Kapitalismus in den USA

Das Geschäft mit den Nationalparks

Millionen von Urlaubsgästen pilgern jährlich in die amerikanischen Nationalparks. Und mit denen lässt sich gutes Geld verdienen. Daher bildet sich um die Parks eine florierende Vergnügungsindustrie, die das Naturspektakel in den Schatten stellt.
Pigeon Forge liegt am Fuße der Great Smoky Mountains.
Hinter den Vergnügungsmöglichkeiten ragen die Great Smoky Mountains hervor.

Kilometerweite grüne Hügel überzogen von einem dichten Nebel. Das sind die Great Smoky Mountains, ein Nationalpark in den US-Bundesstaaten Tennessee und North Carolina. Sie sind mit über 10 Millionen Besuchern pro Jahr der meistbesuchte Nationalpark der USA. Neben diesem enormen Besucheransturm ist der Grand Canyon mit knapp über fünf Millionen Besuchern fast schon ein Geheimtipp.

Diese Besucherscharen wollen unterhalten werden – denken sich geschäftstüchtige Anwohnende. Denn allein wegen der hunderten Kilometer Wanderwegen, Wasserfällen und Felsformationen lässt sich so ein Urlaub wohl kaum füllen. Und selbst wenn, ist daneben noch immer Platz für menschengemachtes Vergnügen.

Amerikanische Freizeitgestaltung

Das lässt sich in den Vororten Gatlinburg und Pigeon Forge beobachten. Um überhaupt in den riesigen Nationalpark zu gelangen, schieben sich Blechlawinen an Autos durch die zunächst noch sehr breiten Straßen. In dem Örtchen Pigeon Forge, das hauptsächlich aus einer acht-spurigen Straße besteht, drängen sich die Vergnügungstempel aneinander.

Ich als Einwohner kenne hier jede Anlage. Vom Go-Cart über das Erlebnis-Minigolf bis hin zu Dollywood. Ich gehe da gerne hin.

Rodney Gibson, Anwohner

Die Country-Sängerin Dolly Parton ist in der Nähe von Pigeon Forge geboren und daran erinnert heute ihr eigener Freizeitpark Dollywood. An ein Miniaturhochhaus klammert sich KingKong und in Gatlinburg können Touristen einen Erdbebensimulator ausprobieren oder sich im riesigen Aquarium verzaubern lassen. Für besonders Wagemutige überspannen mehrere Ziplines den Ort. Gatlinburg selbst ist wohl einem Schweizer Bergdorf nachempfunden und das schätzen die zumeist amerikanischen Touristen besonders.

„Wir sind zum Urlaubmachen hier und ich liebe es. Es ist mein erster Besuch. Wahnsinn! Fühlt sich so heimelig an, wir wollten schon immer mal kommen“, schwärmt eine Touristin zwischen ein paar Schlucken aus ihrem Slusheis-Becher. Sie trägt ein grelles Batikshirt, auf das die Umrisse der Smoky Mountains mit Airbrush drauf gesprüht wurden.

Der Mensch vergiftet ihre erfrischenden Luftströme und ist ein Fluch für das Land, das ihn gebar.

Henry David Thoreau, amerikanischer Schriftsteller über die Natur

In Gatlinburg und Pigeon Forge ist so viel los, dass man fast vergessen könnte, einer der größten Nationalparks des Landes, also ein Wunderwerk der Natur, ist direkt um die Ecke. Auch im Park selbst ist die Dichte an Batik-Shirt tragenden Touristen und Touristinnen noch immer hoch. Lässt man die gut anfahrbaren Aussichtspunkte aber hinter sich und begibt sich auf einen der zahlreichen Wanderwege, wird es plötzlich still. Nur noch einige wenige, gut ausgerüstete Touristen und Touristinnen sind unterwegs.

Der Kontrast zwischen Natur und menschengemachtem Vergnügen könnte nicht größer sein. Und es entsteht der Eindruck, die Nationalparks werden vermarktet. In den kleinen Shops und Restaurants in Gatlinburg ist die Stimmung gut. Schließlich drängen sich viele der Touristen und Touristinnen herein, um das „beste Steak der Smokys“ oder „das größte Brauhaus im Süden der USA“ selbst zu erleben.

Ohne die Touristen würden wir nicht existieren. Manche kommen für den Park, andere für die Städte. Für mich ist das kein Konflikt.

Judy, The Sock Shop in Gatlinburg

Offizielle Behörden haben sich in diesen Städten zurückgezogen und dem freien Kapitalismus seinen Lauf gelassen. Für viele Amerikaner ist der Besuch in Gatlinburg, mit seinen vielen Geschäften und dem heimeligen Gefühl durch die Enge der Gassen, eine willkommene Abwechslung zu den weitläufigen Städten, die die USA sonst überziehen. In vieler Weise sieht der Ort sehr europäisch aus. Und trotz des nahen Naturspektakels wollen sie eben nicht auf ihr blinkendes Vergnügen verzichten.

Freizeitpark ist nicht gleich Nationalpark

Seit 1983 gehören die Great Smoky Moutains zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ein Titel, der Urlaubsgäste magisch anzieht. Fast so magisch, wie eine Titanic-Ausstellung in einem originalgetreuen Schiff samt Eisberg. Wie in allen anderen Freizeitparks explodieren auch in Gatlinburg und Pigeon Forge die Preise. Dennoch ist hier deutlich mehr los als im angrenzenden Nationalpark.

Anders als in den großen Nationalparks der Westküste, war der Weg der Smokies steinig. Denn das Land gehörte zahlreichen Kleinbauern und musste zunächst von der Regierung erworben werden. Um als Nationalpark zu gelten, müssen außerdem strenge Richtlinien eingehalten werden. Wenig Eingriff durch den Menschen ist dabei besonders wichtig. Ein Besuch in den Smoky Mountains liefert also tolle Einblicke in einen naturbelassenen Wald.

Die Batikshirt-tragende Touristin resümiert ihren Besuch strahlend: „I love the Mountains!“ – „Ich liebe die Berge!“ und meint damit das menschengemachte Entertainment in Gatlinburg, aber ganz sicher nicht die Great Smoky Mountains.

 

 Den Beitrag gibt es hier zum Nachhören:

Ein Beitrag von Lauren Ramoser über den Kapitalismus in den USA
Kapitalismus in den USA

 

 

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