Literaturkritik

Das Erbe des Krieges

Heute vor 74 Jahren endete der Zweite Weltkrieg – zumindest für die Deutschen. Harald Jähners Buch "Wolfszeit" ist ein großartiges Panorama der Nachkriegszeit. Spannend und anekdotisch erzählt es, wie die Deutschen den Alltag bestritten haben.
Truemmer
Nach 1945 liegen die Städte in Trümmern. "Wolfszeit" ist Harald Jähners Geschichte des Alltags im Nachkriegsdeutschland.

Am 8. Mai 1945 trat die Kapitulation des Deutschen Reiches gegenüber den Westalliierten in Kraft. Stalin aber bestand darauf, dass die Deutschen auch gegenüber der Sowjetunion kapitulierten. Das taten sie am 9. Mai. Diesen Tag feiert man in Russland heute noch als Tag des Sieges. Damit begann in Deutschland eine neue Ära. Die Nachkriegszeit prägten Chaos, Hunger und Neubeginn. Viele Geschichtsbücher setzen erst im Jahr 1949 wieder richtig ein. In die Lücke zwischen Kriegsende und deutsch-deutscher Staatsgründung springt das Buch „Wolfszeit“. Darin erzählt der Kulturjournalist Harald Jähner von Deutschland und den Deutschen zwischen 1945 und 1955. Im März gewann es den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch.

Wie schlachten vier Bildungsbürger einen Ochsen?

Berlin, Ende April 1945. Wenige Tage vor der Deutschen Kapitulation erschüttern heftige Kämpfe die Stadt. Die Bevölkerung klettert in kleinen Gruppen durch die Trümmer und sucht nach Essbarem. So kommt es zu bizarren Situationen: Eine Journalistin, ein Arzt, ein Schauspieler und der Dirigent der Berliner Philharmoniker versuchen, einen Ochsen zu schlachten.

Gerade hatte die Gruppe noch vor einem Tieffliegerangriff Deckung gesucht, da stand dieses Tier vor ihnen, unversehrt und sanftäugig, ein surrealer Anblick in der rauchenden Schreckensszenerie. Sie umstellten ihn, bugsierten ihn sacht an den Hörnern. Tatsächlich gelang es ihnen, den Ochsen vorsichtig in den Hinterhof des Hauses zu locken, in dem sie ein Versteck gefunden hatten. Doch wie nun weiter? Wie schlachten vier urbane Bildungsbürger ein Rind?

aus "Wolfszeit"

Diese Frage steht sinnbildlich für die Situation nach dem Krieg. „Wolfszeit“, das ist eine Zeit, in der niemandem etwas gehört. Den Alltag meistern die Deutschen nur durch Improvisation. Deutschland ist voller Vertriebener, ehemaligen Gefangenen, Heimatlosen. Städte und Infrastruktur sind zerstört, Nahrungsmittel rar. Gesetze gelten nicht. Oft bestimmt Gewalt den Alltag. Die Menschen werden regelrecht zu Wölfen.

Schwarzmarkt und Plünderungen sind an der Tagesordnung

Harald Jähner schreibt eine Alltagsgeschichte der Nachkriegszeit. Er zitiert aus Zeitungen und Tagebüchern. Spannend und anekdotisch beschreibt er individuelle Schicksale und den allgemeinen Zeitgeist. Jahresangaben kommen nur selten vor. Es geht mehr um das Panorama als um den Ablauf der Geschichte. Im Zentrum stehen Alltagsfragen: Wie kommuniziert man ohne Telefonleitung? Wie wohnt man in Ruinen? Und vor allem: Wie besorgt man sich etwas zu essen?

Die offiziellen Lebensmittelrationen reichten nicht. Fast alle Deutschen beteiligten sich deswegen am Schwarzmarkt oder klauten Nahrungsmittel. Den allgegenwärtigen Plünderungen ist ein ganzes Kapitel gewidmet.

Aus München berichtete die Süddeutsche Zeitung, in den Tagen völligen Machtvakuums seien Millionenwerte geplündert worden. Man hätte in den Vorratslagern in Zucker gewatet, aus dem Güterbahnhof heraus sei der Käse durch die Straßen gerollt worden. […] Im Arzberger Keller wurden die Weinfässer aufgebrochen; mehrere vermutlich betrunkene Frauen ertranken im Wein, der knietief im Keller stand. Was für ein grotesker Tod! Sie hatten den Krieg überlebt und starben während der endlich eingetretenen Waffenruhe in einem See aus Rotwein.

aus "Wolfszeit"

Solche makaberen Episoden durchziehen Jähners Buch. Die Gewalt der Kriegsjahre setzte sich nahtlos fort: In Flüchtlingslagern zählte das Leben wenig, alliierte Soldaten vergewaltigten Frauen. Es kam zu Hass zwischen Deutschen, Vertriebenen und Verschleppten. 

