1. Literaturnobelpreis für einen Musiker

Der Literat Bob Dylan

Am Samstag bekommt Bob Dylan den Literaturnobelpreis. Der Musiker wird damit für seine poetischen Neuschöpfungen in der amerikanischen Songtradition ausgezeichnet. Doch sind Dylans Songs Literatur? Und wer hat ihn literarisch beeinflusst?
Bob Dylan
Bob Dylan hat in den letzten Jahrzehnten hunderte Songs geschrieben

Mitte der siebziger Jahre: Zwei Gestalten streifen über den Edson-Friedhof von Lowell, Masachusetts – entlang an Grabsteinen und kahlen Baumgerippen. Der Ältere von beiden ist der Dichter Allen Ginsberg: voluminöser Vollbart, Halbglatze, drahtig-rundes Brillengestell auf der Nase. Eine Ikone der amerikanischen Counter-Culture und Beat-Generation – Autoren, die in den fünfziger Jahren mit neuen Formen experimentierten, Konformität anprangerten, Macht, Gier, Krieg und Unterdrückung. Die sich auf eine spirituelle Suche machten und ihre Leser auf die Reise gleich mitnahmen. Der Jüngere von beiden ist Bob Dylan. Seit Jahren sind er und Ginsberg enge Freunde. Zwischen Haufen aus vertrocknetem Laub sprechen sie über die Gräber berühmter Schriftsteller.

Bob Dylan: Have you ever been to Chekhovs grave? – Allen Ginsberg: No but I’ve been to Mayakovskis in Moscow. What graves have you seen?

Es ist der 3. November 1975. Noch am Vorabend hat Dylan ein Konzert in der Stadt gespielt. Jetzt ist er mit Ginsberg auf dem Weg zum Grab einer weiteren Beat-Ikone: Jack Kerouac. Alkoholsucht und eine kaputte Leber hatten Kerouac Ende der Sechziger dahingerafft. Am Grab angekommen lesen die beiden Passagen aus seinem Gedichtband Mexico City Blues.

Spätes Treffen mit Kerouac

Für Dylan ist es das zu späte Treffen mit einem Jugendidol, ein Blick auf seine musikalischen Anfänge. Kerouacs Schriften begleiten ihn seit seinem Studium. Sie finden sich wieder in Songtiteln, Texten, Interviews seiner Zeit in New York. Dylans gesamte Biografie ist von ihnen durchsetzt.

Ich kam aus der Wildnis und rutsche ganz von allein in die Beat-Szene, die Bohème, die BeBop-Clique. Es hat mich gewissermaßen aufgeweckt: Jack Kerouac, Ginsberg, Corso und Ferlinghetti. Es war Magie, jeder Tag war wie ein Feiertag. Als ob es auf mich gewartet hätte. Das war genauso wichtig für mich wie Elvis Presley.

Als Dylan 1961 nach New York kommt, verbringt er seine Tage im Folkclub Gaslight. Er spielt hier Musik, um sich über Wasser zu halten. Es ist die Zeit von „Blowin' in the Wind“, von Songs, die nach ratternden Güterzügen klingen. Das Gaslight ist eine Anlaufstelle für Wort- und Lebenskünstler. Unter den New Yorker Beat-Poeten gewöhnt sich Dylan schnell einen neuen Sound an.

Fackel an die nächste Generation

1965 veröffentlicht er den Song „Subterranean Homesick Blues“ – da ist die Beat-Szene bereits tief in Dylans musikalische Sprache eingedrungen. In seinem neuen Tempo hallt der Klang von Kerouacs Poesie nach. Der Songname „Subterranean Homesick Blues“ ist angelehnt an einen Roman des Beat-Poeten. Im Video zum Lied sieht man Ginsberg. Der trifft Dylan 1963 zum ersten Mal auf einer Party und wird daraufhin zu seinem Mentor.

Ich hörte „Hard Rain“, wenn ich mich richtig erinnere – und weinte. Weil: Es schien, als ob die Fackel an die nächste Generation weitergereicht worden war.

Doch vor all dem – vor Ginsberg und seinen Beatpoeten – steht die Seeräuber-Jenny. Anfang der Sechziger sitzt Dylan in einem Off-Broadwaytheater in New York. Eigentlich will er nur Zeit totschlagen. Irgendwo hinter den Kulissen arbeitet seine damalige Freundin Suze Rotolo. Aufgeführt an diesem Tag wird „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Dylan ist auf der Stelle gepackt.

Jeder Song schien, als käme er aus irgendeiner obskuren Überlieferung, als hätte er eine Pistole in seiner Tasche. Sie waren wie Folksongs in ihrem Wesen, aber auch anders als Folksongs – weil sie anspruchsvoll waren, raffiniert. Nach wenigen Minuten fühlte ich mich, als ob ich dreißig Stunden lang weder geschlafen noch gegessen hätte, so tief steckte ich drin. Der Song, der den größten Eindruck auf mich hinterließ, war eine atemberaubende Ballade. Ihr Titel war „Seeräuber-Jenny“.

