzen als andere Lebewesen - nur weil wir ein größeres Gehirn, mehr Zellen und einen beweglichen Daumen haben. Sind andere Lebewesen deshalb weniger berechtigt zu existieren?

Ja, ich setze uns - den homo sapiens, eine Spezies die zum Beispiel das Penecilin entdeckt hat - mit Algen gleich. Statt uns übermächtig gegenüber den grünen Wuchern zu fühlen, sollten wir dankbar sein für ihre Existenz. Denn ohne Algen könnten wir Menschen vermutlich gar nicht existieren:

Wie auch andere Pflanzen betreiben sie Photosynthese, allerdings viel effizienter. Algen produzieren jedes zweite Sauerstoffmolekül in der Atmosphäre. Damit sind sie hauptverantwortlich für die Sauerstoffproduktion und den Sauerstoff brauchen wir Menschen schließlich zum Atmen.

Zudem waren Algen mit die ersten Organismen der Erde, die Sauerstoff produziert haben. So haben sie die giftige Uratmosphäre damit angereichert. Und sie letztlich in die sauerstoffreiche Atmosphäre verwandelt, von der wir heute leben können. Ohne die Algen könnte tierisches Leben auf der Erde also gar nicht existieren.

Und auch für die Zukunft der menschlichen Existenz sind Algen von enormer Bedeutung. Denn sie haben enormes Potenzial, was den Klimawandel angeht: Algen reduzieren den Treibhauseffekt. Denn sie binden Co2 aus der Atmosphäre in organische Stoffe. Und das effizienter als andere Pflanzen: Sie wandeln dreimal mehr CO2 um.

Daneben können Algen eine Alternative zu Energie-Lieferanten wie Raps oder Mais sein: Denn sie produzieren auch 30-mal mehr Öl. Das kann man wiederum als Biosprit nutzen. Im Gegensatz zu Raps oder Mais brauchen Algen auch keine großen Ackerflächen, sondern lediglich Wasser, Licht, Co2 und ein paar Nährtoffe. Bisher werden Algen für Biosprit aber noch nicht genutzt: Der Aufwand war bisher sehr hoch– und somit auch mit hohen Kosten verbunden. Im März hat jetzt aber ein Forscherteam aus Utah ein spezielles Verfahren entwickelt: Mit dem lässt sich Sprit aus Algen unter geringem Energieaufwand herstellen.

Hinzu kommt: Auch ganz lokal können Algen Probleme, die mit dem Klimawandel einhergehen, lösen oder zumindest dabei helfen. Ich denke dabei an den Strukturwandel in der Lausitz. In Senftenberg gibt es ein Startup, das züchtet gerade eine bestimmte Algenform mit dem Namen Spirulina. Denn auch der Gründer des Startups sieht das große Potenzial der Pflanzen, besonders als Energielieferanten. Er habe auch schon erste Anfragen von Vertriebsfirmen bekommen.

Werden auf Braunkohlerevieren also bald Labore mit Algenkulturen stehen? Ich finde die Vorstellung gar nicht schlecht. Und es zeigt sich, was für ein Potenzial in den von uns Menschen doch oft so verachteten Algen steckt. Was der Mensch auf der Erde kaputt gemacht hat, können sie retten- zumindest in Ansätzen. Bevor wir Menschen uns also über die Existenz anderer Lebewesen erheben, sollten wir uns eine Frage stellen: Sind wir wirklich so überlegen, dass wir das Recht haben, über die Existenz anderer Lebewesen zu entscheiden?

Diese Frage hätte auch gestern am Bundesverwaltungsgericht Sinn gemacht. Die Debatte um das Schreddern von Küken hatte es immerhin bis dahin geschafft. Jetzt zeigt das ernüchternde Urteil aber: Der Mensch zieht seinen eigenen Luxus immer noch vor - auf Kosten anderer Lebewesen. Und das alles nur, damit das Frühstücksei am Sonntagmorgen möglichst billig ist. Dieses Gefühl der uneingeschränkten Überlegenheit muss, meiner Meinung nach, schnellstens ein Ende nehmen.

 

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Charlotte Siemoneit
14.06.2019 - 11:59