Thomas Rauscher im langen Interview

Denen gibt man doch keine Plattform!

Wir haben mit dem umstrittenen Juraprofessor Thomas Rauscher gesprochen. "Mit solchen Leuten redet man doch nicht! Denen gibt man keine Plattform!" Wir machen transparent, warum wir ihn trotzdem eingeladen haben und wie es uns dabei erging.
Thomas Rauscher
Thomas Rauscher, Juraprofessor an der Universität Leipzig

Als Universitätsradio Leipzigs sind wir mit dem hiesigen Professor Thomas Rauscher ins Gespräch gegangen und schon im Vorhinein deswegen auf Unverständnis gestoßen. Seine Tweets zu Themen wie Zuwanderung, Islam und Geschlechterpolitik polarisierten und werden bis in den Sächsischen Landtag hinein diskutiert. 

Es geht um mehr als nur die Tweets eines Einzelnen

Angesichts der omnipräsenten Kontroversen um die Flüchtlingspolitik und den anwachsenden fremdenfeindlichen Strömungen war diese Entscheidung keine rein journalistische.

In den vergangenen Jahren wurde deutlich, dass insbesondere bei der emotional aufgeladenen Flüchtlingsdebatte objektiver Journalismus ein schwieriges Unterfangen ist. Die Kritik an den Medien wegen ihres teils stark einseitigen Umgangs mit Pegida, AfD u.Ä. und der Vorwurf des Framings in politischen Talkshows zeigt, dass es hierbei vielmehr um eine gesellschaftspolitische Frage geht: Um die Verantwortung der Presse für die Meinungsbildung in einer Demokratie und um das Vertrauen in ihre unvoreingenommene Berichterstattung.

Zu behaupten, wir seien absolut unvoreingenommen an das Interview herangegangen, wäre schlichtweg unehrlich. Selbstverständlich haben wir auch nicht überhört, wie unsere Mitstudierenden lautstark vor dem Audimax gegen ihn protestiert haben.  

Wir wollten wissen, wie ein intellektueller und viel reisender Mensch zu Standpunkten wie "Europa den Europäern" gelangen konnte.

Die Meinungsfreiheit in öffentlichen Debatten

Eine der wichtigsten Aufgaben der Medien ist es unseres Erachtens, alle relevanten Meinungen zu öffentlichen Debatten abzubilden. Nur so kann es eine Grundlage für die umfassende politische Bildung in einer Demokratie geben. Und uns erscheint Thomas Rauschers Meinung nicht nur als relevant, sondern vielmehr verstehen wir ihn als einen Stellvertreter der immer lauter und zahlenmäßig mehr werdenden Gegner und Gegnerinnen der Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa.

Der Schutz des Artikels fünf geht über den Schutz der Persönlichkeit hinaus. Es geht nämlich zugleich - und das steht im Zentrum dieser Freiheitsgarantie - um den Schutz unserer Demokratie. Im Interesse eines öffentlichen und auch streitigen Diskurses wird der einzelne Träger der Medienfreiheiten aber auch der Meinungsfreiheit durch unsere Verfassung besonders geschützt.

Prof. Dr. Hubertus Gersdorf, Lehrstuhlinhaber Medienrecht an der Universität Leipzig

Medienrechtler Prof. Dr. Hubertus Gersdorf zur Meinungsfreiheit
 

Von der Notwendigkeit guter Recherche...

Und so fragten wir Herrn Rauscher Ende Januar diesen Jahres für ein langes Interview an, wohl wissend, dass es dafür zwar ein öffentliches Interesse aber auch Kritik geben wird.

Herr Rauscher war direkt zu einem Gespräch bereit, zu diesem Zeitpunkt aber gerade beruflich in den USA und während der Semesterferien nicht in Leipzig. Nachdem wir Anfang April den Termin für Mitte Juni festlegten, hatten wir noch etwa zweieinhalb Monate Vorbereitungszeit für das Gespräch.

Im Laufe unserer Recherche verfassten wir Dossiers, diskutierten und berieten uns intensiv bei unseren regelmäßigen Treffen im Sender. 

Während dieser Zeit war es in der Öffentlichkeit zwar weitestgehend ruhig um Thomas Rauscher geworden, aber nicht um das Thema Zuwanderung an sich. Betont sei hier die Buchmesse in Leipzig mit ihren Diskussionen um die Anwesenheit rechter Verlage wie Antaios. Ebenso zu erwähnen ist die "Gemeinsame Erklärung 2018" von Autoren und Autorinnen sowie Studierte, die sich gegen eine darin angeführte illegale Masseneinwanderung solidarisieren. Auch in der Politik riss die Diskussion nicht ab. Vor allem die AfD brachte das Thema Zuwanderung immer wieder in einem streitbaren wenn nicht gar inakzeptablen Ton in den Deutschen Bundestag. Zu erinnern sei hier an Aussagen wie "Kopftuchmädchen [...] und andere Taugenichtse" von Alice Weidel.

Während unserer Recherche blieb die Stimmung auch bei uns emotional. Immer wieder wogen wir ab, ob und wenn ja wie viel wir Thomas Rauscher kontra geben sollten. Wir beschlossen, kritischer Journalismus muss dazu bereit sein, inhaltlich herauszufordern. Uns war dabei bewusst, dass wir der Eloquenz und dem rechtlichen Wissen unseres Interviewpartners nur gerecht werden könnten, wenn wir selbst so umfangreich wie nur irgend möglich informiert seien.

