Theaterrezension

In der Hell of Fame

Wer hat sich nicht schon einmal überlegt, wie es wäre, ein Rockstar zu sein? Die neue Studioinszenierung des Schauspiels Leipzig namens „Birdland" zeigt nun die Schattenseiten dieses „Traumberufes"...
"Birdland" am Schauspiel Leipzig
Rockstar Paul - gespielt von drei Darstellern

Sex, Drugs, Rock ´n Roll

Paul ist ein berühmter Rockstar. Mit seiner Band tourt er durch die ganze Welt und spielt in den größten Arenen. Seine Fans lieben ihn. Doch hinter der schillernden Fassade ist Paul ein selbstverliebtes Monster, ein moderner Narziss. Mit seinem Erfolg kann er kaum umgehen und zerstört mit seinem exzessiven Streben nach ewigem Ruhm nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umwelt. Eines Tages schläft er mit Marnie, der Geliebten seines Band-Kollegen Johnny. Als Paul droht, den Seitensprung öffentlich zu machen, begeht Marnie Selbstmord. Schuldgefühle versucht er zu verdrängen, doch fortan befindet sich Paul endgültig in einer Abwärtsspirale, aus der es für ihn kein Entrinnen mehr gibt.

Birdland basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Simon Stephens, der zu den berühmtesten zeitgenössischen Dramatikern Englands zählt. Inspiriert wurde Stephens dabei von Bertolt Brechts Baal, in dem es ebenfalls um einen talentierten Künstler geht, der an seinem eigenen ordinären Benehmen zu Grunde geht.

Die Besonderheit bei dieser Leipziger Inszenierung des Stückes ist, dass Protagonist Paul gleich von drei Darstellern gespielt wird. Somit bekommt an als Zuschauer permanent einen Eindruck davon, wie zersplittert Pauls Persönlichkeit ist. Er ist zwar einerseits Opfer seines eigenen Strebens, auf der anderen Seite aber auch ein Getriebener der äußeren Umstände. Eine entwurzelte Persönlichkeit, die nirgends sesshaft werden kann.

Ein Platz in der Hall of Fame?

Henrike Engels Bühnenbild unterstreicht dieses Lebensgefühl von Paul auf intensive Art und Weise. So spielt sich die gesamte Handlung in einem einheitlichen Bühnenbild ab. Halbkreisförmig angeordnete schwarze Wände mit mehreren Türen bilden eine Art Durchgangszimmer. Rückzugsorte gibt es kaum. Privatsphäre existiert im Leben eines Rockstars, der rund um die Uhr von nervigen Fans, Managern und Journalisten belästigt wird, niemals. Sobald Paul versucht, Momente der Einsamkeit, der Ruhe zu genießen, platzt wieder eine Person durch eine der Türen in das Zimmer. Über allem prangt die sogenannte „Hall of Fame" mit Heiligenporträts von Stars wie Kurt Cobain. Doch drei Porträts sind noch leer. Drei Leerstellen, die darauf warten, von Paul „gefüllt" zu werden, untertitelt mit „Until I Find My Way Back Home". Doch Paul wird niemals nach Hause zurückkehren können. Einmal in den Abgründen des Showbusiness angekommen, gibt es kein Entkommen mehr. So verwandelt sich die Bühne schließlich in einer grotesken Szene mit einem Chor, bestehend aus lästigen Fans, in Pauls persönliche „Hell of Fame"...

Die Hölle der Musikbranche in "Birdland"
Ein Platz in der Hall of Fame?

Überraschende Zurückhaltung

Obwohl die Handlung sehr vorhersehbar ausgefallen ist und keinerlei Wendungen zu bieten hat, unterläuft die Inszenierung zumindest in zweierlei Hinsicht die Zuschauererwartungen. So wartet man vergeblich auf Rockmusik. Untermalt wird ein Großteil der Szenen von bedrohlichen klingenden Streichern und die Konzertszenen bestehen aus extrem laut dröhnenden Bässen, bevor Paul zuckend unter der Last des Geschäfts zusammenbricht. Und auch die ausschweifenden Sex- und Drogenexzesse werden nie explizit gezeigt, obwohl sie ganz offensichtlich stattfinden.  Stattdessen gibt es überraschend viel zum Lachen. Besonders die Fan-Chöre oder der aufdringliche Vertreter von Pauls Plattenfirma sorgen regelmäßig für komödiantische Auflockerungen.  

Fazit

Mit Birdland ist Regisseurin Anita Vulesica eine beachtliche Studioproduktion gelungen. In dem beengten Bühnenbild entwickelt sich eine mitreißende Charakterstudie mit mehreren beeindruckend intensiven Momenten. So können einige sehr durchdachte, originelle inszenatorische Einfälle sogar über die eher einfach gestrickte und vorhersehbare Handlung hinwegtäuschen.

 

 

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