#vulvarious

Das verschwiegene Blut

Erdbeerwoche, die rote Zora oder bloody Mary. Wir verwenden viele Namen für etwas, über das wir ungern sprechen: Die Menstruation. Die Gesellschaft ist sich uneinig, wie öffentlich das Thema behandelt werden soll.
Petra Mattheis, BAM Prints von links nach rechts: „On the moon”, „Bleedin’ deadly” und „Revolt”, Baumwolldruck auf Papier
Petra Mattheis, BAM Prints von links nach rechts: „On the moon”, „Bleedin’ deadly” und „Revolt”, Baumwolldruck auf Papier

Vor 2 Jahren lud die indische Künstlerin Rupi Kaur bei Instragram ein Bild hoch. Darauf ist eine junge Frau von hinten zu sehen. Sie liegt im Bett und hat einen Blutfleck auf ihrer Hose und ihrem Bettlaken. Instagram löschte das Bild, weil es nicht den Richtlinien der Seite entsprochen habe. Dies löste einen riesigen Shit-Storm gegen die Plattform aus und führte dazu, dass Menschen weltweit diskutieren, ob Menstruation in die Öffentlichkeit gehört oder nicht.

thank you @instagram for providing me with the exact response my work was created to critique. you deleted a photo of a woman who is fully covered and menstruating stating that it goes against community guidelines when your guidelines outline that it is nothing but acceptable. the girl is fully clothed. the photo is mine. it is not attacking a certain group. nor is it spam. and because it does not break those guidelines i will repost it again. i will not apologize for not feeding the ego and pride of misogynist society that will have my body in an underwear but not be okay with a small leak. when your pages are filled with countless photos/accounts where women (so many who are underage) are objectified. pornified. and treated less than human. thank you. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ this image is a part of my photoseries project for my visual rhetoric course. you can view the full series at rupikaur.com the photos were shot by myself and @prabhkaur1 (and no. the blood. is not real.) ⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀ ⠀ i bleed each month to help make humankind a possibility. my womb is home to the divine. a source of life for our species. whether i choose to create or not. but very few times it is seen that way. in older civilizations this blood was considered holy. in some it still is. but a majority of people. societies. and communities shun this natural process. some are more comfortable with the pornification of women. the sexualization of women. the violence and degradation of women than this. they cannot be bothered to express their disgust about all that. but will be angered and bothered by this. we menstruate and they see it as dirty. attention seeking. sick. a burden. as if this process is less natural than breathing. as if it is not a bridge between this universe and the last. as if this process is not love. labour. life. selfless and strikingly beautiful.

Ein Beitrag geteilt von rupi kaur (@rupikaur_) am

Künstlerin Rupi Kaur zeigt Frau mit Blutflecken bei Instagram

Ekel vor dem eigenen Körper

Ein Großteil der Gesellschaft tut sich immer noch schwer damit, über Menstruation zu sprechen. Laut einer Umfrage der Frauengesundheitsapp "Clue" reden zwei Drittel der Deutschen nicht gerne mit männlichen Klassenkameraden oder Kollegen über ihre Menstruation. Für Ortrun Riha, Medizinhistorikerin an der Universität Leipzig, ist dieses Schamgefühl bei Körperausscheidungen normal. Denn Darstellungen von Blut jeglicher Art würde jeder Mensch ekelig finden:

Ich glaube nicht, dass Menstruationsblut da eine Sonderrolle einnimmt.

Ortrun Riha, Medizinhistorikerin an der Universität Leipzig

Diesen Ekel über den eigenen Körper können Luisa Stömer und Eva Wünsch nicht nachvollziehen. Sie haben Illustration und Grafikdesign in Nürnberg studiert. Ihnen fiel auf, dass in ihrem Umfeld oft Wissen über den weiblichen Körper fehlt. Daher verfassten sie als Bachelorarbeit ein Nachschlagewerk über den weiblichen Zyklus. Die ästhetische Gestaltung von „Ebbe und Blut“ soll es angenehmer machen, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Werbung vermittelt ein falsches Bild

Besonders Medien und Werbung bestimmen den öffentlichen Umgang mit einem Thema und spiegeln es wider. Hier wird häufig suggeriert, dass Menstruation unsichtbar bleiben muss und den Alltag in keiner Weise einschränken darf. In vielen Werbeclips verüben Frauen Extremsportarten in weißen Klamotten. Statt des roten, dickflüssigen Blutes, tröpfelt eine blaue Ersatzflüssigkeit auf Binden und Tampons. Krämpfe, Schmerzen und Blutflecken in der Unterwäsche werden nicht gezeigt. Für Luisa Stömer und Eva Wünsch ist diese Darstellung unrealistisch. Doch einige wollen in der Öffentlichkeit keine realistische Darstellung der Menstruation sehen. Auch Medizinhistorikerin Otrun Riha empfindet das Thema als penetrant:

Es wird völlig verleugnet, dass es einem dabei auch manchmal nicht so gut geht und dass viele tatsächlich auch sehr darunter leiden.

