Debatte über Geschwister-Inzest

Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung

In Deutschland steht Geschlechtsverkehr zwischen leiblichen Geschwistern unter Strafe. Mittlerweile gibt es Stimmen, die sich für eine Lockerung des Verbotes einsetzen. Dabei wird auf das Recht zur sexuellen Selbstbestimmung verwiesen.
Wird der Paragraf 173 bald gelockert?

Laut Paragraf 173 des deutschen Strafgesetzbuches werden volljährige Geschwister, die miteinander Geschlechtsverkehr haben, "mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft". Der Deutsche Ethikrat plädiert nun dafür, einvernehmlichen Beischlaf unter Geschwistern nicht mehr unter Strafe zu stellen, sofern die Beteiligten getrennte Lebensabschnitte absolviert haben.Heinz-Jürgen Voß, Professor für angewandte Sexualwissenschaft in Merseburg, meint dazu:

"Ich kann keinen ethisch gearteten Grund erkennen, warum hier ein Eingreifrecht für staatliche Interessen gegeben sein könnte", und weiter, "Wenn wir für sexuelle Selbstbestimmung und für autonome Entscheidungen sind, muss das in diesem Fall gelten und so muss das Verbot von Inzest abgeschafft werden."

Gibt es "Opfer"?

In Ländern wie Spanien, Belgien, Frankreich oder Argentinien ist Sex zwischen Geschwistern nicht verboten. Begründet wird dies damit, dass es keine Opfer gäbe, sofern alles einvernehmlich ablief. In Deutschland dagegen wird darauf verwiesen, dass Kinder aus diesen Beziehungen häufig mit Erbkrankheiten zur Welt kommen – und somit als Opfer zu sehen sind. Für Dr. Michael Wunder vom Ethikrat ist dieser Standpunkt nicht nachvollziehbar:

"Bei anderen von Erbkrankheiten Betroffenen sagen wir ja auch nicht, dass sie keine Kinder bekommen können. Wir vertrauen darauf, dass sie sich selbst entscheiden und sich über das Risiko, was zweifellos erhöht ist, informieren."

Ablehnung seitens der Politik

Vonseiten der Christdemokraten wird der Vorschlag des Ethikrates scharf kritisiert. Dr. Thomas Feist von der CDU betont, dass der Paragraf 173 sich nicht nur auf Sex zwischen Geschwister bezieht, sondern auch zwischen nahestehenden Verwandten. Er sieht in der Lockerung des Gesetzes ein Problem:

",dass eben im geschützten Raum der Familie es nicht legalisiert werden sollte, wenn Eltern mit Kindern Geschlechtsverkehr haben oder Kinder zeugen. Und eine Aufweichung des Inzest-Verbotes würde dies nicht unter Strafe stellen."

Die familiäre Umgebung soll seiner Meinung nach ein gesetzlich geschützter Raum bleiben. Feist klammert dabei jedoch aus, dass der Ethikrat sich nur auf Geschlechtsverkehr zwischen mündigen Geschwistern bezieht, nicht auf den Rest des Paragrafen 173. 

Der Ethikrat selbst hat lediglich eine beratende Funktion, in die Gesetzgebung ist er dagegen nicht involviert. Er hat eine kontroverse Debatte anstoßen können, die wohl noch einige Zeit andauern wird. Bei der bisherigen Resonanz seitens der Politik ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass ein möglicher Gesetzesentwurf zu diesem Thema zustande kommt.

 

Ein Beitrag von Lisa Hofmann über den Vorschlag des Ethikrates.
Ein Beitrag von Lisa Hofmann über den Vorschlag des Ethikrates.

   

 

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Carsten Richter
29.09.2014 - 12:47

Der Paragraf 173 des Deutschen Strafgesetzbuches "Beischlaf zwischen Verwandten" lautet in voller Länge:

(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; dies gilt auch dann, wenn das Verwandtschaftsverhältnis erloschen ist. Ebenso werden leibliche Geschwister bestraft, die miteinander den Beischlaf vollziehen.

(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft, wenn sie zur Zeit der Tat noch nicht achtzehn Jahre alt waren.