euro-scene 2017

Der Gott, der im Meer ertrank

Pippo Delbono zählt zu Italiens bedeutendsten Theaterregisseuren. Sein Stück "Vangelo" feierte im Rahmen der Leipziger euro scene 2017 Deutschlandpremiere und stellt auf bildgewaltige Art und Weise die Frage nach Gottes Existenz.
Szene aus "Vangelo"
Wo ist Gott? Das Evangelium der Reichen

Pippo, warum nicht mal ein Stück über das Evangelium? Als Delbonos zutiefst gläubige Mutter im Sterben lag, beauftragte sie ihren Sohn angeblich mit genau diesem Unterfangen. Es war sicherlich nicht leicht für ihn, sich dessen zu stellen, immerhin ist der Theatermacher Pippo Delbono bekennender Buddhist und hat sich von Gott längst losgesagt. Den Grund dafür erfährt der Zuschauer im Theaterstück Vangelo und der gleichnamigen Dokumentation, in der Delbono sein individuelles Verständnis des Evangeliums auf die Bühne bzw. die Leinwand bringt. 

Zwölf elegant gekleidete Personen betreten langsam die Bühne, schauen sich um, wandeln umher als befänden sie sich in einem Museum, bevor sie auf Stühlen am Bühnenrand Platz nehmen und schweigen. Die Messe ist eröffnet. Was folgt, ist Delbonos Klage gegen Gott. Einen Gott, der zulässt, dass sich Menschen bekriegen und tausende Flüchtlinge im Meer ertrinken. Es geht um Machtmissbrauch, Ausschweifung, die menschliche Hybris, aber auch um die Kraft der Liebe. 

Das Evangelium der Reichen 

Warum lässt Gott Leid zu? Warum hilft er nicht den Armen? Genau diese Ungewissheit, die Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber dieser vermeintlich existierenden höheren Macht, bringt Delbono in einem außergewöhnlichen Bilderreigen auf die Bühne. Da werden Aufnahmen aus einem Flüchtlingslager, die aus dem Film zum Stück stammen, auf die große Wand projiziert, die den Bühnenraum begrenzt, während eine Dame im grünen Kleid das Publikum beschimpft, man solle nicht die Perlen vor die Säue werfen.

Es sind durchaus verstörende Momente, die Delbono damit kreiert. Andere Szenen wirken wie ein okkultistisches Ritual, denn auch der Teufel bekommt seinen Auftritt. Mitunter bewegt sich die Inszenierung an der Grenze zum Trash, wenn plötzlich fröhliche Musicalnummern beginnen. Die musikalische Untermalung reicht von epischen Orchesterklängen zu Schumann bis zu Jesus Christ Superstar. Delbono arbeitet in Vangelo nicht nur mit Profis, sondern auch mit "anderen", darunter ein Magersüchtiger oder der über 80jährige taubstumme Bobó, dem Delbono einst zur Flucht aus der Psychiatrie verholfen hat.

Szene aus "Vangelo"
Pippo Delbono (rechts) verhalf Bobó einst zur Flucht aus der Psychiatrie

Leider wird man den Eindruck nicht los, dass diese Personen zum reinen Selbstzweck Teil der Inszenierung sind und von Delbono beinahe vorgeführt werden. Zwar sorgen die Auftritte für einprägsame Momente, aber nur bedingt für ein Statement. Wie eigentlich auch das ganze Stück, denn die Grundaussage rund um den schweigenden, ungerechten Gott ist beinahe erschreckend einfach gestrickt.

mephisto 97.6 Redakteurin Isabell Bergner über "Vangelo"
mephisto 97.6 Redakteurin Isabell Bergner über "Vangelo"

Ich kann nicht über`s Wasser gehen! 

Weil es im Raum des Theaters laut Delbono nur ein Evangelium der Reichen geben kann, drehte der Regisseur zusätzlich den Film Evangelium als Spiegelbild zum Theaterstück. Um sein Evangelium der Armen zu drehen, dokumentiert Delbono seinen Aufenthalt in einem heruntergekommenen italienischen Flüchtlingslager. Die Menschen dort verstehen nicht wirklich die Intention hinter Delbonos Filmdreh, beide Welten nähern sich kaum an. Verunsichert stehen Delbonos Heilige in einem Maisfeld. Auch hier wird man an einigen Stellen den Eindruck nicht los, dass er seine Protagonisten vorführt und sie wie ein Puppenspieler in Szene setzt. Nach und nach gibt er ihnen jedoch ein Gesicht, lässt sie zu Wort kommen, ihre erschütternden Schicksale erzählen. Am Ende werden sie ihre Rollen als neue Apostel akzeptieren.

Das Flüchtlingsheim wirkt wie ein Gefängnis. Ein bedrückender Ort, an dem Delbono sein Evangelium inszeniert. In einer verstörenden Szene lässt er die Männer im Heim die Verhaftung Jesu und Begnadigung Barabbas` nachspielen.  Delbonos Jesus ist dabei ein halbnackter Mann mit rotem Umhang und einer Krone aus Stacheldraht. Einer, der im Wasser schwimmt, während Delbono ihn auf Italienisch die Worte nachsprechen lässt, dass ein Gott nicht übers Wasser gehen könne, während tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Delbonos Passionsgeschichte wirkt teilweise wie eine Hommage an Pasolinis Matthäus Evangelium, das dereinst ebenfalls mit Laiendarstellern verfilmt wurde.

Szene aus dem Film Evangelium:

Der Weg zur Erlösung

Sowohl der Film als auch das Theaterstück enden auf einer heiteren Note, trotz der ungelösten Konflikte. Delbono ist kein Pessimist, auch wenn er den Finger in die Wunde legt. Man sollte beide Kunstwerke sehen, um sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Der Film Evangelium ist dabei die emotional greifbarere und beeindruckendere Version, insgesamt weiß aber auch das Theaterstück zu beeindrucken. Mit dem Film hat Delbono einen bewegenden Beitrag zum Umgang mit der Flüchtlingskrise geleistet, der den faden Beigeschmack schnell vergessen lässt. Darüber hinaus sprechen stehende Ovationen im Schauspiel Leipzig am Ende dieses Evangeliums für sich.

Trailer zum Theaterstück Vangelo:

 

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