Autorinnen von Ebbe&Blut Luisa Stömer und Eva Wünsch

In der Geschichte verteufelt

Obwohl die Menstruation ein natürlicher Prozess und ein Beweis der Fruchtbarkeit ist, wurde sie in ihrer Kulturgeschichte häufig verteufelt. Nur selten gab es positive Assoziationen. Im Alten Testament galten eine menstruierende Frau und alles, was sie berührt, sieben Tage lang als unrein. Bis ins 20. Jahrhundert hinein glaubten viele Ärztinnen, dass eine Frau eigentlich niemals menstruieren dürfe. Denn jede Eizelle müsse zu ihrer Bestimmung gelangen. Jede Menstruation sei damit eine „Enttäuschung der Natur“.

Anfang des 20. Jahrhunderts beobachtete ein Wiener Arzt, dass bei menstruierenden Frauen Blumen schneller verwelken. Er schloss daraus, dass ihr Blut ein Gift enthalte. Erst 1958 wurde bewiesen, dass Menstrualblut nicht giftig ist. Trotzdem durften Frauen in Deutschland bis 1970 kein Blut spenden, wegen der Befürchtung, dass ihr Blut den Abbau der roten Blutkörperchen bewirken würde. Bis in die 1980er Jahre durften menstruierende Frauen nicht in manchen Röntgen- und Fotolaboren anwesend sein, weil davon ausgegangen wurde, dass ihre Anwesenheit den Bildern schaden würde.

Menstruator werden gegen das Tabu

Innerhalb feministischer Szenen ist die Auseinandersetzung mit Menstruation längst normal. Schon Ende der 1960er Jahre gab es erste aktivistische Menstruationsbewegungen. Mit einem Foto stieß die Künstlerin Rupi Kaur vor zwei Jahren den weltweiten Diskurs neu an. Sie machte die Löschung öffentlich, woraufhin sich Instagram entschuldigte. Das Bild wurde wieder freigegeben. Und dem Thema Menstruation ein Stück weit der Weg in die Öffentlichkeit gebahnt.

Auch die Leipziger Künstlerin Petra Mattheis will mit ihrer Arbeit das Tabu durchbrechen. Vor vier Jahren fing sie an Menstruation in ihrer Kunst aufzugreifen, denn es fehlte ihr ein lockerer Umgang mit dem Thema in ihrem Alltag. Ihr Projekt „Become a Menstruator“ ruft dazu auf, sich für ein positives Bild zur Menstruation einzusetzen. Der Begriff „Menstruator“ ist dabei absichtlich nicht gegendert, denn Menstruation ist nicht nur mit Frau-sein verknüpft. Petra Mattheis druckt für jedes ihrer fruchtbaren Jahre ein Motiv. Dabei verwendet sie Symbole und Mythen über Menstruation:

Petra Mattheis, Become a Menstruator (Projekt seit 2013) Hochdrucke auf Baumwollpapier, Ausstellungsansicht.
Petra Mattheis, Become a Menstruator (Projekt seit 2013) Hochdrucke auf Baumwollpapier, Ausstellungsansicht.

Mit ihren Drucken will Petra Mattheis alte, negative Konnotationen überschreiben. Die Reaktionen auf ihre Kunst sind verschieden. Besonders in ihren Ausstellungen erfährt sie, dass das Tabu tief sitzt. Manche Leute würden den Kopf schütteln, wenn sie die Arbeiten sehen und weggehen.

Geht es um Menstruationsblut, ist Blut nicht mehr nur Blut. Dabei unterscheidet es sich vom übrigen Blut des Körpers nur in einem unwichtigen Punkt: es gerinnt nicht. Und doch ist die Bedeutung dieses ganz normalen Blutes enorm:

Ich finde, solange die Menstruation als natürlicher Prozess nicht gesellschaftlich anerkannt ist, wird es nie eine vollständige Anerkennung von Frauen geben.

Künstlerin Petra Mattheis

Den kompletten Beitrag von mephisto 97.6-Redakteurin Helena Schmidt können sie hier nachhören:

Ein Beitrag von Helena Schmidt
 
 

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Wer ein "Menstruator" werden und das Projekt "Become a Menstruator" unterstützen möchte, kann das hier tun.

"Ebbe & Blut" ist im Rahmen der Bachelorarbeit an der Design-Fakultät der TH Nürnberg entstanden. Es wurde mit dem Preis für die beste Bachelorarbeit im Sommersemester 2016 ausgezeichnet.