Stasi-Archiv Leipzig

"Das größte Puzzle der Welt"

Wenn ein Geheimdienst versucht, seine Arbeit zu vertuschen, bleiben vor allem Papierschnipsel zurück. Nach über 20 Jahren ist man mit der Rekonstruktion von Akten im Leipziger Stasi-Archiv schon recht weit – aber noch immer nicht fertig.
Einige Räume im Leipziger Stasi-Archiv sind weitgehend in ihrem ursprünglichen Zustand belassen worden.

"Das größte Puzzle der Welt" steht auf einem Zettel an der Tür. In den Regalen liegen etwa 2.300 Säcke voller Papierschnipsel. Gefüllt mit Dokumenten, die Stasi-Agenten nach dem Mauerfall hastig vernichten wollten. Im Dezember 1989 bemerkten einige Leipziger die Lkws, die am Dittrichring 24 ein- und ausfuhren. 

Es waren Lastwägen mit vernichteten Akten. Überreste lagern noch heute im Gebäude der ehemaligen Bezirksverwaltung. Fast 93 Prozent aller Akten sind bisher erschlossen, sagt Gabriele Steinbach stolz. Sie arbeitet seit 1992 in der Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde. Die Akten wiederherzustellen bleibt eine Mammutaufgabe, so Steinbach:  

Es gibt seit 1995 in Zirndorf bei Nürnberg eine Gruppe von Leuten, die den ganzen Tag nichts anderes tun als zu puzzeln. Sie haben aber mittlerweile – und das finde ich doch eine relativ beeindruckende Zahl – 1,3 Millionen Seiten zusammengesetzt. Das ist also eine richtige Fleißarbeit, weil der geringste Teil der Unterlagen ist nur zweimal zerrissen worden, in vier Teile. Das wäre ja einfach.

Gabriele Steinbach, Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde

 

"Systematische Diskreditierung" 

Das mühselige Zusammensetzen mit der Hand soll bald ein Ende haben: Dafür hat das Fraunhofer-Institut in Berlin-Charlottenburg einen Hochleistungs-Scanner entwickelt. Der soll die Papierschnipsel digital zusammensetzen, allerdings ist das Projekt noch in der Testphase. Bisher konnte der Scanner 24.000 Seiten rekonstruieren. 

Die unbeschädigten Unterlagen der Leipziger Außenstelle stehen zum Teil noch in den alten Regalen. Die meterlangen Aktenreihen sind eindrucksvoll. Allerdings dienten sie der Stasi nur als Grundlage für die sogenannte Zersetzung von politischen Gegnern. Steinbach zitiert aus einer Anweisung für die Agenten: 

Formen, Mittel und Methoden der Zersetzung. [...] Bewährte anzuwendende Formen der Zersetzung sind: Systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf der Grundlage miteinander verbundener, wahrer, überprüfbarer und diskreditierender sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben.

Richtlinie 1/76 des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der DDR 

Die bürokratischen Formulierungen verschleiern, wie kreativ der Geheimdienst bei der Schikane war. Zum Beispiel gaben die Agenten eine Kontaktanzeige in der Zeitung auf, um der Ehe eines Kritikers zu schaden. Oder sie brachen heimlich in Wohnungen ein, um ein paar Gegenstände auf dem Schreibtisch zu verrücken. Das hört sich zunächst harmlos an – doch konnte die Menge solcher Aktionen viele DDR-Kritiker zur Verzweiflung treiben, sagt Steinbach: 

Wenn ich die [DDR-Kritiker] dazu bringe, sich mit sich selbst zu beschäftigen, können sie nicht mehr nach außen wirksam werden und ihrer eigenen, oppositionellen Tätigkeit nachgehen.

Gabriele Steinbach, Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde

 

Westdeutsche investierten unfreiwillig in die Stasi 

Nicht nur die Tipps zur Zersetzung wurden akribisch dokumentiert. Auch die Zusammenarbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern lässt sich heute gut rekonstruieren. Im Magazinbereich greift Steinbach eine ihrer Lieblingsakten heraus. Sie gehört zu einem IM mit dem Decknamen Dr. Hans Walter. Der Arzt berichtete jahrelang über seine Patienten und brach damit die ärztliche Schweigepflicht. Auf 14 mal 300 Seiten sind seine "Auskünfte" zusammengetragen. Von der Stasi bekam er dafür im Laufe der Jahre 19.000 Ostmark. 

Solche Honorare finanzierte der Geheimdienst auch über Bargeld, das aus abgefangenen Briefen entnommen wurde. Viele Westdeutsche investierten so unfreiwillig in den DDR-Geheimdienst: Denn die Geldscheine, die Westbürger an ihre Verwandtschaft im Osten schickten, behielt die Abteilung M für Postkontrolle gerne ein: 

In den Jahren 1984 bis '89 wurden ungefähr 32 Millionen D-Mark aus den Briefen rausgenommen, die von West nach Ost gingen. Das ist dem Staatshaushalt zugeführt worden, zum Teil auch direkt dem Haushalt des MfS – damit sich die hauptamtlichen Mitarbeiter noch bessere Technik kaufen konnten, um dann noch mehr Waluta aus den Briefen herauszuziehen.

Gabriele Steinbach, Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde 

 

 

"Kümmert euch um euren eigenen Mist" 

Damit kein Postkontrolleur auf die Idee kam, selbst mal ein paar Westmark einzustecken, hatten die dunkelblauen Arbeitsjacken keine Taschen. Im Leipziger Stasi-Archiv erinnert heute eine Wandtafel auch an andere Briefe, die nie bei ihren Empfängern ankamen. Die meisten Schreiben waren eher harmlos. Mancher Bürger wünschte sich nur Autogramme von westdeutschen Schlagersängern. 

Einen Scherz erlaubte sich Walter S. Er schickte einen Brief an sich selbst, um zu überprüfen, ob die Stasi den Brief aus dem Verkehr ziehen würde. Sie tat es - und fand im Umschlag ein Blatt mit dem kurzen Vermerk: "Kümmert euch um euren eigenen Mist." 

 

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler in der Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde.
 
 

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Jeden letzten Mittwoch im Monat findet eine öffentliche Führung in der Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde statt.