Konzertbericht

Der lässige Boykott

Viele Menschen denken bei Hip Hop nicht als erstes an Bescheidenheit. Dass dem nicht so ist, zeigen die Rapper Luk&Fil, also Negroman und Nepumuk, bei ihren Auftritten. Wir waren bei ihrem Konzert in der Alten Damenhandschuhfabrik zu Leipzig dabei.
Luk&Fil, das sind Negroman (li.) und Nepumuk (re.)

Es ist kurz nach 23 Uhr. Jetzt müsste es eigentlich gleich losgehen. Doch Negroman, aka „der Andere von Luk&Fil“, steht noch an der Bar in der Alten Damenhandschuhfabrik. Er ordert drei Jägermeister Shots und balanciert sie über die Bühne ins Backstage. Die Schlagrichtung ist damit eindeutig. Absolut kein Stress. Alles zu seiner Zeit. Manche würden das „Gemütlichkeit“ nennen, andere „Authentizität“, ich „die machen das genau richtig“.

Test

Und dann geht es los. Luk&Fil betreten die Bühne. Und legen direkt los. Kein Vor-Act, kein „HAAALLO, LEIPZIIIG!“, kein „Kommt doch mal nach vorne!“ sondern einfach nur Musik. Zugegeben, zu Beginn ist das Publikum noch etwas unterspannt und Luk&Fil wirken auch noch nicht ganz warm. Aber in der Nüchternheit ihres Auftritts liegt so viel Understatement, dass jede Show-Einlage und jedes Crowdpleasing völlig unangebracht wäre. Viel zu meta sind die Jungs aus Mainz. Viel zu viel Reflexion über die Lächerlichkeit einer Konzertsituation. Im Interview sagen sie mir augenzwinkernd, in unserer durchkapitalisierten Welt gehe man sowieso nur aus Effizienzgründen auf Konzerte. „Um später was zu erzählen zu haben.“ Mit ihren Worten im Hinterkopf wirkt der Auftritt wie ein Protest dagegen, wie ein Boykott von Hip Hop- und Musik-Konventionen in ultra lässig und überhaupt nicht überheblich.

Melancholisch und selbstsicher

Denn auf der Bühne sind sie völlig authentisch. Also ihrer Musik entsprechend. Und so grooved man im Publikum durch die knapp 75 Minuten ihres Konzerts. Hört, wie sie Musik von verschiedenen Alben, mal old- mal newschoolig, mal Nepumuk, mal Negroman solo, darbieten. Ein guter Freund von mir hat über die Musik von Luk&Fil mal gesagt, er höre sie am liebsten, wenn er nach dem Sex alleine wieder nach Hause läuft. Denn sie vermittele eine großartige melancholische und dennoch selbstsichere Stimmung, erzähle Geschichten vom (jungen) Menschen in dieser Welt, die sie permanent infrage stellen. Den Finger erheben sie jedoch nie. Sie rappen vielmehr aus der Perspektive derjenigen, die wissen, dass es keine Wahrheit und keine Eindeutigkeiten gibt. So machen sie sich einerseits über Moden lustig und scherzen etwa über den Einsatz von Autotune, andererseits rappt Negroman später selbst damit.

Der Mensch legt seinen Kindern gerne Keuschheitsgürtel an / doch deponiert die Schlüssel, wo er sie im Vollrausch finden kann.

Luk&Fil, "Huso"

Wenn sie über Moral nachdenken, vergessen sie nie den gesellschaftlichen Kontext in dem sie sich bewegen. Jede Kritik an anderen, sei demnach eine Kritik an ihnen selbst, jedes „Du“ sei gleichzeitig ein „Ich“. Ein Feindbild, das sie jedoch hätten, seien „weiße, reiche Spießer“. Folgerichtig fragt sich Nepumuk in einem Song auf der Bühne, wieso er immer besonders deutlich spreche, wenn er mit alten, weißen Menschen spricht. Zustimmendes Lachen und Applaus.

Luk&Fil - Nullpunkt (mit Anthony Drawn)

Attitüde der Fehlbarkeit

Im Laufe des Konzerts kommt das Publikum dann richtig in Fahrt. Auch, weil Luk&Fil richtig Gas geben. Ohne jedoch zu sehr in Plattitüden abzurutschen. Die Fassade ist heute nicht so wichtig. Und so schenken die Jungs zwischendurch noch Pfeffi aus, als DJ Uwe pinkeln muss, dann geht er kurz von der Bühne und tut es. Wenn ein Beat nicht aufzufinden ist, rappt Negroman einfach Acapella. Gegen Ende kommt es dann tatsächlich doch noch zu Auftrittsfloskeln. Ein Konzert bleibt eben immer noch ein Konzert und ein bisschen Call&Response hat ja auch noch niemandem geschadet – wofür sich Luk&Fil jedoch sofort lächelnd entschuldigen. In ironischer Erhabenheit. Die Stimmung ist prächtig. Was ihre Lieblingsfloskel sei, will ich wissen. Als Antwort bekomme ich ein verschmitztes „Kauf! Kauf!“. Und selbst das kommt sympathisch rüber, wenn sie nach dem Auftritt eine Hand voll Vinyl an einem wackeligen Tischchen verkaufen.

Luk&Fil bleiben an diesem Abend ein Gesamtpaket. Als sie minutenlang auf der Bühne überlegen, ob sie noch einen Song als Zugabe hätten. Und als sie in den Endzügen ihres Auftritts ins Publikum treten. Und als sie nach ihrem Konzert noch ans DJ-Pult treten, um nur für sich und die zwanzig verbliebenen Gäste US-Trap aufzulegen.

Luk&Fil im Portrait von Til Schäbitz:

Luk&Fil im Portrait von Til Schäbitz
Luk&Fil im Portrait von Til Schäbitz
 

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