Aufstrebende Tattoos aus Leipzig

Das Blut tropft und spritzt

Er wollte es von einem Profi lernen. Vor fünf Jahren ist Sepp von Chemnitz nach Leipzig gezogen. Seitdem hängt er an der Nadel – das Tätowieren lässt ihn nicht mehr los.
Sepp präsentiert stolz sein Werk.

Das Blut tropft und spritzt. Flammen lodern auf. An einem Galgen baumelt ein brennender Körper in SS-Uniform und Springerstiefeln. Die Wände sind mit bunten Comic-Zeichnungen tapeziert. Ein Pirat fletscht seine Zähne und beißt auf ein Schwert. Asiatische Frauen mit weißer Mähne speien Feuer. Der helle Raum mit den hohen Decken könnte auch ein WG-Zimmer sein. Trotzdem wirkt es steril und aufgeräumt.

„Einfacher Stil, aber einer, der am längsten hält. Klare Linienführungen, Schatten und ballernde Farben“, beschreibt Sepp seine schwarz gerahmten Kunstwerke. Ohne diese Wand hinter sich würde er keinesfalls als Tattoofreak hervorstechen. Das Klischee erfüllt er nicht. Einziger Körperschmuck: zwei Piercings an Nase und Kinn. Sepp ist 25 und strahlt etwas Kumpelhaftes aus. Nicht nur deshalb scheint er seinen Job gut zu machen.

"Ganz klassische, harte Ausbildung"

Vor dem Studio hängt er lässig an der Reling. Nachmittagssonne. Sorgfältig streift er die Kapuze seines schwarzen Hoodies über die dunkelrote Skatermütze. Gleich beginnt er mit seinem Tagwerk: „Ich tätowier so drei bis vier Stunden täglich“. Sepp kommt aus Chemnitz. 2009 ist er zu seinem Lehrer nach Leipzig gekommen. Zum „Saxe“. Der ist jetzt sein Chef und Vorbild zugleich. „Ganz klassische, harte Ausbildung war das mit ihm“, lacht Sepp kurz in sich hinein und zieht mit umherschweifendem Blick an seiner Selbstgedrehten. „Den Saxe habe ich mit 18 in einem Tattoo-Magazin gefunden. Weil ich sowieso schon immer gemalt habe und mir das gefallen hat, habe ich mir auch seinen Western-Traditional-Stil angeeignet.“ Die Nadel von Saxe brummt bereits aus der offenen Studiotür.

Drinnen streckt mir Sepp voller Stolz sein neues Werk entgegen. Über den Rand des Bilderrahmens leuchten seine Augen. Mehr sieht man nicht von ihm. Dafür ein Skelett mit dunklem Umhang. Es umschlingt eine nackte Kämpferin. Aggressiv ballt sie dem Knochengerüst ihre Faust entgegen. „Das soll den Kampf zwischen Leben und Tod darstellen. Ein Tattoo wird das aber noch nicht, das müsste ich noch detaillierter malen“, sagt Sepp perfektionistisch, voll ungebremster Kreativität und doch Ruhe ausstrahlend. So wie man sich einen guten Tätowierer vorstellt.

Rainald Grebe zur Totenkopf-Fledermaus

Aus dem Mund eines Totenkopfs ragt eine Fledermaus – das Wunschmotiv seiner heutigen Kundin.

Ein Tag – eine Nadel. Das ist Sepps Motto. Heute will er seiner Kundin Katrin ihr erstes Tattoo verpassen. Mit der Idee kam sie vor einem Monat – die Schablone hat Sepp jetzt fertiggestellt. Trotzdem nimmt er sich noch eine Stunde Zeit, um letzte Einzelheiten zu besprechen. Das Motiv soll auf den linken Oberarm. Aus dem Mund eines Totenkopfs ragt eine Fledermaus. Katrin ist mit der Zeichnung zufrieden. Sepp auch. Er streift sich lila Gummihandschuhe über und schlüpft in eine weiße Schürze. Den Kapuzenpulli zieht er aus, Sepp braucht Armfreiheit. Sein Oberarm-Tattoo wird freigelegt. Aus den Lautsprechern summt Rainald Grebe beruhigend durch den Raum. Auf der Nachbarliege von Saxe blickt ein Stammkunde neugierig und im nächsten Moment glücklich auf seine fast vollendete Wolke. Die Arme hat er locker hinter dem Kopf verschränkt, entspannt wie bei einer Massage.

Presslufthammer und Cola-Gummibärchen

Sepp greift zum Presslufthammer. So nennt er seine Nadel. Er klemmt sich unter zwei überdimensionale Schreibtischlampen und wirft die Maschine an. Akribischer Blick, Oberlippe leicht vorgeschoben. In Glöcknerstellung hockt er auf einem abgesessenen Schreibtischstuhl und zieht erste Striche in die Haut seiner Kundin. Es riecht wie aus einer frisch geöffneten Tüte Cola-Gummibärchen. „Die Mischung aus Desinfektionsmittel, Blut, Schweiß und Angst“, grinst Sepp. Katrin lacht. Ob das Tattoo auch noch in 30 Jahren so aussieht, will sie wissen und der Fachmann weiß: „Man muss immer darauf achten, dass man Kontrast hat. Helle Farben sind leuchtender, besser zu erkennen und strahlen mehr aus. Wenn ich jetzt 50 verschiedene Grautöne nehme, sieht das nach einem Monat aus wie ein einziges Grau.“

Sepps "Schreibtisch"

Körperlich, glaubt Sepp, ist irgendwann Schluss mit seinem Beruf: „Ich sitze schon manchmal richtig beschissen. Das geht zu sehr auf den Rücken.“ Und trotzdem kann er sich ein Leben ohne Tattoos nicht vorstellen: „Wenn man erst einmal angefangen hat, fühlt man sich so nackt vorm Spiegel. Dann zählt nur noch die tätowierte Haut. Und wenn man immer größere Pausen hat, wird es immer schlimmer. Seit einem Jahr habe ich mich nicht mehr tätowieren lassen. Da ist man aus dem Rhythmus.“

Aber erst einmal hockt er weiter an seinem neuen Kunstwerk. Es wird noch ein paar Stunden dauern. Ans Aufhören kann er jetzt noch nicht denken.

 

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Felix Gebhardt
17.08.2014 - 19:09

Bis vor kurzem haben Sepp und Saxe im Leipziger Westen tätowiert. Mittlerweile hat es beide in die Südvorstadt zu einem neuen Projekt gezogen. Auf der Karl-Liebknecht-Straße ist ein Tattoo-Studio mit dem Namen „Dark & Bright Side & Friends" entstanden.