Literaturrezension

Das Sorgenkind

Danach zu fragen, ob eine Religion noch zu retten ist, ist nicht nur provokant, sondern auch mutig. Nichtsdestotrotz haben sich zwei muslimische Gelehrte dieser Frage gestellt und eine Streitschrift über 95 Thesen dazu verfasst.
Literatur
Das Cover des Buches: Ist der Islam noch zu retten?

Zum einen ist das der Politikwissenschaftler und Publizist Hamed Abdel-Samad. Abdel-Samad hat bereits einige islamkritische Werke publiziert wie z. B. „Der islamische Faschismus“ oder „Der Untergang der islamischen Welt". In ebendieser steht er deshalb in heftiger Kritik, weshalb im Jahr 2013 eine „Fatwa“ gegen ihn ausgerufen wurde. Eine Fatwa wird durch eine muslimische Autorität erteilt und dient dem Zweck, ein religiöses oder rechtliches Problem zu klären. In diesem Fall waren Morddrohungen die Folge. Seither ist er in Deutschland untergetaucht und steht unter Polizeischutz.
Zum anderen ist es der Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide. Er vertritt eine gemäßigtere Auffassung des islamischen Glaubens. Seine Vision ist ein aufgeklärter und moderner Islam. 2012 erschien zu dieser Thematik sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“.

Vor was oder wem muss der Islam gerettet werden?

Vor Menschen, die ihn für ihre eigenen Zwecke missbrauchen und instrumentalisieren, lautet die Antwort der beiden Autoren. Und dies auf Kosten des Großteils der friedlich lebenden Muslime. Das Anliegen der Autoren liegt darin, zu erklären, dass Muslime vor gewaltbereiten und fundamentalistischen Islamisten geschützt werden müssen. Die große Frage, die sich Abdel-Samad und Khorchide deshalb stellen ist, ob der Islam aufgrund seiner Traditionen und seiner Geschichte noch zu retten ist. Sie wandelt sich deshalb während des Buches schnell zu der Frage, ob der Islam überhaupt noch zu reformieren ist.

Der Anlass: 2017 ist das Lutherjahr

Vor 500 Jahren, am 31.10.1517, schlug der katholische Geistliche Martin Luther 95 Thesen an die Kirchenpforte der Schlosskirche der Stadt Wittenberg. Dieses Ereignis nahmen die Autoren des Buches im Lutherjahr zum Anlass, ihre Streitschrift zu verfassen. Sie wollen prüfen, ob eine islamische Reformation gelingen kann. Dabei sehen sie sich keineswegs als Reformer im Sinne Luthers. Dieser wollte die Menschen auf die alten Werte der christlichen Kirche aufmerksam machen und die Menschen darauf besinnen, dass die damalige Kirche nichts mehr mit ihren ursprünglichen Werten zu tun hat. Ganz im Gegensatz zu Abdel-Samad und Khorchide. Sie wollen, dass die Muslime die Flucht nach vorn antreten: in die Moderne und die Aufklärung.

Den Konservatismus ihrer Religion lehnen sie ab, er ist ihnen zu archaisch und inhuman. Auch, wenn sich die Autoren in einigen Ansichten unterscheiden, wird durchaus deutlich, was beide als gemeinsames Ziel definieren: einen Fortschritt in der Säkularisierung. Also in der Trennung von Religion und Staat. Die Religion muss sich aus Politik, Medien und Wirtschaft heraushalten. Den Autoren ist die muslimische Welt hier noch zu rückständig. Die einzigen beiden Länder, in der die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch ist und gleichzeitig säkular, sind die Türkei und Albanien. Diese Forderung stellen die Autoren übrigens nicht nur an den Islam. Sie stellen sie auch an alle anderen Religionen. Denn solange sich eine Religion in die Geschicke öffentlicher Institutionen einmischt, bedeutet dies Manipulationsgefahr.

