Frisch Gepresst: Chance The Rapper

Debütalbum mit Überlänge

Mixtapes mit Klassikerstatus und Superstar in den USA: Nach drei Jahren Tüftelei an der neuen Platte war die öffentliche Erwartungsenthaltung für das Debütalbum von Chance the Rapper enorm hoch. Genau deswegen will er es nun allen recht machen.
Chance the Rapper
Chance the Rapper Debütalbum

Sechs Jahre ist es mittlerweile her, dass Chance the Rapper der internationale Durchbruch mit dem Mixtape „Acid Rap“ gelang.

Der Meister der Mixtapes

Mit seinem Entwurf aus psychedelischem Hip-Hop, Gospel-Einflüssen und Popelementen stellte er ein Novum in der amerikanischen Musikszene dar. Einen Grammy und einen karrieredefinierenden Vers auf Kanye Wests „Ultralight Beam“ später, wagt Chance the Rapper sich an sein Debütalbum. Das umfasst ganze 22 Tracks und ist 77 Minuten lang – Überlänge also.

I remember the last summer of the teen,

I can't recall too many summers in between

„Do You Remember“ - Chance the Rapper

„The Big Day“ startet jedoch mit starken Momenten. Einem gewohnt triumphalen Intro folgt bereits das Highlight des Albums, der Ohrwurm „Do You Remember“. Chance schwärmt über einen melancholischen Beat darüber, dass dieser Sommer der beste seines Lebens sein wird. Unterstützung holt er sich dabei von Benjamin Gibbard („Death Cab for Cutie“), der eine Hook beisteuert, und Bon-Iver-Frontmann Justin Vernon, dessen atmosphärische Backgroundvocals dem Track eine fast unwirkliche Stimmung verleihen. Auch das funkige „Eternal“, das mit einem grandiosen Feature von Smino überzeugt, lässt die Stärken Chance the Rappers aufleben: spirituell-religiöse Lyrics, catchige Hooks und diese positive Grundstimmung, die der Chicagoer wie kein anderer kreiert. 

Musikalische Abstecher

Ab Track vier driftet das Album aber in eine unverständliche Richtung ab. Auf „Hot Shower“ versucht sich Chance the Rapper plötzlich auf einem schnellen, minimalistischen Trapbeat, welcher deutlich außerhalb seiner Komfortzone liegt. Nicht nur verwüstet der Song den souligen, entspannten Grundton der Platte, das Album findet zu keinem Zeitpunkt mehr zu seinen Stärken zurück. Im Gegenteil, das Album verliert komplett an Kohärenz. Auf 90er-Jahre-Boybandmomente („I Got You (Always and Forever)“) folgen Phil-Collinseske Drumeinlagen und unpassende Schreipassagen („The Big Day“).

Besonders der Titeltrack ist ein Paradebeispiel für vergebene Chancen auf der Platte. Denn besonders die emotionalen Gesangspassagen in der ersten Hälfte des Tracks zeigen eindrücklich das Potenzial, das in Chance the Rapper steckt.

Doch diese Stärken werden nur allzu selten gezeigt:  softe Houseannäherungen („Ballin Flossin“) und Tribalklänge („Zanies and Fools“) tauchen im Laufe des Albums auf, beides Stile, in denen Chance the Rapper ein wenig verloren wirkt. Zudem bieten Lieder wie „We Go High“ oder „Slide Around“ keinerlei musikalischen Überraschungsmomente, werden aber zum Teil auf vier Minuten und mehr gestreckt.

Features, Features, Features 

Hinzu kommen Features, die augenscheinlich darauf abzielen, neue Zielgruppen zu erreichen. Einen musikalischen Mehrwert bieten die Kollaborationen mit Shawn Mendes oder Nicki Minaj nicht. Es wirkt eher so, als wolle Chance es allen recht machen – einen Song für die Clubgänger, einen für die R&B-Fans, einen für die Trapliebhaber. Das funktioniert auf 77 Minuten Albumlänge nicht und lässt viele Songs willkürlich erscheinen.

Sind die musikalischen Entscheidungen zumindest noch wild und unvorhersehbar, stellen die Texte das genaue Gegenteil dar. Chance the Rappers Themenspektrum beschränkt sich auf die Liebe und Loyalität zu seiner Frau, Selbstbeweihräucherung und, sporadisch, seine Hochzeit. Denn „The Big Day“, das ist für Chance the Rapper die Vermählung mit seiner Jugendliebe. 

I've got plans to hug and kiss ya,

I've got plans to hug and hug and hug you

„Let’s Go On The Run“ - Chance the Rapper 

Als Albumkonzept angedacht, fällt dieses aber komplett flach. Nur ab und zu wird man durch langwierige Skits daran erinnert, dass man sich auf der Hochzeit des Rappers befindet. Und obwohl eine solche Hochzeit grundsätzlich die Basis für emotionale Lyrics darstellen kann, kommt Chance nicht über Oberflächlichkeiten hinaus. Im besten Fall kommt dabei eine Abhandlung seiner Beziehung mit seiner nun Ehefrau heraus, im schlimmsten Fall Zeilen übers Umarmen und Küssen. Dass er es anders kann, zeigt der Song „Roo“. Zusammen mit seinem Bruder rappt er über seine Vergangenheit und ihren Vater, der für die beiden ein Vorbild darstellte. Hier betreibt er bestes Storytelling, emotional nachvollziehbar und rührend.

Fazit

Insgesamt bleibt „The Big Day“ ein überfülltes, überambitioniertes Album. Chance the Rapper wagt zu viele Ausflüge in unbekanntes Territorium, die nicht funktionieren, textlich greift Chance auf zu viele Floskeln zurück. Was bleibt? Eine Handvoll guter Songs, vor allem aber der Eindruck, dass Chance mehr kann. Vielleicht würden beim zweiten Album ein minimalistischer Ansatz und Fokussierung auf seine Stärken allen Beteiligten guttun. Denn im Kern zeigt auch „The Big Day“ auf einigen Tracks eindrucksvoll, warum Chance the Rapper weiterhin einer der kreativsten Akteure im Hip-Hop ist.

 

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Chance the Rapper : The Big Day

Tracklist:

1 All Day Long

2 Do You Remember

3 Eternal

4 Hot Shower

5 We Go High

6 I Got You (Always and Forever)

7 Photo Ops (Skit)

8 Roo

9 The Big Day

10 Let's Go on the Run

11 Handsome

12 Big Fish

13 Ballin Flossin

14 4 Quarters in the Black (Skit)

15 5 Year Plan

16 Get a Bag

17 Slide Around

18 Sun Come Down

19 Found a Good One (Single No More)

20 Town on the Hill

21 Our House (Skit)

22 Zanies and Fools

Erscheinungsdatum: 26.07.2019
Self-released