Holocaust

Den Holocaust überlebt – und glücklich

Als Kind verbrachte Sami Steigmann drei Jahre im Nazi-Arbeitslager. Trotz weiterer persönlicher Schicksalsschläge ist der 79-Jährige heute aber immer noch ein lebensfroher Mensch. Bei einem Vortrag in Leipzig hat er verraten, wie das geht.
Sami Steigmann als Holocaust-Überlebender verbreitet Hoffnung und Zuversicht.
Sami Steigmann als Holocaust-Überlebender verbreitet Hoffnung und Zuversicht.

Im Dezember 1939 – gut drei Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs – wurde Sami Steigmann in Tschernowitz geboren. Eine mittelgroße Stadt war es damals, 1939 gehörte sie zu Großrumänien, heute liegt sie in der Ukraine. Die Kindheit dort war jedoch sehr kurz, denn Sami Steigmann ist Jude. Mit anderthalb Jahren wurde er mit seiner Familie ins Arbeitslager Mohyliw-Podilskyj verschleppt – und verbrachte dort drei lange Jahre.

„Ich war zu jung, um in dem Arbeitslager zu arbeiten. Stattdessen wurden an mir medizinische Experimente durchgeführt. Und danach – als die Nazis keine Verwendung mehr für mich hatten – sollte ich verhungern.“

Sami Steigmann

Davon berichtet Sami Steigmann heute. Am Montagabend war er zu Gast in Leipzig und erzählte von den ersten fünf Jahren seines Lebens im Krieg – an die er heute allerdings keine Erinnerungen mehr hat. Die Geschichten – wie die von der Rettung durch eine deutsche Frau – haben ihm Verwandte erzählt. Die Verwandten, die das Lager überlebt haben. Denn allein von der Seite seines Vaters wurden 35 Männer und Frauen ermordet, nur zwei lebten länger als 1945.

„Für mich ist das Glück im Unglück, dass ich keine Erinnerungen habe. Aber ich habe Schmerzen. Ich habe mein Leben lang Schmerzen und ich werde mit Schmerzen sterben. Aber ich komme auch aus einer Generation, in der es verboten ist, zu weinen. Wir dürfen keinen Schmerz zeigen. Und in meinem Alter wird sich das auch nicht mehr ändern.“

Sami Steigmann

Nach dem Krieg zog Steigmann mit seiner Familie zurück nach Rumänien, bevor er 1961 nach Israel kam, um in der Luftwaffe zu dienen. Seit mittlerweile 31 Jahren lebt der heute 79-Jährige in den USA und widmet sich dem, was er als seine Berufung sieht: Motivationsreden vor jungen Menschen. Sein Hauptziel dabei ist es, Schülerinnen, Schüler und Studierende davon zu überzeugen, politisch aktiv zu werden und gegen Ungerechtigkeit anzugehen.

„Ich will, dass die Leute selbst etwas unternehmen. Alle Tragödien auf dieser Welt – Völkermord, der Holocaust – sind passiert, weil die Welt zugesehen hat und nichts unternommen hat. Deswegen will ich, dass die jungen Leute aktiv werden. Sie sollen sich bilden, ihr Wissen weitergeben – denn dabei macht man die Welt ganz automatisch zu einem besseren Ort.“

Sami Steigmann

Trotz drei Jahren im Arbeitslager, mehrjähriger Obdachlosigkeit und Kontaktverbots zu seinen beiden Enkeln ist Sami Steigmann ein positiver Mensch geblieben. "Habt kein Mitleid mit mir", rief er seiner jungen Zuhörerschaft in Leipzig zu: „Nehmt mich als Beispiel dafür, dass man nie aufgeben und nie die Hoffnung verlieren darf.“

Die Sendung zum Nachhören:

Jonas Grethel im Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Sami Steigmann
Jonas Grethel im Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Sami Steigmann

 

 

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