Interview mit Sebastian Krumbiegel

Courage zeigen mit Musik

Leipzig zeigt Courage – unter diesem Motto treten am Montagabend wieder verschiedenste Künstler kostenfrei auf. Aus diesem Anlass haben wir mit Mitveranstalter Sebastian Krumbiegel gesprochen.
Sebastian Krumbiegel
Sebastian Krumbiegel hatte das Festival vor 20 Jahren als Protestaktion gegen einen Naziaufmarsch in der Stadt organisiert.

Jährlich am 30. April heißt es in der Stadt: Leipzig zeigt Courage. Die Veranstaltung richtet sich dabei gegen rechts - und ist damit recht erfolgreich. Letztes Jahr besuchten knapp 8.000 Leute das Festival auf dem Markt. Dieses Jahr findet es verkleinert auf der Moritzbastei statt. Mit dabei ist auch wieder Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel. Er begleitet die Veranstaltung schon länger und setzt sich für mehr Toleranz und gegen Gewalt und Rassismus ein.

Rebecca Göring hat mit Sebastian Krumbiegel über die Veränderungen der Veranstaltung und Rassismus in der Musik gesprochen. Das Interview gibt es hier zum Nachhören und im Folgenden zum Nachlesen:

Redakteurin Rebecca Göring im Gespräch mit Musiker Sebastian Krumbiegel
3004 Interview Courage

mephisto97.6: Das heutige Festival richtet sich ja gegen Diskriminierung. Für wie präsent hälst du das Thema in der Musikindustrie?

Krumbiegel: (lacht) Das ist ein weites Feld. Wir haben ja gerade die Echoverleihung hinter uns und da war das ja doch ein großes Thema; durch die beiden unsäglichen Rapper, dien ausgezeichnet worden sind. Die natürlich, vor allem was eben durch die Medien wegen dieser einen Zeile, ausgezeichnet worden sind. Wegen dieser unsäglichen und wirklich auch schlimmen Auschwitz-Zeile. Aber das ist, glaube ich, gar nicht unbedingt das Hauptproblem. Das Hauptproblem ist wirklich das, dass diese Leute viele Follower haben. Viele Leute, die ihnen zu hören und dass die dann teilweise Dinge verbreiten, die sehr viel mit Diskriminierung, Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie zu tun haben. Da muss man glaube ich ganz woanders ansetzen. Dass man wirklich erstmal guckt, wie tief das wirklich in der Gesellschaft eingedrungen ist. Dass es eben nicht mehr irgendwelche Idioten sind, sondern dass das teilweise wirklich Intellektuelle sind, dass es teilweise irgendwelche Leute sind, die wir als Schriftsteller kennen, die wir aus Talkshows kennen, und das ist das, was mir eigentlich Sorge bereitet. Weswegen ich denke, dass es total wichtig ist, dass wir dieses Leipzig-zeigt-Courage-Konzert nach wie vor durchziehen.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass diese Thematik trotz unserer recht offenen Gesellschaft immer noch so aktuell in der Musikszene ist?

Ich weiß es gar nicht. Ich bin da auch ehrlich gesagt ein bisschen überfragt. Ich glaube, dass es mit der Musikszene nur peripher was zu tun hat. Oder dass das nur ein Teil ist. Ich glaube, dass es allgemein so ist, dass in den letzten Jahren für diese Art der Diskriminierung und für diese Art der des Rassismus, dass da Türen aufgemacht sind an ganz anderer Stelle. Dass teilweise natürlich Leute wie Sarrazin mit seinem Buch, dass der sozusagen eine Saat gelegt hat, die jetzt aufgeht. Andererseits wurden bei uns in Sachsen auch politisch viele Fehler gemacht. Ich bin seit Jahren dabei gewesen. Am 13. Februar am Jahrestag der Bombardierung von Dresden, um dort friedlich Nazi-Aufmärsche zu blockieren.  Und wie wir da diskriminiert worden sind.  Und wie dann auf der anderen Seite Neo-Nazis aus ganz Europa sich versammelt haben zu hunderten und da fragwürdig Parolen gesungen haben und Embleme verbreitet haben. Das ist glaube ich ein Punkt, weswegen ich denke, dass viele Dinge auch selbst gestrickt sind.

Gerade Raptexte wie die von Kollegah stehen bei dieser Debatte oft in der Kritik. Woran liegt das?

Irgendeiner von Public Enemy hat einmal gesagt, dass „Rap ist das CNN der Schwarzen“. Natürlich ist Rap irgendwie eine Underground- oder Jugendsache wie eben so eine Art Nachrichtensender. Die Leute haben erzählt, was sie bewegt und bedrückt. Mittlerweile ist Hip-Hop und Rap sehr mainstreamig geworden. Mittlerweile laufen die Sachen im Radio seit vielen Jahren. Und wie damit umgegangen wird von der Musikindustrie, das ist zu hinterfragen. Wenn ein großer Konzern wie die Bertelsmann Music Group eben solche Leute wie Kollegah oder Farid Bang unter Vertrag nimmt, solche Texte veröffentlicht und damit Geld verdient, dann muss man das anprangern. Wenn jetzt die Verantwortlichen sagen: „Wir schaffen den Echo ab“, dann ist das die eine Sache. Vielleicht auch konsequent, weil der Preis international beschädigt ist. Aber damit ist es nicht getan, man muss da viel eher anfangen. Und es bringt auch nichts, etwas zu verbieten. Es geht am Ende darum, die Leute aufzuklären und zu bilden. Ich glaube, wenn so jemand wie Kollegah oder Farid Bang in der 8. Klasse mal in Auschwitz gewesen wäre, dann würden die solche Texte nicht schreiben.

Wie hast du reagiert, als Farid Bang und Kollegah einen Echo überreicht bekommen haben?

Die Diskussion war ja schon im Vorfeld da. Am Ende ist der Echo ein Preis, bei dem es um kommerziellen Erfolg geht, und das sollte uns eigentlich zu denken geben. Wenn so viele Leute so was kaufen, geil finden und sich damit identifizieren… Wir haben in unserer Karriere zwei Echos gekriegt und uns darüber gefreut. Ich habe jetzt auch überlegt: „Wie gehst du damit um?“ Ich fand es sehr gut, wie Campino damit umgegangen ist. Das wäre auch meine Antwort gewesen, wenn ich da gewesen wäre. Ich fänd es gut, wenn ein Musikpreis ins Leben gerufen werden würde, so ähnlich wie der deutsche Filmpreis, wo es um künstlerische dinge geht. Wo sich eine Jury hinsetzt und sagt: „Das ist künstlerisch wertvoll“. Wenn man das auszeichnet, ist das besser als irgendwelchen Mist auszuzeichnen, der eben kommerziell erfolgreich ist.

 

 

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