Logische Struktur

All das erzählt Harald Jähner in einer logischen Struktur: Angefangen mit Hunger, Vertreibung und Gewalt, über das Aufräumen der Trümmer und die sich langsam ordnende Wirtschaft, hin zum Erwachen des kulturellen Lebens. Schon im ersten Jahr nach dem Krieg, schildert Jähner, gab es in Köln bereits wieder einen Rosenmontagszug. Theater schossen schnell wieder aus dem Boden, nachdem sie in der Endphase des Krieges verboten waren. Bezeichnenderweise geht es erst am Ende des Buches um die Verdrängung der Kriegsverbrechen. Mit dem Holocaust beschäftigte man sich in der Nachkriegszeit kaum.

Die Kapitel sind kurz und lesen sich leicht. Fotos aus der Zeit illustrieren Jähners Recherchen. Und immer wieder staunt man über den Einfallsreichtum der Menschen. Als Währung auf dem Schwarzmarkt setzten sich beispielsweise amerikanische Zigaretten durch.

Da der Handel mit Dollars zwischen Soldaten und Zivilisten verboten und der mit Reichsmark wegen der bald ständig erwarteten Währungsreform zu unsicher geworden war, traten Zigaretten an die Stelle von Geldscheinen. […] Ihr Kurswert schwankte zwar, zählte aber zu den verlässlicheren Gewissheiten jener Jahre. Als Währung war sie ideal: Sie war klein, ließ sich gut transportieren, stapeln und abzählen. Sie kam in Päckchen daher wie die Geldscheine in Bündeln. Und zu ihrem Wesen gehörte eine Flüchtigkeit, die diejenige des Geldes noch übertraf. Ganze Besitztümer gingen mit den eingetauschten Zigaretten in Rauch auf.

aus "Wolfszeit"

Harald Jähner erzählt leichtfüßig, zum Teil salopp. Oft spricht er verallgemeinernd, beispielsweise über die Frauen in der Nachkriegsgesellschaft. Jähner kommentiert häufig aus heutiger Perspektive. So beschreibt er in einem Kapitel die Entwicklung der Stadt Wolfsburg. Als Zwangsarbeiterfabrik von Hitler aus dem nichts geplant, wurde sie zum Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs. Harald Jähner zieht den Bogen zur heutigen VW-Fabrik.

Eine Spielwiese aus Natur, Bildung und Hightech vor einer aseptischen Industriekulisse, hinter der Roboter perfekte Automobile bauen. […] Ungetrübt von den Zweifeln an der Zukunftsfähigkeit individueller Mobilität, wird der Konsumismus hier mit einer Inbrunst inszeniert, bei der nur ein Narr von Ideologiefreiheit sprechen könnte.

aus "Wolfszeit"

So treffend Jähners Analyse des Konsumismus auch sein mag: Der Kommentar wirkt deplatziert. Eindrucksvoll genug ist doch, zu erfahren, dass Wolfsburg seine Ursprünge im Nationalsozialismus hatte und sich die Zwangsarbeit dort in der Nachkriegszeit fortsetzte. Der Angriff auf die Industrielandschaft von heute wirkt fehl am Platz. Die Kapitalismuskritik passt nicht zum sonst erzählerischen Ton des Buches.

Auch an anderer Stelle könnte Jähner die ein oder andere seiner 400 Seiten einsparen: Zu ausführlich gerät seine kunstphilosophische Abhandlung über Trümmer, etwas zu lange hält er sich an den Details einzelner Biografien auf. Es wirkt zum Teil, als wolle er seine gesamte Recherche in das Buch pressen.

Fazit

Dieses Buch zu lesen, ist für geschichtlich interessierte ein Genuss. Harald Jähner wagt immer wieder den Blick zurück in die Nazizeit und zeigt eindrucksvoll deren verheerende Wirkung für jeden einzelnen auf. „Wolfszeit“ verdeutlicht, welch‘ gigantische Herausforderung es ist, in einem geistig und materiell zerstörten Land eine demokratische Gesellschaft aufzubauen.

Der Beitrag zum Nachhören:

Die Rezension von Literatur-Redakteur Lucas Wotzka.
Rezi Wolfszeit
 

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"Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955" ist beim Rowohlt Verlag erschienen. Die 480 Seiten kosten 26 Euro.

Das Buch auf der Verlagswebsite

Harald Jähner, geboren 1953, war bis 2015 Feuilletonchef der "Berliner Zeitung". Seit 2011 lehrt er Kulturjournalismus an der Universität der Künste in Berlin. Für "Wolfszeit" gewann er den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 im Bereich Sachbuch/Essayistik.

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