Albenrezension: Zugezogen Maskulin

Das Ende der Gemütlichkeit

Noch düsterer, noch trotziger und noch konsequenter. Zwei Jahre nach „Alles brennt“ melden sich die sympathischen Misanthropen von Nebenan Zugezogen Maskulin mit einer neuen Platte im Deuschrapkosmos zurück.
Zugezogen Maskulin
Grim104 und Testo von Zugezogen Maskulin

Wir schreiben das Jahr 2017. Brennende Flüchtlingsheime, politisches nach rechts Rücken in Europa und nukleares Säbelrassen bestimmen die Schlagzeilen der Tageszeitungen. Die Reaktionen: Zunehmend verhärtete Fronten und tiefe gesellschaftliche Gräben. Es herrscht ein erbitterter Krieg Alle(r) gegen Alle, so der Tenor des aktuellen Zugezogen Maskulin Albums. Nachdem 2015 alles brannte, ist die düstere Zukunftsdystopie in diesem Jahr also endgültig in der Gegenwart angekommen. Die Parole heißt „Alle gegen Alle“. Linke gegen Rechte, versnobte Städter gegen Dörfler oder Ossis gegen Wessis. Testo und Grim von Zugezogen Maskulin sezieren die deutsche Gesellschaft bis ins Kleinste und treffen sie damit genau ins Mark.

Twitter vs. Trump

Auf zwölf Songs laden die beiden alles ab, was sie so ankotzt. Aggressiv und pointiert arbeiten sie sich an Berliner Coolkids, Konsumwahnsinn und sinnfreien Socialmediahypes ab. Dahinter steht allgegenwärtig die unausgesprochene Frage „Wie passt dieser oberflächliche Zeitgeist mit der aktuellen weltpolitischen Lage zusammen?" War „Alles brennt“ noch das große Ausrufezeichen, ist „Alle gegen alle“ ein riesengroßes, lautes Fragezeichen.

Was nach dem rund vierzigminütigen Wutausbruch noch bleibt, ist vielleicht das schlechte Gewissen, das bei dem ein oder anderen anklopft, auf jeden Fall aber ein flaues Gefühl in der Magengegend. Hierzu tragen absurderweise insbesondere die zwei ruhigsten Songs der Platte bei. „Der müde Tod“ und „Steine und Draht“ wirken in ihrer Intensität noch lange nach. Feststeht: Alle gegen alle tut weh. Grim und Testo legen den Finger in die Wunden der westlichen Wohlstandsgesellschaft und garnieren das Ganze dann noch mit einer Extraprise Hass.

Tiefe im Deutschrapwahnsinn

Ihrem Sound bleiben die beiden weitestgehend treu. Im Gegensatz zum Vorgängeralbum geht es bei „Alle gegen Alle“ musikalisch allerdings etwas poppiger zu: Autotuneelemente und eingängige Samples inklusive. Herauszustellen sind vor allem die Produktionen von Silkersoft  – basslastige Beats treffen auf Testos tiefe Stimme, gepaart mit Grims kauzigem, eigenwilligem Rapstil. Wer einen smoothen Flow sucht, ist hier wohl an der falschen Adresse. Wer sich allerdings nach ein bisschen mehr Tiefe im Deutschrapwahnsinn sehnt, die nicht peinlich oder gewollt wirkt und politischen Rap à la Audio88 & Yassin oder Antilopgengang mag, darf sich dieses Album auf keinen Fall entgehen lassen.

 

 

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Zugezogen Maskulin: Alle gegen Alle

Tracklist:

1. Intro (Alle gegen Alle)
2. Was für eine Zeit
3. Uwe & Heiko
4. Alle gegen Alle*
5. Vor Adams Zeiten
6. Stirb!
7. Yeezy Christ Superstar*
8. Nachtbus
9. Teenage Werwolf
10. Steffi Graf
11. Der müde Tod
12. Steine & Draht*

* Anspieltipps
 

Erscheinungsdatum: 20.10.2017
Buback Tonträger