Literaturrezension

Das Erzählen als Verbrechen

„Der Stotterer“ in Charles Lewinskys gleichnamigem Roman benutzt die geschriebenen Wörter als Waffe. Mit der Macht der Geschichten und viel krimineller Energie wickelt er jeden um den Finger, auch uns als Lesende…
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky

Die komplette Rezension zum Nachhören:

"Der Stotterer" von Charles Lewinsky, rezensiert von Levin Schwarzkopf

Sprecher: Levin Schwarzkopf, Moritz Lünenborg
 

"Der Stotterer" von Charles Lewinsky, rezensiert von Levin Schwarzkopf

Stottern: Das bedeutet nicht nur, dass jeder Satz länger dauert. Es macht einen auch oft zum Außenseiter. Der Held in Charles Lewinskys neuem Roman leidet unter dieser Sprechstörung. Dabei passt der Begriff „Held“ eigentlich so gar nicht zu dem Protagonisten und Icherzähler dieser Geschichte. Johannes Hosea Stärckle, so heißt er, hat eine lange Kriminellen-Karriere hinter sich und sitzt wegen gewerbsmäßigen Betrugs im Gefängnis. Außerdem hat er mehrere Menschenleben auf dem Gewissen, von denen kein Richter irgendetwas weiß.

Text um Text

Wir Lesenden erfahren seine Geschichte von ihm selbst. Der komplette Roman besteht aus aneinandergereihten Texten, die der Erzähler im Gefängnis aufschreibt. Tagebucheinträge, Notizen, kurze Erzählungen und vor allem Briefe. Die meisten davon sind an den Gefängnispfarrer adressiert. Denn mit ihm hat Stärckle einen speziellen Deal.

Halten wir unsere Abmachung fest: Sie sorgen dafür, dass ich den Posten in der Bibliothek bekomme, und ich verpflichte mich, Geschichten aus meinem Leben für Sie aufzuschreiben. Weil ich doch – Ihre Formulierung – eine Begabung für das Schreiben habe.

aus „Der Stotterer“

In der Tat: Die Hauptfigur des Romans ist ein begnadeter Erzähler. Wie Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht erzählt er seine Geschichten häppchenweise, um den Pfarrer gespannt zu halten – und uns als Lesende gleich mit. Es verwundert nicht, dass Stärckle einen Traum hat: Wenn er aus dem Gefängnis entlassen wird, möchte er Schriftsteller werden.

Gefängniszaun mit Stacheldraht
Der Protagonist sitzt wegen gewerbsmäßigen Betrugs im Gefängnis.

Was ist schon wahr…?

Lewinsky schafft es auf packende Weise, die Rahmenerzählung im Gefängnis mit den verschiedenen anderen Erzählsträngen zu verweben. Besonders spannend wird es dann, wenn sich verschiedene Texte des Protagonisten widersprechen. Denn Stärckle macht sich bewusst keine Mühe, seinem geistlichen Adressaten immer die Wahrheit zu erzählen. Nur wir Lesenden haben das Glück, durch die Tagebucheinträge manchmal mehr zu erfahren.

Zweifelhafte Vergangenheit

Stärckle hat in seinem bisherigen Leben viel kriminelle Energie an den Tag gelegt. Aber er musste auch einiges einstecken. Aufgewachsen in einer ultra-christlichen Sekte, wurde er früh mit roher Gewalt konfrontiert, alles unter dem Deckmantel von willkürlich ausgelegten Bibelzitaten.

Sprüche 18, 6: ‘Die Lippen des Narren bringen Zank und sein Mund ringt nach Schlägen.' (…) In meinem Fall hieß sein Rezept: Einmal stottern – ein Schlag auf die Hand.

aus „Der Stotterer“

Schade ist, dass Lewinsky die Sekte und vor allem ihren selbstsüchtigen Anführer so eindeutig, ja geradezu dämonisch entwirft. Sonst ist es durchaus die Stärke des Romans, dass viele Figuren eben nicht auf ein Merkmal reduziert werden: Vom Protagonisten über den gutmütigen aber gelangweilten Pfarrer bis hin zum skrupellosen Knast-König, der sich eigentlich nur nach Liebe sehnt.

Der Wert einer guten Geschichte

Die traumatische Vergangenheit prägt Stärckle auch als Erzähler. Manchmal poltert er cholerisch, manchmal schmiert er dem Padre Honig ums Maul. Dabei ist seine Sprache immer trocken, bissig und klar. Was Lewinskys Roman so gut macht, sind das originelle Setting, der süchtig machende Lesefluss und ein Protagonist, der sich vom Stottern ganz und gar nicht einschränken lässt. Auch als Lesende fällt man immer wieder auf seine Finten herein. Fühlt sich oft ertappt - und denkt nach, über den Wert einer guten Geschichte.

 

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"Der Stotterer" ist bei Diogenes erschienen. 416 Seiten kosten 24 Euro.

Das Buch auf der Verlagswebsite

Charles Lewinsky wurde 1946 in Zürich geboren. Er hat lange für Theater und Fernsehen gearbeitet. In der Schweiz kennen ihn viele als Autor der Sitcom "Fascht e Familie". Sein bisher bekanntestes Buch ist die jüdische Familiensaga "Melnitz", die in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

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