Die Seeräuber-Jenny lässt Dylan nicht mehr in Ruhe. Er hört das Lied immer wieder, geht zu mehreren Vorstellungen. Zu Hause in seinem schmucklosen Apartment seziert er ihre Struktur. Lange hatte er nur versucht, seine Vorbilder zu imitieren, war dem Folkpionier Woody Guthrie nachgeeifert. Nun stellt er fest:

Woody hat niemals einen Song wie diesen geschrieben. Es war kein Protestsong oder zu einem aktuellen Thema und es steckte kein Funke an Menschenliebe darin. Ich sah, dass die Songs, die ich singen wollte, nicht existierten und begann mit Formen zu spielen – versuchte einen Song zu machen, der über seinen eigenen Inhalt hinauswuchs, seine Charaktere und seine Handlung.

In seiner Autobiografie spricht Dylan von einem Moment der Erkenntnis. Er plündert Zeitschriften, sucht darin nach Geschichten für seine Musik. Liegt hier das große Geheimnis? Der Ursprung? Ist kalte Realität die finale Zutat für Dylans Texte, gerissen aus dem Leben? Ein Literat in der Tradition von Charles Dickens? Ein Geschichtenerzähler wie Ernest Hemingway? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Dylan selbst sieht die Versuche aus dieser Zeit als gescheiterte Experimente. Irgendetwas habe gefehlt, wird er später schreiben. Für den Erfolg reicht es. Noch im Oktober 1961 unterzeichnet Dylan seinen ersten Plattenvertrag.

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Das Missverständnis Bob Dylan

Der junge Bob Dylan mausert sich Anfang der Sechziger zum Liebling der Folkszene an der amerikanischen Ostküste. Seine sozialkritischen Lieder treffen den Nerv der Zeit. Ein gesellschaftlicher Wandel geht durch die USA – die Regierung bekämpft mit Reformprogrammen die Armut und baut das Bildungssystem aus. Junge Menschen engagieren sich zunehmend politisch, Bürgerrechtsbewegungen treten immer selbstbewusster auf. Und mittendrin Bob Dylan, der von Rassendiskriminierung, Krieg und politischem Versagen singt.

Kein Folk-Sänger

Doch er ist kein Folk-Sänger wie Pete Seeger, der optimistisch den Aufbruch in eine bessere Zeit beschwört. Dylan blickt skeptisch auf die Dinge und weiß geschickt die Stimmung im Land einzufangen. Schnell betrachtet die Gegenkultur ihn als Symbolfigur, als wütenden Propheten, der gegen die Ungerechtigkeit ansingt. Eine Rolle, mit der Dylan wenig anfangen kann. In seiner Autobiografie schreibt er:

Ich hatte stets nur schnörkellose Lieder gesungen und kraftvolle neue Ereignisse dargestellt. Ich hatte kaum etwas gemeinsam mit dieser Generation, von der ich angeblich die Stimme war, geschweige denn, dass ich viel von ihr wusste.

Unbequeme Messias-Rolle

Seine Messias-Rolle wird Dylan im Laufe der Zeit immer unbequemer. Mitte der Sechziger wendet er sich mehr und mehr von der ihm so wohlgesonnenen Folk-Gemeinde ab: Seine Akustik-Klampfe tauscht er gegen die E-Gitarre aus. Ein Hochverrat für viele Folk-Fans. Auf Konzerten wird er ausgebuht, sogar als Judas beschimpft. Dylan geht umso konsequenter seinen eigenen Weg. Im Fokus der Öffentlichkeit bleibt er aber trotzdem – dafür identifiziert sich die Gegenbewegung immer noch zu stark mit ihm. Ausgebrannt vom Tour-Stress und dem Druck der Öffentlichkeit zieht sich Dylan 1966 schließlich aufs Land zurück.

Ich hatte eine Frau und Kinder, die ich mehr liebte als alles andere auf der Welt. Ich versuchte, für sie zu sorgen, keinen Ärger zu haben. Aber die großen Nervensägen in der Presse nannten mich weiterhin die Stimme, den Sprecher oder gar das Bewusstsein einer neuen Generation. Das war verrückt.

Genauso verrückt wie einige Fans: Sie reisen aus ganz Amerika an, kampieren in der Nähe seines Hauses, machen ein normales Familienleben nahezu unmöglich. 1970 veröffentlicht er das umstrittene Album „Self Portrait“ – als wolle er seine Fans befriedigen, würfelt er Cover-Songs, lieblose Eigenkompositionen und Live-Aufnahmen zusammen.

Dylan verstehen?

Die Erwartungen unterlaufen, sich neu erfinden – das soll auch Dylans restliche Karriere prägen. Er war von Anfang an eine Kunstfigur, die sich immer weiterentwickelt hat. Dadurch geht einerseits eine große Faszination von ihm aus, andererseits lässt er sich kaum einordnen. Dylan zu verstehen ist nahezu unmöglich. Er selbst hat es einfacher ausgedrückt:

Wer ist Bob Dylan? Ich bin nur Bob Dylan, wenn ich Bob Dylan sein muss. Die meiste Zeit bin ich einfach ich selbst.

 

 

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Markus Lücker, Carsten Richter, Julien Reimer
09.12.2016 - 17:42
  Kultur