Theaterrezension: Völlig ausgebucht

Chaos in der Warteschleife

Becky Modes "Völlig ausgebucht" am Schauspiel Leipzig - das Einpersonenstück ist eine Unterhaltungsnummer und bietet jede Menge Lacher. Denis Petkovic nimmt 36 verschiedene Rollen ein.
Sami sieht sich einer Flut von Anrufen ausgesetzt
Sami sieht sich einer Flut von Anrufen ausgesetzt

Am Anfang fühlt sich alles an wie ein gemütlicher Abend in einer Bar. Aus den Lautsprechern klingt weihnachtlicher Jazz, auf Bildschirmen lodern verpixelte Flammen, man trinkt ein Gläschen Wein oder einfach ein Bier.

Es klingelt und klingelt

Doch auf einmal klingelt ein Telefon. Und wird für die nächsten 75 Minuten, die das Stück dauert, kaum noch aufhören. Protagonist Sami betritt den Raum im knallgelben Motorradanzug, den er allerdings schnell gegen ein schlichtes schwarzes T-Shirt und Stoffhose tauscht. Die Motorradkleidung ist fast das einzige, was der Zuschauer von Samis Leben außerhalb des Restaurants mitbekommt. Er selbst hat kaum Profil, man kann ihn kaum erkennen. Für seinen Arbeitgeber, ein Berliner Luxusrestaurant, nimmt Sami die Reservierungen entgegen und hofft, dass er ein Vorstellungsgespräch als Schauspieler in Babelsberg bekommt. 

 

Rollenwechsel im Sekundentakt

Schauspieler Denis Petkovic übernimmt in "Völlig ausgebucht" alle 36 Rollen. Er ist am Telefon gleichzeitig wahlweise ein russischer Mafioso, eine rüstige kölsche Rentnerin, ein Schweizer Kellner oder Samis eigener, cholerischer Chef. Die Hektik, mit der Sami durch den Raum von Hörerin zu Hörer hetzt, überträgt sich auch auf die Zuschauerschaft. Denn die Telefone, vier an der Zahl, klingeln unablässig: das private Smartphone, das Headset, ein altmodisches Schnurtelefon und die Gegensprechanlage, die zur Restaurantküche führt.

Lacher am Fließband

Sami wird zum Spielball fremder Anliegen: Gäste beschweren sich, der Kollege steckt im Stau, der Koch fabuliert über seine fantastischen Kreationen, Samis einsamer Vater wünscht sich Zuspruch, und unablässig gehen neue, groteske Reservierungswünsche ein. Ein Schauspieler, alle Rollen, alle Stimmen – der Facettenreichtum beeindruckt. Deutsche Dialekte, fremdländische Akzente, Sprachfehler – Petkovic beherrscht sie alle und leiht seinen Figuren auch die entsprechende Gestik. Im Sekundentakt springt er von Rolle zu Rolle und produziert durch seine ausladende Theatralik Lacher am Fließband. Das alles ist herrlich überzeichnet, geht aber an manchen Stellen in etwas zu wilden Klamauk über.

Eine richtige Bühne gibt es nicht

Das Stück ist anstrengend - für den Schauspieler wie für die Zuhörerschaft. Die wenigen leisen Stellen werden dann zu echten Atempausen. So etwa, als Sami vom tobenden Chef dazu angehalten wird, die Damentoilette zu putzen, was dieser mit lautem Fluchen quittiert. Widerwillig verschwindet er also tatsächlich auf den Toiletten, wo man ihn nur noch laut rumoren hört. Das zeigt, wie gut die Kulisse des Diskothekfoyers zum Stück passt: Die offene Baratmosphäre ist bereits gegeben. Eine starre Bühne gibt es nicht: Petkovic spielt überall, vor und zwischen der Zuschauerschaft, an und auf der Bar und überall dazwischen. Regisseurin Kristina Seebruch nutzt diese räumliche Abwechslung, um das aus immer wiederkehrenden Mustern bestehende Stück dynamisch zu inszenieren.
Die Komik der Imitationen geht zwar auf, wird aber leider zum Hauptaspekt des Stücks. Es bleibt eine Unterhaltungsnummer, garniert mit ein paar aktuellen Referenzen: Sami lässt Alexa Musik spielen, und der Chef interessiert sich mehr für den Tesla-Showroom als für den Anruf seiner Frau. Dass zwischendurch sogar Horst Seehofer einen Tisch reservieren will, wirkt allerdings etwas nach erzwungener Aktualität.

 

Fazit

„Völlig ausgebucht“ ist kein Stück mit Tiefgang: Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Stress der modernen Arbeitswelt, der kulturellen Durchmischung in der Großstadt und dem Individuum in seinem Kampf mit der Technik findet nicht statt. Und das, obwohl Autorin Becky Mode selbst erfahren hat, was der Protagonist durchleidet. Als angehende Schauspielerin ließ sie sich von ihren Erfahrungen im New Yorker Restaurantbusiness inspirieren. Insgesamt ist „Völlig ausgebucht“ ist ein kurzweiliges Vergnügen, das kaum Luft zum atmen lässt.

 

Die Rezension zum Nachhören:

"Völlig ausgebucht" - die Rezension von Lucas Wotzka.

Moderation: Finný Anton

"Völlig ausgebucht"
 

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Völlig ausgebucht

Premiere: 5. Dezember 2018

Spielort: Schauspiel Leipzig, Diskothekfoyer

Autorin: Becky Mode (Übersetzung: Steffen Kopetzky)

Regie: Kristina Seebruch

Darsteller: Denis Petkovic

Aufführungstermine:

  • 13. Dezember 2018
  • 30. Dezember 2018
  • 11. Januar 2019