Frisch Gepresst

Das Organischste Instrument von Allen

Mit seinem fünften Studioalbum wagt der amerikanische Ambient-Musiker Scott Hansen alias Tycho nach 15 Jahren einen völlig neuen Schritt: Auf „Weather“ werden seine schwelgerischen Klanglandschaften erstmals von Gesang begleitet.
Tycho - Weather
Tycho aka Scott Hansen

Anderthalb Minuten lang lässt Tycho auf „Easy“, dem ersten Song seines neuen Albums „Weather“, seine Zuhörer im Glauben, es wäre alles beim Alten. So lange dauert es nämlich, bis sich Sängerin Hannah Cottrell aka Saint Sinner mit einem plötzlichen, sinnlichen Seufzen ankündigt. Bis dahin hält sich das Stück an die Trademarks, die Tycho über 15 Jahre und fünf rein instrumentale Alben hinweg perfektioniert hat: Zu mehreren Schichten von Synthesizern, mal frickelig-tanzend, mal sphärisch-schwebend, gesellen sich analoge Elemente, wie Bass, Schlagzeug und Gitarre, die eher dem Rock entliehen scheinen. So schafft Tycho eine verträumte Atmosphäre, die trotz aller Elektronik nie kalt oder synthetisch, sondern unglaublich warm und menschlich wirkt.

Schritt Richtung Pop

So gesehen wirkt der Schritt, in Tychos Worten, „das organischste Instrument von allen, die menschliche Stimme, zu integrieren“, wie eine logische Schlussfolgerung aus seinem bisherigem Schaffen. Trotzdem ist es beeindruckend, wie stark Saint Sinner mit ihrer Stimme die Wirkung von Tychos Musik verschiebt. Zuvor wurde das musikalische Schaffen des Kaliforniers noch mit Begriffen wie Ambient und Chillwave verortet, Musikstile die meist mit einem eher passiven Konsum in Verbindung gebracht werden; Hintergrund-Beschallung zum Lesen oder verträumten Nachdenken. Dank des ausdrucksstarken Gesangs wirkt „Weather“ unmittelbar involvierender und intimer. Wenn nach dem Opener der zweite Track „Pink & Blue“ erstmals mit klar verständlichem Text beginnt, wird klar, dass Tycho damit den Schritt Richtung Pop vollzogen hat. Der Song bietet eine starke Hook und die Emotionen, die Saint Sinner vermittelt, sind sofort greifbar.

Trotz der Neuausrichtung baut „Weather“ jedoch auf den altbekannten Stärken Tychos auf. Das Fundament, auf dem der Gesang aufbaut, ist unglaublich geschmeidig, komplex und perfekt arrangiert. Die Atmosphäre, die Tycho erzeugt, ist melancholisch und doch positiv. Noch mehr als zuvor verfeinert der Künstler das Elektronische mit Einflüssen aus Postrock und Indierock. So droht die Musik zu keinem Zeitpunkt zur reinen Begleitung des Gesangs zu verkommen. Ein wenig wundert man sich aber trotzdem, wenn nach „Pink & Blue“ und dem ebenso einprägsamen „Japan“ mit „Into the Woods“ doch wieder ein reines Instrumental zu hören ist. Als Ruhepunkt ist der Track aber trotzdem sinnvoll, besonders da im Anschluss mit „Skate“ das wohl traurigste Stück des Albums folgt. Zu seinen instrumentalen Wurzeln kehrt Tycho schließlich auch im abschließenden Titeltrack zurück. Mit sphärischen Postrock-Gitarren gelingt ihm ein angemessen epischer Abschluss für das Album und ein extrem runder Gesamteindruck.

Fazit:

Mit „Weather“ gelingt Tycho der Schritt von instrumentaler Ambient-Musik hin zu packendem Elektro-Pop. Der Gesang der Newcomerin Saint Sinner fügt sich perfekt in das Klangbild des Sound-Tüftlers ein und schafft dabei trotzdem etwas völlig Neues. „Weather“ überzeugt als eine Sammlung starker Popsongs und gibt ein wunderbar melancholisches, hypnotisierendes Gesamtwerk ab.

 

Kommentieren

Tycho: Weather

Tracklist:
  1. Easy
  2. Pink & Blue*
  3. Japan*
  4. Into the Woods
  5. Skate*
  6. For How Long
  7. No Stress
  8. Weather

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 12.07.2019
Mom+Pop/Ninja Tune (Rough Trade)