Filmkritik "Killing of a Sacred Deer"

Der Hirsch, das Blut und das Göttliche

Regisseur Yorgos Lanthimos war mit "The Lobster" und "Dogtooth" bereits auf Oscarkurs. Mit seinem neuen Psychothriller "The Killing of a Sacred Deer" festigt er seinen Ruf als einer der aktuell interessantesten Filmemacher überhaupt.
Szene aus "The Killing of a Sacred Deer"
Colin Farrell stürzt seine Familie ins Unglück

Wer ist dieser Junge, den Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) jeden Tag nach der Arbeit trifft? Er macht ihm teure Geschenke, scheint sich um ihn zu sorgen und doch weiß anfangs niemand so genau, woher der 16 jährige Martin (Barry Keoghan) eigentlich kommt. Fakt ist nur, dass sich Martin bald in der scheinbar perfekten kleinen Familie des Chirurgen einnisten und deren Leben zerstören wird. Oder zerstört sich die Familie selbst? Martin will Steven als seinen Vater haben und versucht, ihn mit seiner alleinerziehenden Mutter (Alicia Silverstone) zu verkuppeln. Als Steven die Aufdringlichkeit des Jungen zu viel wird und er den Kontakt abbrechen will, belegt Martin dessen ganze Familie mit einem Fluch. Ein Mitglied aus Stevens Familie muss sterben, ansonsten sind alle dem Tode geweiht.

Szene aus "The Killing of a Sacred Deer"
Martin belegt Steven mit einem Fluch

Die Tote auf dem Bett

Yorgos Lanthimos ist einer der wenigen zeitgenössischen Regisseure, denen es gelungen ist, einen ganz eigenen, unverkennbaren Stil zu entwickeln. In unterkühlten Bildern inszeniert er ein völliges Emotionsvakuum. Echte menschliche Regungen sind selten zu erleben und wenn sie vorkommen, dann häufig in Verbindung mit purem Terror. Mit seinen Sektionen gesellschaftlicher Beziehungen und der surrealen Zwischenwelt, in der diese stattfinden, siedelt sich Lanthimos zwischen Michael Haneke und David Lynch an und doch ist es ein ganz eigener Stil, den es so in keinem anderen Film zu erleben gibt. Unter Arbeitskollegen wird die erste Periode der Tochter diskutiert, die Kinder philosophieren über das Ausmaß ihrer Körperbehaarung. Vor dem Schlafen legt sich die von Nicole Kidman gespielte Mutter wie narkotisiert aufs Bett, damit ihr Mann über die Wehrlose herfallen kann.

Szene aus "The Killing of a Sacred Deer"
Nicole Kidman muss ihre Familie rett

Allein die vermeintlichen Alltagssituationen sind von so einer grotesken Komik und furchteinflößenden Kälte geprägt, dass sie das Publikum frösteln oder vor Scham erröten lassen. Das menschliche Miteinander in Lanthimos´ Filmen ist unheimlich und satirisch-komisch zugleich. Man ist bereits verstört, bevor die eigentliche Geschichte überhaupt einsetzt.

Erst die Lähmung, dann bluten die Augen!

The Killing of a Sacred Deer (dt.: Die Tötung eines heiligen Hirsches) ist eine Art moderne Adaption der antiken Legende der Iphigenie. Deren Vater Agamemnon hatte einst den Lieblingshirsch der Göttin Diana erlegt, welche daraufhin den Herrscher in eine schreckliche Situation brachte: Entweder er opfert seine Tochter Iphigenie oder es kommt kein Wind auf, der von den Griechen so dringend benötigt wird, um nach Troja in den Krieg zu ziehen. Diese Versuchsanordnung wiederholt Lanthimos auf ähnliche Art und Weise und lässt dabei zwei Stunden lang die Familie in einen Abgrund stürzen. Spannend daran ist vor allem, dass niemand gezwungen wird, sich auf die übernatürlichen Elemente einzulassen, denn man kann The Killing of a Sacred Deer ebenso als brutale Parabel über Unmenschlichkeit, Rache und Betrug sehen.

Die mythische Atmosphäre dieser Geschichte ist dennoch unübersehbar. So erhält der junge Martin eine unheimliche religiöse Überhöhung und die Kamera blickt von oben auf die Charaktere herab, als befänden sie sich in einem Puppenhaus und würden von einer höheren Macht manipuliert werden, von all den rätselhaften Vorkommnissen ganz zu schweigen. Lanthimos lässt die Welt der "Götter in Weiß" mit einer übernatürlichen Grausamkeit kollidieren, was die Zuschauer*innen mehrfach vor den Kopf stößt und letztlich völlig verstört zurücklässt.

Szene aus "The Killing of a Sacred Deer"
Steven hat einen bösen Plan

Furchteinflößendes Kammerspiel

Zu Schuberts Choral Jesus Christus schwebt am Kreuzel zeigt Regisseur Lanthimos eine Operation am offenen Herzen. Bereits diese Ouvertüre sorgt für Entsetzen. Die Geschichte entwickelt später einen unheimlichen Sog und lässt die befremdliche Komik immer wieder in das kalte Entsetzen umschlagen. Im Hintergrund ertönen dissonante oder schwere sakrale Klänge und treiben die Anspannung zusätzlich in die Höhe. The Killing of a Sacred Deer läuft letztendlich auf ein brutales, abgründiges Finale hinaus, das einerseits unerwartet und doch absolut konsequent erscheint. So ganz schlau wird aus dem Geschehen wohl niemand werden, vor allem da sich die Geschichte jeder rationalen Erklärung entzieht. Fakt ist, dass Yorgos Lanthimos ein zutiefst verstörender Psychothriller gelungen ist, der das Publikum quält, aber zweifellos zu den besten Filmen des Jahres 2017 zählt. The Killing of a Sacred Deer ist ein bitterböses, komplexes Meisterwerk und eine Regieleistung sondergleichen.

 

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The Killing of a Sacred Deer

Regie: Yorgos Lanthimos

Laufzeit: 121 Minuten

FSK 16

Kinostart: 29.12.2017

Cast: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Alicia Silverstone, Raffey Cassidy, Sunny Suljic und viele mehr

weitere in Deuschland erschienene Filme des Regisseurs:

Dogtooth, Alpen, The Lobster