Literaturrezension

"Brecht" – Der Mann im Genie

In einem zweiteilgen Doku-Drama, und dem Buch zum Film, zeigt uns Heinrich Breloer den Menschen hinter dem überlebensgroßen Genie Brecht. Wie hat er geliebt? Warum hat er geschrieben? Was war sein Traum? "Brecht" liefert Antworten.
Heinrich Breloer

Es ist ein Name, den jedes Schulkind in Deutschland kennt: Brecht. Bertolt Brecht. Na eigentlich hieß er ja Eugen Berthold Brecht. Aber so richtig hat dieser Name dem angehenden Schriftsteller schon mit siebzehn nicht gepasst. Und was dem Brecht nicht gepasst hat, das hat er eben passend gemacht.

Dieses selektive Herangehen an die Realität hat Heinrich Breloer in seinem Doku-Drama über das weltberühmte deutsche Genie greifbar gemacht. Vor kurzem feierte der Film auf der Berlinale Premiere und nun kann man auch das Buch zum Film in den Händen halten. Auf dem Cover: der Charakter Brecht, verkörpert von Tom Schilling und Burghart Klaußner, Jung und Alt. Der Hintergrund schwarz und weiß – vielleicht in Anlehnung an die Absolutheit mit der Brecht sein Leben lebte, seine Entscheidungen traf?

Da steckt Seele drin

Schon im Vorwort des Autors spürt man ganz deutlich: Das ist persönlich, ein Herzensprojekt. Aber wie auch nicht? Schließlich hat Breloer über Jahrzehnte recherchiert: Zeitzeugen interviewt, Dokumente zusammengetragen, Brechts Werk betrachtet. Aber mehr noch: in Breloers Arbeit wird die Brecht‘sche Philosophie lebendig.

So wie Brecht mit seinem epischen Theater die vierte Wand durchbrach, das Publikum in die Rolle der distanzierten Beobachter drängte, so kreiert auch Breloers Doku-Drama einen Verfremdungseffekt, der den Leser kritisch auf den Charakter Brecht blicken lässt.

Man fühlt sich, als stünde da einer am Schlüsselloch und der erzählt einem dann was der Brecht macht und erlebt. Aber dann dreht man sich um und auf einmal steht da jemand, der den Brecht kannte. Und diese alten Weggefährten erinnern dich dann, dass Brecht schon lang tot ist und, dass es damals überhaupt eigentlich ganz anders abgelaufen ist. So wie Paula Banholzer, Brechts erste Liebe, mit der Breloer gesprochen hat. Sie liest in Brechts Tagebuch:

Ich fahre mit der Bi an den See. […] Dann lehre ich ihr das Schwimmen, denn es fällt immer ihr Gesicht ins Wasser. Sie lernt es leicht.

Paula’s Reaktion:

Er hat mir das Schwimmen gelehrt?! Oh, der Lügner! Der Lügner! Ich konnte doch schwimmen.

aus „Brecht“, S.136

Gefühl und Urteil

So wechselt man zwischen Roman und Zeitzeugenberichten und weiß dabei: Hier sehe ich Breloers Brecht, so wie er ihn sich zusammengepuzzelt hat. Und was für ein Mensch das war: größenwahnsinnig aber genial, fordernd und besitzergreifend, absolut in seinen Überzeugungen. Er zog seine Weggefährten in seinen Bann und veränderte mehr als nur ein Leben. Auch als Leser fühlt man sich verändert, wenn man dieses Buch aus der Hand legt. Produktiver? Hoffnungsvoller? Idealistischer?

„Brecht“ packt. Das ist Breloers unvergleichlichem Schreibstil geschuldet, ebenso wie seinem klaren Gespür für diesen komplexen Charakter. Wir verfolgen Brechts Liebesgeschichten, seine kleinen und großen Erfolge, seine politische Entwicklung - von dem jungen Mann, der der nächste Goethe sein wollte, bis zu dem renommierten Schriftsteller und Regisseur, der die deutsche Kultur nachhaltig prägte.

Wer Literatur liebt, sollte dieses Buch lesen. Und alle anderen auch!

 

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Über den Autor:

Heinrich Breloer wurde 1942 geboren. Er ist einer der bedeutendsten deutschen Film- und TV-Autoren und Regisseure unserer Zeit. Er begründete das Genre des Doku-Dramas im deutschen Fernsehen und wurde vielfach für seine Werke ausgezeichnet. Zu seinen bedeutendsten Filmen gehören "Todesspiel", "Die Manns" und "Speer und Er".