Abenteuerliteratur aus Leipzig

Der bessere Karl May

Der Abenteuerautor Robert Kraft ist bereits seit 100 Jahren tot. Die Werke des Leipzigers, der im Schatten von Karl May steht, wurden jahrzehntelang nicht verlegt. Wir sprachen mit Arnulf Meinert und Thomas Braatz über den verkannten Autor.
Der Druckstatus diskutiert die Nominierten für den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Belletristik
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Anlässlich des 100. Todestages fand die erste wissenschaftliche Tagung zum Abenteuerautor Robert Kraft vom 15. bis 16. Oktober in Leipzig statt. Arnulf Meinert und Thomas Braatz, beide Kraft-Spezialisten, sprachen mit mephisto 97.6-Moderator Yannick Jürgens über den Leipziger Abenteuerautor.

Verbinder der Welten

Arnulf Meinert: "Robert Kraft ist der Vorläufer von vielem. Er verbindet eine Pfeil-und-Bogen-Welt, Lost Race Symptomatik mit allerneusten medialen Techniken.  Die Datenbrille kommt noch nicht vor, aber das, was sie vermittelt, das kommt alles vor. Bei ihm wird es oft mit Hypnose erklärt. Er ist ein Autor, der viele Welten verbindet. Unter anderem die der Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts mit Spiritismus und solchen Dingen. Der Autor verbindet viele Welten, beispielsweise die Naturwissenschaften und Spiritisten. Ich glaube entdeckt zu haben, dass er erzählt, wie das, was man früher Seemannsgarn nannte. Das heißt, er verbindet das Erzählen am Lagerfeuer mit modernen Formen von Literatur, verdeckten autobiografischen Elementen und  Münchhaussiaden, Abenteuerhumor, Ironie, Zynismus. Das alles ist in einem großen Aufwasch da und damit ständig spannend, witzig und gewitzt."

Erst erlebt und dann geschrieben

Meinert: "Robert Kraft hat sehr viel selbst erlebt, anders als Karl May. Er nimmt auch Rekurs darauf. Unter anderem kommt in fast jedem Roman seine Zeit als Jäger in Ägypten vor. Er hatte ein Erlebnis in Fayum in einer Oase. Das war so etwas wie ein mystisches Erweckungserlebnis. Dort ist er durchgestürzt und hat eine kleine Sphinx-Figur gefunden. Die stand lebenslang auf seinem Schreibtisch. Wenn die ihn angeblickt hat, ist er in eine Schreibtrance verfallen."

Thomas Braatz: "Er war Seefahrer, wollte unbedingt zur See. Robert Kraft ist ja auch ein paar Mal von Zuhause geflohen. Erste Erlebnisse, die er dort hatte, hat er später verarbeitet. Dazu zählen ein Schiffsuntergang sowie Cholera. Beides hat er überlebt. Die Sachen hat er dann auch beschreiben können."

Kraft ist erwachsener als May

Meinert: "Robert Kraft ist ein Abenteuerautor durch und durch. Mit dem Schreiben fängt bei ihm eine zweite Existenz an. Eine Virtualität des Erlebens im Schreibprozess, ähnlich wie auch Kafka. Er hat  die ganze Nacht durchgeschrieben. Er ist um zwei Uhr nachts aufgestanden und hat geschrieben bis zum Umfallen. Was ihn von May unterscheidet ist, dass er erwachsener und internationaler ist. May ist ein Schriftsteller des 19. Jahrhundert und Kraft ein Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Es ist höchste Zeit, dass er als solcher entdeckt wird."

Frauen als Hauptheldinnen

Meinert: "Da gibt es einen großen Unterschied zu May. Bei Kraft gibt es Erotik, es gibt Sexualität, es gibt wilde Weiber, es gibt treue Mütter und Hausfrauen. Es gibt Frauen in allen Erscheinungsformen. Auch wenn er sie zeitgemäß weiblich nennt."

Braatz: "Häufig sind die Frauen die Haupthelden. Das sieht man beispielsweise bei "Der moderne Lederstrumpf". Frauen spielen eine große Rolle."

Um Kraft hat sich niemand gekümmert

Meinert: "Wenn es keine Neudrucke eines Autors über viele Jahrzehnte gibt, geht er der Menschheit verloren. Dann ist er eben nur ein Antiquariatsmarktbestand. Nur ein paar treue Fans halten ihm so die Stange. Im Fall May hat ja erst die Klara May, die Witwe, dafür gesorgt, dass Kraft nicht mehr gedruckt wurde und May eben ständig präsent war. Gerade auch in der NS-Zeit, muss man sagen, sie ist ja erst 1944 gestorben, wurde May wieder als Jugendliteratur beliebt, gerade bei Lehrern und Pfarrern. Er galt als pädagogisch wertvoll. Um Kraft hat sich niemand gekümmert. Bis die Edition Braatz und Mayrhofer angefangen hat, diese Werke seriös wieder zu verlegen, war eben Sendepause."

Kraft-Publikation durch Karl Mays Witwe verhindert

Braatz: "Also, es ist ja so gewesen, dass Kraft seine Werke aufgekauft sind, damals von Euchar Schmidt, der ja auch im Karl May Verlag tätig war und dadurch eben nicht alles mehr rauskommen konnte. Die Klara May hat das unterbunden und damit ist dann 30 Jahre gar nicht publiziert worden."

Meinert: "Man darf auch nicht vergessen, die Erinnerung an May und die wissenschaftliche Beschäftigung sind jetzt 50 Jahre alt. In diesen 50 Jahren ist aber nichts dergleichen für Kraft passiert."

Das Gespräch mit den beiden Kraft-Spezialisten über den Leipziger Abenteuerautor finden Sie hier zum Nachhören:

Arnulf Meinert und Thomas Braatz im Gespräch über den Leipziger Abenteuerautor Robert Kraft mit mephisto 97.6 Moderator Yannick Jürgens
1710 Mitschnitt

Lust auf einen Einblick in das Werk von Robert Kraft?

Arnulf Meinert liest einen Ausschnitt aus dem Roman "Ein moderner Lederstrumpf" von Robert Kraft:

Vom Leipziger Autor Robert Kraft, der Anfang des 20. Jahrhunderts lebte, liest Arnulf Meinert
1710 Lesung Robert Kraft

 

 

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