Frisch gepresst: The National

Das Biest und der Zeitgeist

Ein Album, zu perfekt um wahr zu sein? Eben nicht. „Sleep Well Beast“ ist zutiefst menschlich und hoch emotional. Genau damit wickelt es uns um den Finger.
The National
The National veröffentlichen mit „Sleep Well Beast“ ihr siebtes Album.

Indie-Rock-Bands sind klischeebehaftet. Meistens sind es doch irgendwelche Briten Anfang oder Mitte 20, die in Röhrenjeans und Lederjacke irgendwas von Liebe singen – zur Freude der verliebten Mädchen in der ersten Reihe. The National passen denkbar schlecht in dieses Klischee. Catchy Songs für Radiosender und 17-jährige Groupies zu schreiben liegt den US-Amerikanern fern. Zum Glück. Schließlich wäre das für verheiratete Familienväter mit Mitte 40 auch überaus albern.

Nur nichts überstürzen

Seit 1999 sind The National im Geschäft. Bis heute haben sie zwei EPs, sieben Studioalben und zwei Filme veröffentlicht. „Sleep Well Beast“ ist nun der jüngste Zugang ihrer umfangreichen Diskografie. Die Fans sind ganz aus dem Häuschen, die Kritiker ebenso. Die Freude ist nachvollziehbar, schließlich vergingen seit dem letzten Release vier lange Jahre. Manche hatten sogar Bedenken, The National hätten sich mit dem Vorgängeralbum „Trouble Will Find Me“ endgültig verabschiedet.

Sänger Matt Berninger veröffentlichte ein Album mit seinem Nebenprojekt EL VY, seine Bandkollegen taten es ihm gleich: Schlagzeuger Bryan Devendorf und dessen Bruder Scott brachten in ihrer Formation LNZNDRF eine Platte heraus. Gitarrist Bryce Dessner war an mehreren Kompositionen beteiligt, unter anderem an Sufjan Stevens Konzeptalbum „Planetarium“ (2017). Sein Bruder Aaron war als Songwriter und Produzent tätig. Insgesamt waren die fünf Bandmitglieder also alles andere als faul. Was die Außenwelt nicht wusste: The National hatten bereits 2014 mit den Arbeiten am neuen Album begonnen – ganz still und heimlich. Sie nahmen sich Zeit, die Songs in Ruhe fertigzustellen. Schließlich sollte alles da sein, wo es hingehört.

Zwischen Trademark-Sound und Experimentierfreude

„Sleep Well Beast“ dürfte Bedenken und Wartezeit wieder wettmachen. Im Opener „Nobody Else Will Be There“ erklingen erst behutsam angeschlagene Klaviertasten, dann begrüßt Berninger den Hörer mit seinem unverkennbaren Bariton. Gleich zu Beginn präsentieren sich The National so liebenswert niedergeschlagen wie gewohnt. Ihren signifikanten Sound lebt die Band das ganze Album über aus. So dürften Songs wie „Born to Beg“ oder das bereits als Single veröffentlichte „Guilty Party“ eine besondere Freude für eingefleischte The-National-Liebhaber sein.

Gleichzeitig wurde auf dem Album auch viel ausprobiert: Es ist deutlich elektronischer und drängender als seine Vorgänger. „The System Only Dreams In Total Darkness“ punktet mit ausgiebigem Gitarrensolo, „Turtleneck“ und „Day I Die“ sind so energetisch wie kein The-National-Song vor ihnen.

Statt Weltschmerz und bitterer Ironie verbreiten The National jetzt ein Gefühl, das an gute Laune grenzt. Was bedenklich klingt, funktioniert in der Praxis bestens.

 

Verantwortung für das Biest

Auch inhaltlich bleibt sich die Band treu. Berningers Texte sind nach wie vor makaber und bildhaft. Hinter seinen persönlichen Geschichten über Angst, Liebe, Verlust und Verantwortung scheint eine brennende Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen und politischen Problemen durch: Trumps Präsidentschaft, Rassismus und der wieder aufkommende Rechtspopulismus in Europa. Das Gefühl, sich hilf- und machtlos zu fühlen thematisiert er in „Walk It Back“ besonders stark:

I try to save it for a rainy day
It's raining all the time
Until everything is less insane
I’m mixing weed with wine
Forget it, nothing I change changes anything
I won't let it, I won't let it ruin my hair

Berninger ist unzufrieden und besorgt. Unzufrieden mit der gegenwärtigen Situation und besorgt um die künftigen Generationen. Denn die müssen letztendlich mit dem leben, was jetzt verzapft wird. Für ihn repräsentiert das Biest die Jugend. Die adressiert er bereits im Albumtitel: „Sleep Well Beast“ sind die Worte, mit denen er seine kleine Tochter ins Bett bringt.

Die größte Kritik übt Berninger aber immer noch an sich selbst. Er präsentiert sich gewohnt makelhaft, zweifelnd und transparent. In Songs wie „Carin at the Liquor Store“ breitet er sein Eheleben aus, in „I'll Still Destroy You“ spricht er über sein Verhältnis zu Rauschmitteln:

This one's like your sister's best friends in a bath calling you to join them
Can't avoid them
This one's like your mother's arms when she was young and
Sunburned in the 80s
It lasts forever

Chaos und Charakter

„Sleep Well Beast“ ist ein Album voller Widersprüche. Es ist bis ins kleinste Detail perfekt arrangiert, fängt aber gleichzeitig ein Gefühl von innerem Chaos ein. Es lichtet Menschen mit all ihren Fehlern und Unsicherheiten ab, wird aber genau durch diese Aufrichtigkeit wieder stark. The National bleiben sich und ihrem Sound treu, trauen sich aber auch einen Schritt weiterzugehen.

Die Band zeigt, wie erwachsener Indie-Rock klingt. Nein, The National singen nicht „irgendwas“ von Liebe. The National machen nie einfach „irgendwas“. Was sie tun, hat Inhalt und Charakter. „Sleep Well Beast“ ist dabei keine Ausnahme.

 

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The National: Sleep Well Beast

Tracklist:

1. Nobody Else Will Be There*
2. Day I Die*
3. Walk It Back*
4. The System Only Dreams in Total Darkness*
5. Born to Beg
6. Turtleneck*
7. Empire Line
8. I'll Still Destroy You*
9. Guilty Party
10. Carin at the Liquor Store*
11. Dark Side of the Gym*
12. Sleep Well Beast

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 08.09.2017
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Prominenter Fan: The National gelten als die Lieblingsband Barack Obamas. Sie unterstützten ihn bei seinem Wahlkampf 2008.