Das lange Interview mit Tobias Hollitzer

"Das war schon eine skurrile Situation"

Wenn Tobias Hollitzer erst einmal anfängt vom Ende der DDR zu erzählen, ist er schwer zu stoppen. Als Zuhörer hat man das Gefühl, es sei alles erst wenige Wochen her. Die Tage im Jahr 1989 müssen ihn also geprägt haben – vor allem der 4. Dezember.
Früher Spitzelzentrale, heute Museum: die "Runde Ecke"

„Da saßen dann deprimierte Stasi-Offiziere“

Der 4. Dezember 1989 war ein Montag. Das bedeutete, dass auf dem Leipziger Innenstadtring mal wieder demonstriert wurde. An diesem Abend gab es allerdings einen ganz besonderen Erfolg zu feiern: Leipziger Bürger drangen in die Zentralen der Stasi ein. Tobias Hollitzer war daran beteiligt. Er durchsuchte die Leipziger Kreisdienststelle der Stasi in der Friedrich-Ebert-Straße. In dem von außen völlig abgedunkelten Gebäude traf er auf unzählige Stasi-Offiziere, die entweder gerade dabei waren, Akten und Karteikarten zu zerreißen oder völlig deprimiert an ihren leer geräumten Schreibtischen saßen. Als die Spitzel und die Bespitzelten aufeinandertrafen, ergab sich ein für beide Seiten sehr skurriles Bild.

Tobias Hollitzer mit Moderatorin Jessica Brautzsch

NSA vs. Stasi

In der „Runden Ecke“ kann man sich sehr deutlich von den Überwachungsmethoden der Stasi überzeugen. Diese antiquierte Technik lässt dabei manchmal vergessen, dass die Überwacher damals sehr gut ausgerüstet waren. Automatisch stellt man sich die Frage, wie viele Daten mit den Möglichkeiten von heute hätten gesammelt werden können. Ein Vergleich mit der NSA ist da nur logisch. Die Süddeutsche Zeitung errechnete einmal, dass die Daten der NSA ausgedruckt und in Aktenschränke geordnet eine Fläche von der Größe Europas bedecken würden. Die Akten der Stasi machten gerade einmal ein paar Häuserblocks aus. Tobias Hollitzer ist dennoch der Meinung, dass man dies nicht vergleichen könne – das Ganze sei eine Frage des Systems. Er sagt, dass private Daten in den Händen einer Diktatur wie der DDR eine ganz andere Wirkung hätten, als die privaten Daten in den Händen eines freiheitlich-demokratischen Staates. Dennoch müsse man auch das kritisch sehen.

 

"Wir sind erst mitten drin in der Aufarbeitung"

Vielleicht ist der NSA-Skandal auch ein Grund, warum das Interesse an der Stasi-Geschichte nicht weniger wird. „Nach der Musikstadt Leipzig ist die Friedliche Revolution das zweite große Anziehungsmerkmal für Touristen“, sagt Tobias Hollitzer. Und damit ist auch die „Runde Ecke“ ein touristischer Pflichttermin. Das merke man vor allem an der Anzahl ausländischer Besucher. Der Leipziger besucht die „Runde Ecke“ in der Regel vor allem dann, wenn er Besuchern oder jüngeren Generationen zeigen will, wie es damals war. Nach Meinung von Tobias Hollitzer müsse man noch sehr lange an die Taten der Staatssicherheit erinnern. Schließlich frage man bei den Verbrechen der Nationalsozialisten zurecht auch nicht danach, wann die Aufarbeitung aufhört. Tobias Hollitzer hat also noch viel zu tun.

Moderatorin Jessica Brautzsch im Gesprch mit Tobias Hollitzer von der Runden Ecke
M19 mit Tobias Hollitzer
 

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Andreas Funke
31.07.2014 - 16:51

Unser Gast: Tobias Hollitzer

Geboren 1966. Durfte aus politischen Gründen kein Abitur machen und wurde daher Tischler. Ab 1986 war er in Umweltgruppen aktiv, wodurch auch die Stasi auf ihn aufmerksam wurde. Nach der Wende war er von 1991 bis 2007 Sachgebietsleiter und stellvertretender Außenstellenleiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Leipzig. Heute ist er im Vorstand des Bürgerkomitee Leipzig e.V. und Leiter der Gedenkstätte „Museum in der Runden Ecke“.