Damit beantwortet sich auch die bei uns und vielleicht von außen aufkommende Frage, weshalb wir für Thomas Rauscher deutlich mehr Vorbereitungszeit als für andere Gäste benötigten. Zum einen natürlich wegen des Umfangs und der Tiefe des Themas. Aber auch wegen der dafür nötigen inneren Balance zwischen Standfestigkeit und Offenheit gegenüber anderen Ansichten. Von außen aber auch innen ruhte die Kritik nie. Sie zwang uns, unsere eigenen Überzeugungen ständig zu überprüfen, und durch die neu gewonnen Informationen zu erweitern.

... und des respektvollen Miteinanders

Und wir finden, dass diese Herangehensweise nicht nur für uns als Nachwuchsjournalisten und -journalistinnen nötig ist, um anspruchs- aber auch respektvoll mit Andersdenkenden ins Gespräch zu gehen. Es sollte angesichts des Tons in der Politik aber auch in z. B. den Kommentarspalten darüber nachgedacht werden, wie wir miteinander umgehen und sprechen. Auch oder vor allem, wenn man nicht einer Meinung ist.

Das bedeutet wiederum aber nicht, dass es dabei keinen Widerspruch geben darf - aber der Ton macht eben die Musik. Und so haben auch wir Thomas Rauscher widersprochen. Wir haben das allerdings - so hoffen wir - in einer respektvollen Art und Weise getan. Wir haben nachgehakt, wo wir Erklärungsbedarf gesehen haben und seine Ausführungen stehen gelassen, wo sie für sich selbst sprachen. Wir haben aus unserer Haltung kein Geheimnis gemacht, aber aus dem Interview mitgenommen, dass wir bei unseren Schlüssen trotzdem bedachter sein sollten - gerade im Hinblick auf vermeintliche oder tatsächliche Parallelen zwischen sich kritisch bis grenzwertig äußernden Menschen und den unterschiedlichen Akteuren der Neuen Rechten.

Was nehmen wir aus unseren Erfahrungen mit?

Das Interview und vor allem die Vorbereitung darauf haben uns auf eine emotionale Achterbahnfahrt geführt und uns einzeln aber auch als Team herausgefordert und gestärkt. Wir haben gelernt, dass  die Presse noch differenzierter und fundierter an ihre Aufgaben gehen muss. Dass es wichtig ist, mit Andersdenkenden zu reden anstatt nur über sie. Aber auch, dass Offenheit und Toleranz keine Einbahnstraßen sind.

Eine wirklich offene und tolerante Gesellschaft kann es nur geben, wenn wir

  1. uns selbst hinterfragen,
  2. uns mit Respekt begegnen und
  3. mit Respekt reagieren, selbst wenn wir den in unserem Gegenüber vielleicht vermissen.

Empathie und eine lösungsorientierte Kommunikation können dabei eine große Herausforderung aber auch eine große Hilfe sein.

Daher haben wir nicht (nur) Thomas Rauscher eine Plattform gegeben. Wir haben als Teil der Medienlandschaft mit unserem Interview die Bandbreite des Diskurses in der Flüchtlingsdebatte aufrechterhalten und erweitern wollen. 

Denn die Meinungsfreiheit gibt uns allen zwar die Möglichkeit, über fast alles zu sprechen, doch wir sollten dabei auch abseits des rechtlichen Rahmens das "Wie" neu definieren. Nicht gegenseitige Schlagabtausche und Diffamierungen oder gar Denk-/Sprech-/Partei- oder sonstige Verbote erscheinen nachhaltig und zielführend. Die wohlüberlegte, respektvolle Wahl unserer Worte ist es wohlmöglich viel mehr.

 

 Das lange Interview zum Nachhören:

Moderatorin Helena Schmidt im Gespräch mit Thomas Rauscher

Redaktion: Moritz Fehrle, Cindy Raunick, Fynn Bachmann, Thomas Tasler

Das lange Interview mit Thomas Rauscher
 

Kommentare

Danke für die hohe journalistische Qualität, sowohl des Einleitungstextes als auch des Interviews, und überhaupt auch für die bloße Existenz dieses Interviews!
Was ich, wie an den meisten Interviews, die ich zu politischen Themen, insbesondere der Links-Rechts-Problematik, gesehen habe, allerdings betrüblich finde, ist, dass, vermutlich aus Zeitgründen, gewisse Argumentationslinien nicht verfolgt sondern abgeschnitten werden, um einer neuen Frage zu weichen.
Gerade das wäre aber aus meiner Sicht wichtig, um Argumenten wirklich auf den Grund zu gehen.

Nun ja, sicher ist es nur dem Zeitmangel zuzuschreiben.

Viele Grüße!

@Hannes Naumann Lieber Hannes, vielen Dank für dein konstruktives Feedback. Bei weiteren Interviews werden wir auf die Argumentationslinie achten. Liebe Grüße, Theresa von der Online-Redaktion

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Beteiligt an dem Interview waren v.A.:

  • Helena Schmidt (Moderatorin)
  • Moritz Fehrle (Ressortleiter von M19)
  • Thomas Tasler (Chefredakteur von mephisto 97.6)
  • Fynn Bachmann (Redakteur)
  • Cindy Raunick (Redakteurin)

 

Betreut wurde unser Team von Sven Knobloch (Programmdirektor bei mephisto 97.6). Vielen Dank an dieser Stelle!