Filmkritik

Border: Genregrenzen sprengendes Drama

In seinem neuen Kinofilm Border gelingt Ali Abbasi eine düster-satirische Parabel, die jegliche Genregrenzen überschreit und Fragen aufwirft, die zugleich zeitlos und aktuell sind.
Tina und Vore lernen sich kennen

Tina läuft langsam durch einen dunklen skandinavischen Wald. Über ihrem Körper trägt sie einen Kapuzenpulli, auf dem silberne Wölfe den Mond anheulen. Darunter umhüllt ein zerfleddertes weißes Hochzeitskleid ihre Beine. Ihre ausdruckslosen Augen in ihrem wulstigen Gesicht schauen in unbestimmte Ferne, während sie genüsslich einen Wurm zerkaut.

Viele dieser Szenen in Ali Abbasis neuen Kinofilm Borders haben einen hohen Symbolwert. Jede Einstellung hat mehrere Ebenen, die aufeinander verweisen. In der eingangs beschriebenen Szene gibt es die Insekten kauende Frau im weißen Hochzeitskleid. Dann gibt es die verkitschte Natur auf dem Pulli und den dunklen Wald. Ergänzt wird diese Themenvielfalt durch einen wilden stilistischen Mix in der Inszenierung, der keine klare Einordnung in ein Genre zulässt. Den Stoff zu seinem neuen Film entnimmt Abbasi einer Kurzgeschichte des schwedischen Autors John Ajvide Lindqvist, der es mit seinem Roman So finster die Nacht bereits zu einiger Bekanntheit gebracht hat.

Grenzen und Grenzüberschreitungen

Es gibt zahllose Brillen, durch die man Border schauen kann. Sieht man es als Fantasy-Drama mit Elementen des sozialen Realismus? Oder doch lieber als surreale Liebesgeschichte? Fragen zur Transgender-Debatten werden ebenso thematisiert wie Pädophilie oder die Mythologie der nordischen Fabelwesen. Und die parabelhafte Offenheit lässt keine Eindeutigkeit zu. In diesem Mosaik an Themensträngen ist es wahrscheinlich am einfachsten sich am Titel des Films zu orientieren: Border. Es geht um allerlei Arten von Grenzen, die sich durch die Handlung ziehen.

Grenzen und Grenzüberschreitungen

Die Protagonistin Tina, großartig gespielt von Eva Melander, arbeitet sehr erfolgreich am Grenzübergang beim Zoll. Sie hat eine seltsame animalische Gabe, die ihr in ihrem Beruf hilft: sie kann die Gefühle der Menschen riechen. Wenn ein Mensch ängstlich oder voller Scham an ihr vorbei will, dann weiten sich ihre Nasenlöcher, ihre zurückgezogene Oberlippe beginnt zu zucken und sie weiß, hier ist etwas verdächtig. Sie schnuppert quasi die Grenzübertretungen von Gesetzen und von dem, was gesellschaftlich akzeptiert ist und was nicht.

Ihr Privatleben verbringt sie in einem abgeschiedenen Häuschen im Wald. Dort lebt sie mit ihrem hundevernarrten Freund Roland. Der behandelt sie eher wie ein weiteres Haustier und nicht als Partnerin. Inmitten des Waldes bewegt sich Tina zwischen den Grenzen von Natur und Kultur. Einerseits ist sie eine geschätzte Kollegin, Nachbarin und Tochter, andererseits hat sie eine tiefe Verbindung zu Elchen und Füchsen und spaziert barfuß übers Moos. Die unruhige Kamera von Nadim Carlsen erschafft eine mystische Natur, ohne sich jedoch von den sozialen Verhältnissen der Figuren zu entfernen. Verstärkt wird dieser Effekt durch den atmosphärischen Synthiesoundtrack von Christoffer Berg und Martin Dirkov. Und auch der Ton trägt zu dem soghaften Filmerlebnis bei. Wenn bspw. eine Fliege in dem Zimmer ist, dann hört man sie auch. Die Geräusche werden also nicht so eingefangen, wie es das Publikum erwarten würde, sondern der Ton orientiert sich am viel feineren Gehör von Tina.

Ambivalente Figuren

Tina und Vore lernen sich kennen

Als eines Tages Vore auftaucht, beginnt sich Tinas Alltag zu verändern. Sein Äußeres ähnelt Tina, aber er steht weiter außerhalb der Gesellschaft. Sein selbstbewusstes und rüpelhaftes Auftreten zieht sie immer mehr an und aus ihrer vertrauten Umgebung. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte zweier Außenseiter in einer immer fremderen Welt, die ironisch Fragen des Andersseins thematisiert.

Seine Stärken hat Border in subtilen Momenten, wenn die einzelnen Themenstränge ineinandergreifen, Assoziationen befeuern und sich in einem rauschhaften Filmerlebnis verbinden. Durch das dichte Drehbuch ohne überflüssige Elemente wirkt die inhaltliche Fülle nicht überladen. Doch wenn die Dialoge allzu große Themen abhandeln wollen, wird es zuweilen ein bisschen platt, was nicht zuletzt an der etwas groben Synchronisation ins Deutsche liegt.

Fazit

Border ist ein wilder Mix, der Genregrenzen aufzeigt und erweitert. Das Schauspielerensemble überzeugt in ihren ambivalenten Figuren und die angeschnittenen Themen sind zugleich zeitlos und aktuell. Ein mutiges Filmexperiment, das gelingt.

 

 

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Border

Regie: Ali Abbasi

Drehbuch: John Ajvide Lindqvist, Ali Abbasi, Isabella Eklöf

Kinostart: 11. April 2019

FSK 16

Laufzeit: 110 Minuten

Cast: Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson, Sten Ljunggren, Ann Petrén, Viktor Åkerblom, Rakel Wärmländer, Matti Boustedt und weitere