Abdel-Samad, der Kritiker

Vor allem Hamed Abdel-Samad vertritt die Meinung, dass ein Islam als großes Konstrukt nicht zu reformieren ist. Das liegt vor allem daran, dass der Koran das direkt von Gott übermittelte Wort durch den Propheten Mohammed ist. Wer also das Wort des Korans oder Mohammeds infrage stellt, stellt auch Gott selbst infrage. Dieses Instrument haben sich viele muslimische Länder zunutze gemacht und Machtstrukturen mit dem Worte Gottes gerechtfertigt. Hier arbeitet der Staat mit der Kirche zusammen. Es findet eine Art Angstpädagogik statt, welche aus dem Koran selbst gespeist wird. Hier arbeitet Abdel-Samad mit über 400 Beispielen von Suren, also Abschnitten aus dem Koran, die zu Gewalt aufrufen. Auch einige Persönlichkeitsmerkmale des Propheten selbst werden von Abdel-Samad analysiert, und zwar solche, die seiner Meinung nach nicht für die ethisch-spirituellen Prinzipien einer Religion geeignet sind: die eines Kriegsherrn, Unterdrückers und Vergewaltigers. Der Prophet taugt seiner Meinung nach somit nicht als Vorbild für eine Religion.

Khorchide, der Gemäßigte

Der im Libanon geborene Mouhanad Khorchide glaubt an eine Reform des konservativen Islams. Er benennt Einflüsse für die Rückständigkeit des Islam in mehreren Bereichen. Die Unterdrückung von Reformern durch das Establishment zum Beispiel. Dafür gibt er auch dem Westen eine Mitschuld. Denn der Westen spielt seiner Meinung nach ein heuchlerisches Spiel. Zum einen vertritt der Westen die demokratische Welt und seine Werte, zum anderen verkauft er aber Waffen an Diktatoren, die eine Demokratie in ihren Ländern verhindern. Man kann also nicht behaupten, der Westen sei an der Schaffung demokratischer Strukturen in den jeweiligen Ländern interessiert. Er behauptet weiterhin, dass der Westen solange als Feindbild muslimischer Länder betrachtet wird, wie er sich in die politischen und militärischen Belange dieser Länder einmischt.

Khorchide denkt, dass eine Reform nur langsam geschehen kann. Er glaubt, dass die schweigende Mehrheit der gläubigen Muslime überzeugt und geeint werden muss. Hier sieht er die Bildungsinstitute in der Pflicht. Nicht nur in den arabischen Ländern, sondern auch in den westlichen. Denn nur durch Bildung und durch religiöse Aufklärung kann eine Umstrukturierung im Denken angestoßen werden. Religiöse Menschen sollen seiner Meinung nach den Mut zur Selbstkritik und Selbstreflexion erhalten, beispielsweise in einem Religionsunterricht, der alle Religionen behandelt und kritisch mit ihnen umgeht. Laut Khorchide wird der Koran insgesamt nur oberflächlich gelehrt, sodass kaum ein kritischer Diskurs stattfindet. Auch der Glaubenspraxis vieler Muslime stellt er ein kritisches Exempel. Viele Gläubige praktizierten den Koran nur oberflächlich und lesen ihn nicht kritisch. Insgesamt sieht er, genau wie Abdel-Samad, fehlenden Intellekt als Hauptgefahr für Manipulation und Gewaltbereitschaft.

Sollte man das Buch lesen?

Dieses Buch bekommt von mir eine klare Leseempfehlung. Durch seinen dialektischen Charakter kann der Leser sich eine eigene Meinung darüber bilden, ab wann eine Religionskritik angemessen ist. Vor allem einer Religion gegenüber, die einem völlig fremd ist. Man erfährt durch die Lektüre viel über inhaltliche Aspekte des Islams. Es wird einem bewusst, welchen Problemstellungen sich der Islam konfrontiert sieht. Vor allem in Zeiten, in denen wir auf die Integration vieler Muslime in Deutschland angewiesen sind, ist es wichtig, sich über diese andere Kultur sachlich zu informieren. Denn um eine Integration erfolgreich zu gestalten, müssen sich beide Seiten bemühen. Durch die sachliche und rationale Argumentationsweise der Autoren bekommt man außerdem nicht das Gefühl, die Debatte sei emotional geführt. Im Endeffekt wird einem bewusst, dass ausgerechnet ein Gott viel zu oft für die Fehler und Schwächen von religiösen Menschen verantwortlich gemacht wird. Ist der fundamentale Islam also zu retten? Ich bin kein Pessimist, deswegen antworte ich mit "Ja". Es wird jedoch ein langer Weg.

 

 

Im Studiogespräch Lisa Tuttlies mit Redakteur Markus Mertens
Ist der Islam noch zu retten?

 

 

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