Straßenmusik

Der Mann mit der Piccoloflöte

Die Straßenmusikerszene in Leipzig ist wie eine Küche: Wer die Hitze nicht ertragen kann, muss weichen. Das sagt Daniel AvRutick über seine tägliche Arbeit. Seit 20 Jahren spielt er in der Fußgängerzone Flöte für die Passanten.
Flötenspieler Daniel AvRutick ist in der Leipziger Fußgängerzone unterwegs.
Flötenspieler Daniel AvRutick ist am liebsten in der Leipziger Fußgängerzone unterwegs.

Der 66-jährige Daniel AvRutick kommt aus Washington D.C. und studierte Piccoloflöte. Er liebt sein Instrument. Für ihn ist die Flöte ein sehr spirituelles Instrument. Die anderen seien zwar auch alle gut, aber sie ist für ihn einfach eine stärkere Vermittlung von reinem Geist.

Freier Lebensstil

Mit zwanzig Jahren pilgerte AvRutick nach San Francisco und traf dort erstmals auf Straßenkünstler. Besonders ihr freier Lebensstil und das Weltenbummlertum begeisterten Daniel. Daraufhin erlernte er selbst diese Kunst und reiste unter anderem durch die USA, Kanada, Südamerika, Marokko und Europa. Vor zwanzig Jahren entschied er sich dann dafür, in Leipzig zu bleiben. Für Straßenmusiker sei die Stadt ein guter Ort. Es gäbe eine Menge Leute, die kommen und spielen, so wie eine große Variation an Instrumenten.

Streitigkeiten und Stress

Dennoch ist es nicht immer einfach für Daniel. Es gäbe Streitigkeiten mit dem Ordnungsamt und auch sonst viel Stress auf der Straße. Wegen Problemen mit seinem Visum musste er Leipzig auch schon zeitweise verlassen. Doch trotz aller Schwierigkeiten ist er immer wieder zurückgekehrt. Finanziell gesehen ist Daniel auf jede Münze angewiesen.

Alles Geld, das ich habe, kriege ich durch die Straßenmusik. Ohne habe ich gar keine Versicherung, bekomme keine Rente, keinen Cent. Von diesem Standpunkt ist es eine Überlebenssache.

Die Passanten wach rütteln

Daniel sucht den Kontakt zu seinen Mitmenschen. Wenn er in der Fußgängerzone Flöte spielt, läuft er zum Beispiel neben einem Passanten her und schaut ihm dabei tief in die Augen. Manchmal bietet er Passanten auch die Hand an.

Das mache ich nur für die Freundschaft mit ihnen, aber auch um die Leute ein wenig aus ihren kleinen Gewohnheiten zu stoßen. Versuchen, das ist die Aufgabe von wahren Straßenkünstlern. Ein wahrer Straßenkünstler soll die Leute ein wenig zum Erwachen bringen, sie schütteln und rütteln. Aber nicht zu viel.

Zusammen spielen

Daniel möchte nicht nur die Passanten, sondern auch die anderen Straßenmusiker aus ihrer Reserve locken. Früher sei er immer weitergezogen, wenn Konkurrenz aufgetaucht ist. Doch dann habe er entschlossen, stehen zu bleiben und sich den anderen Musikern anzupassen. Das sei sein Markenzeichen. Eine Art Kunst. Er weiß, dass das die meisten Musiker eher ärgert als freut. Doch Daniel sagt, es brauche Persönlichkeit um die Leute zu necken. Man müsse ein bisschen Arschloch sein.

Kritik

Ich habe auch viele Feinde und bekomme Kritik und Schimpfe von den Leuten. Wegen meiner Stimme [...] und wegen meinem Charakter. Aber ich habe einen Trieb und ein inneres Gefühl, dass das was ich mache gut und ein Fortschritt für die Kultur in der Stadt ist.

Mit diesen Gedanken spielt Daniel fast täglich von 10 bis 18 Uhr in der Innenstadt. Sein Lieblingsplatz zum Musizieren ist zwischen Marktplatz und Uni Campus. Das sei einer der ganz heißen Hotspots.

Unsere Redakteurin Ronja Binus hat Daniel AvRutick einige Stunden in der Innenstadt begleitet:

Ronja Binus hat Daniel AvRutick begleitet.
1209 Straßenmusiker Daniel
 

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Ronja Binus, Nadja Bascheck
14.09.2017 - 13:18
  Kultur