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Das große Unbehagen

Wenn man sich mit feministischer Theorie beschäftigt, stolpert man schnell über das Werk Judith Butlers. Die US-Amerikanerin ist unter anderem mit ihrem Konzept der sogenannten Gender-Performativität berühmt geworden.
Judith Butler bei einer Vorlesung an der Universität Hamburg 2007
Judith Butler bei einer Vorlesung an der Universität Hamburg 2007

Mit ihrem Werk „Gender Trouble” ist die amerikanische Philosophin Judith Butler eine bedeutende Theoretikerin der sogenannten Queer Theory. „Queer”- das bedeutet eigentlich soviel wie „schräg” und wird im 19. Jahrhundert noch abwertend genutzt. Mit der Entwicklung der Queer Theory hingegen, findet in den frühen Neunzigern ein Bedeutungswandel statt: Queer stellt sich gegen traditionelle Kategorien von Sex und Gender. Auch Menschen, die durch das klassische Raster des LGBT fallen, sollen mit dem Neuentwurf des „Queer” angesprochen werden.

Biografie

Judith Butler wird am 24. Februar 1956 in Cleveland, Ohio geboren. Sie wächst in einer jüdischen Familie auf.1974 beginnt sie ein Philosophiestudium an der Eliteuniversität Yale. Während ihrer Studienzeit verbringt sie auch ein Semester an der Universität Heidelberg. Dort widmet sie sich vor allem den Werken von Kant und Hegel. Nach ihrem Studium arbeitet sie als Dozentin und Assistenzprofessorin für Philosophie an verschiedenen Universitäten in den Staaten. Zu dieser Zeit veröffentlicht sie erste Essays zur feministischen Theorie. 1990 erscheint ihr Hauptwerk, das Judith Butler internationale Beachtung bringen wird: "Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity" – zu deutsch: "Das Unbehagen der Geschlechter". Darin geht es um Fragen zu Geschlecht, Geschlechtsidentität und dem sexuellen Begehren.

Konstruktion des Geschlechts

Seit den 70er Jahren ist man sich einig, dass das soziale Geschlecht, also das, was man im Englischen mit „Gender” bezeichnet, konstruiert ist. Damit werden patriarchale Machtverhältnisse aufrechterhalten. Auch „Gender” basiert auf der Idee von zwei Geschlechtern. Butler zweifelt dieses Konzept an und behauptet: Auch das biologische Geschlecht an sich ist konstruiert. Sprache steht damit besonders im Fokus der Untersuchungen Butlers. Laut ihr gibt es noch gar kein körperliches Geschlecht, bevor dieses nicht in einem sprachlichen Diskurs bestimmt wird. Ein Mensch ist nicht durch biologische Merkmale weiblich oder männlich, sondern wird dies erst durch die sekundäre Bezeichnung. Als Beispiel könnte man hier die Äußerung der Hebamme bei einer Geburt nehmen: “Es ist ein Junge bzw. ein Mädchen”: Laut Butler wird das Neugeborene erst durch diese Aussage zum Jungen oder Mädchen.

Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich.

Judith Butler in „Das Unbehagen der Geschlechter"

Die Unterscheidung von Sex und Gender, dem körperlichen und dem sozialen Geschlecht, büßt so an Bedeutung ein. Denn Gender, also die Identität, wird nicht gedacht, ohne dass es vorher eine Idee von einem körperlichen Geschlecht gibt. Die Bezeichnung Mann oder Frau ist zugleich eine Kategorisierung von Identität. Judith Butler kommt so zu dem Schluss, dass sex und gender unweigerlich miteinander verbunden und sozial konstruiert sind.

Möglicherweise ist das Geschlecht immer schon Geschlechtsidentität gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist.

Judith Butler in „Das Unbehagen der Geschlechter"

Viele Fragen, wenig Antworten?

Judith Butler wird häufig aufgrund ihrer komplizierten Sprache kritisiert, mit der sie noch komplizierter erscheinende gesellschaftliche Phänomene aufzudecken versucht. Bei der Lektüre des "Gender Trouble" meint man zu ahnen, wo Butler das Problem sieht: Geschlechterkategorien sind immer unterkomplex und zwangsweise problematisch, da sie aus Machtstrukturen heraus entstehen. Doch wie können wir dem begegnen, wenn die Bildung von Kategorien im Kopf unumgänglich zu sein scheint? Denn das Geschlecht "abzuschaffen", ist zumindest zum jetzigen Zeitpunkt noch eine Utopie. Was bleibt, ist das Gefühl von Machtlosigkeit. Oder ist es vielleicht ein "Unbehagen"?

Doch gibt es dann etwas, was wir aus Judith Butlers komplexer Theorie für unseren Alltagsfeminismus mitnehmen können? Möglicherweise das Bewusstsein dafür, dass Begriffe nie ausreichen werden, um Identitäten in all ihrer Vielfalt zu begreifen. Starre Kategorien, die Menschen in ein vorbestimmtes Muster zwängen, müssen kritisch betrachtet, hinterfragt und in einem letzten Schritt aufgelöst werden. Vielleicht kommen wir so irgendwann an den Punkt, an dem die Kategorie „Mensch” alle anderen ablöst.

Hören Sie hier den ganzen Beitrag der mephisto 97.6 Redakteurinnen Amelie Berboth und Lara-Lena Gödde:

Ein Beitrag von Amelie Berboth und Lara-Lena Gödde.
 
 

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Lara-Lena Gödde
23.06.2017 - 14:58
  Kultur

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„Das Unbehagen der Geschlechter" von Judith Butler

aus dem Amerikanischen von Kathrina Menke

erschienen im Suhrkamp Verlag, 13,00€