Filmrezension "ES"

Der Horror der Kindheit

Bereits am Startwochenende hat die Neuverfilmung von Stephen Kings "ES" in den USA sämtliche Rekorde gebrochen und ist die erfolgreichste Stephen King-Verfilmung aller Zeiten. Doch wie gut ist der Gruselfilm wirklich geworden?
Bill Skarsgard in "ES"
Das Grauen aus der Kanalisation - Pennywyse der Clown

Der Himmel ist grau, es regnet in Strömen. Der kleine Georgie (Jackson Robert Scott) spielt mit seinem Papierschiff, bevor er von einem unheimlichen Clown in die Kanalisation gezogen wird. Einige Zeit später will Georgies Bruder Bill (Jaeden Lieberher) dessen Verschwinden aufklären. Ein namenloses Grauen ist in die Kleinstadt Derry gekommen. Ein Grauen, das in der Kanalisation lebt und alle 27 Jahre an die Oberfläche kommt, um zu fressen. "ES" erscheint dabei in verschiedensten Formen und Gestalten, am häufigsten aber in Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgard).

Neuauflage einer Legende

ES ist nicht nur der wohl berühmteste Roman von Horror-Großmeister Stephen King, sondern verstörte auch eine ganze Generation von Lesern. Immerhin kann man mit Recht behaupten, dass dieser Roman und später dessen TV-Verfilmung erheblich zum Horrorclown-Hype beigetragen haben, der seit einiger Zeit auch im realen Leben für Schlagzeilen sorgt. Da die erste Verfilmung des Stoffes jedoch ziemlich schlecht gealtert ist, wirkt es wie eine Erlösung, dass nun, 27 Jahre später und zum 70. Geburtstag von Stephen King, endlich eine würdige Verfilmung der Vorlage in die Kinos kommt. Dafür nimmt man sich extra viel Zeit. ES behandelt quasi nur eine Hälfte des etwa 1500 Seiten umfassenden Romans, nämlich die Kindheit der Protagonisten. Auf Zeitsprünge wird verzichtet und was im Erwachsenenalter der Figuren passiert, darum soll es dann in ES: Teil 2 gehen, der für 2019 angekündigt wurde. 

Hier unten fliegen wir alle

Die Geschichte von ES dreht sich um viel mehr als nur den berühmten Horrorclown. Im Kern handelt es sich um eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Liebe, Freundschaft und über den Schrecken der Kindheit. Kurz: ES handelt im Grunde genommen von den großen Themen des Lebens. Etwas ärgerlich ist dabei die extreme Schwarz-Weiß-Malerei, denn während den reinen, unverdorbenen Kindern fast eine göttliche Überhöhung verliehen wird, sind alle anderen Figuren in ihrem Umfeld das pure Böse. Die Eltern sind pädophil, herrisch oder nur mit sich selbst beschäftigt und die Mitschüler mobben den "Club der Verlierer" - so nennen sich die sieben Freunde -  auf brutale Art und Weise. Und dann wäre da noch das undefinierbare Es, das jede beliebige Form annehmen kann, um den Kindern das Leben zur Hölle zu machen und deren Ängste und Traumata ans Tageslicht bringt. Einige Charakterentwicklungen werden zu schnell abgehandelt. Am Ende reichen eben selbst 130 Minuten nicht ganz aus, um dieses Monstrum von einem Buch komplett auf die Leinwand zu bringen.

ES
ES kofrontiert die Kinder mit ihren Ängsten

3,2,1...BUH!

Es war eine große Überraschung, dass ausgerechnet Regisseur Andrés Muschietti für das Projekt angeheuert wurde, dessen Film Mama zuletzt viel Kritik einstecken musste. Mit dem überdrehten Hokuspokus von Mama hat ES aber zum Glück nichts gemeinsam. ES trifft trotz vieler künstlerischer Freiheiten immer den Kern der Romanvorlage und dürfte jeden Fan zufriedenstellen. Die Atmosphäre schwankt überzeugend zwischen Melancholie, Sommerferien-Stimmung und angenehmem Grusel. Die Coming of Age - Geschichte wird von einem phänomenal guten Kindercast getragen und mit überraschend viel Humor erzählt. Leider sind ausgerechnet die gruseligen Momente des Horrorfilms eher enttäuschend. Zwar sind einige der auftauchenden Horrorgestalten kreativ in Szene gesetzt, aber Regisseur Muschietti wählt zu oft den einfachsten Weg und greift auf plumpe Schreckeffekte zurück, die oftmals so vorhersehbar sind, dass deren Wirkung verpufft. Wenn der Horrorclown zum fünften Mal zu einem lauten Geräusch in die Kamera springt, verlieren dessen Auftritte von Mal zu Mal an Wirkung. Auch wenn man anmerken muss, dass es dem Schweden Bill Skarsgard beeindruckend gelingt, in Tim Currys Fußstapfen zu treten. Skarsgards Pennywise ist wahrhaft ein unheimlicher Psychopath.

Fazit

ES ist nach Stanley Kubricks The Shining und Rob Reiners Misery die bisher beste Stephen King - Verfilmung. Das ist besonders dem brilianten Cast und der stimmungsvollen Atmosphäre zu verdanken. Lediglich die Horrormomente sind etwas zu konventionell geraten und erinnern teilweise eher an eine Kirmes-Geisterbahn als einen furchteinflößenden Horrorschocker.

 

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"ES" ist der Eröffnungsfilm des Fantasy Filmfests 2017.

Screening-Termine

MÜNCHEN – 06 Sep / 20.00 Uhr
HAMBURG – 07 Sep / 20.00 Uhr
STUTTGART – 07 Sep / 20.00 Uhr
BERLIN – 13 Sep / 20.00 Uhr
FRANKFURT – 14 Sep / 20.00 Uhr
KÖLN – 21 Sep / 20.00 Uhr
NÜRNBERG – 21 Sep / 20.00 Uhr

 

"ES"

Regie: André Muschietti

FSK 16

Laufzeit: 135 Minuten

deutscher Kinostart: 28.09.2017