Frisch Gepresst

Das Leben der Anderen

Fatoni widmet sein neues Album voll und ganz „den Anderen“ – und trotzdem ist „Andorra“ die bis jetzt persönlichste und aufschlussreichste Platte des Münchener Rappers.
Fatoni
Fatoni

Fatoni war nie ein Maskenrapper, aber seine metaphorische Maske, die hat er abgelegt. Triefte sein Mixtape „Im Modus“ aus dem Jahr 2017 noch vor Ironie, Sarkasmus und Zynismus, sind die Songs zwar immer noch humorvoll, aber doch ernsthafter geworden. Fatoni hat lange gehadert mit der neuen Platte, viel beobachtet und nachgedacht und ja, Fatoni ist älter geworden. Das merkt man auch den Texten und Themen auf dem neuen Album an.

Nicht von sich zu erzählen, heißt ja auch, sich nicht angreifbar zu machen.

– Fatoni in „Das Wetter“, Ausgabe 18

Die ewig anders Anderen

Schon der erste Song „Alles zieht vorbei“ drückt dem Hörer die neu gewonnene Reife auf die Kopfhörer. Fatoni reflektiert über einen wabernd-atmosphärischen Beat übers (Nicht-)Ankommen und dem Getrieben sein. Wenn dann noch der Elder Statesman der deutschen Indie-Rock-Szene, Dirk von Lowtzow (Tocotronic), ein paar O-Töne ins Mikrofon haucht, dann ist auch dem Letzten klar: Hier will sich jemand etwas von der Seele rappen. Und das geschieht auch auf den folgenden Tracks des Albums, wenn auch ein bisschen weniger bedeutungsschwanger als im Intro-Song.

Hör nur auf dich selbst, haben die Anderen gesagt.

– Fatoni im Song „Die Anderen“

Der rote Faden, der „Andorra“ zusammenhält, das sind „die Anderen“. Fatoni behauptet von sich selbst, Lebensentwürfe anderer Menschen zu bewundern und das merkt man dem Album von Anfang bis Ende an. Auf nahezu jedem Song behandelt er Dinge um ihn herum, die ihn prägen und beeinflussen. Dieter Bohlen, der Algorithmus in seinem Handy oder ein Junkie aus seiner Kindheit - die Inspirationen für die Songs sind so vielfältig wie überraschend. Aber so groß die Differenz der behandelten Themen auch teilweise sein mag, Fatoni bekommt es stets hin, die Menschen und Dinge um ihn herum auf seine Situation zu beziehen. Das passiert immer auf eine nachvollziehbare, reflektierte und ja - auch das kann Fatoni natürlich noch - humorvolle Art. Bestes Beispiel hierfür ist der tragikomische Schlüsselsong „Ich glaub mit mir stimmt was nicht“, in welchem er eine Panikattacke in seiner Zeit als Theaterschauspieler verarbeitet. Denn bei manchen Zeilen weiß man als Hörer einfach nicht, ob man lachen oder sich Sorgen machen soll.

Unverkrampft und praktisch

Was „Andorra“ auch musikalisch besonders macht, ist die samplelastige, aber immer moderne Produktion von Dexter. Die Beats und Loops sind nie aufdringlich, aber immer eindringlich und die perfekte Basis für Fatonis Storytelling. Und überhaupt passt sich das Musikalische an das Albumkonzept an. Ist Fatoni wütend auf sich selbst („Krieg ich alles nicht hin“), dann nimmt er eben eine schrammelige Punk-Demo auf. Rappt er über seine Liebe zum Algorithmus, dann wird „Wie du“ eben zur Autotune-Hymne. Das ist vor allem eins: konsequent.

Fatonis Magnum Opus?

Fatoni mutet sich auf „Andorra“ viel zu, sowohl inhaltlich als auch konzeptuell. Er lässt das erste Mal in seiner Diskografie einen wirklichen Blick in sein Innenleben zu, und das (über weite Strecken) ohne Gefühlsduselei oder Einbüßen seines Humors. Besonders das detaillierte Storytelling und die reflektierten Texte lassen die Lebenswelt Fatonis nachvollziehbar und auch unterhaltsam erscheinen. Dem Münchener gelingt der Spagat zwischen schlüssigem Konzept und musikalischer Entwicklung. So wird es spannend zu sehen sein, ob auf dem nächsten Album immer noch „die Anderen“ eine Rolle spielen oder ob Fatoni sich gefestigter und selbstbewusster zeigt. Damit kann er sich aber reichlich Zeit lassen, denn mit „Andorra“ hat er nicht nur eines der besten deutschsprachigen Alben des bisherigen Jahres geliefert, sondern auch eine Platte mit langer Halbwertszeit.

 

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Scott Heinrichs
17.06.2019 - 16:31
  Kultur

Fatoni: Andorra

Tracklist:
  1.     Alles zieht vorbei (feat. Dirk von Lowtzow)*
  2.     Die Anderen*
  3.     Clint Eastwood
  4.     D.I.E.T.E.R.
  5.     Burj Khalifa (feat. Casper)
  6.     Digitales Leben
  7.     Nein Nein Nein Nein Nein Nein*
  8.     Alles cool
  9.     Krieg ich alles nicht hin
  10.  Ich glaub mit mir stimmt was nicht*
  11. Mitch*
  12. Wie du
  13. OK OK OK

*Tipps aus der Musikredaktion

Erscheinungsdatum: 07.06.2019
Universal URBAN