Holocaust-Aufarbeitung

Blumen im Schnee

Als Teenager wird Zahava Stessel aus ihrer ungarischen Heimat nach Auschwitz deportiert, anschließend nach Bergen-Belsen und ins Arbeitslager Markkleeberg gebracht. Ihre Geschichte erzählt sie immer wieder - gegen das Vergessen.
Mit dieser Gedenktafel soll in Markkleeberg an die Opfer des Arbeitslagers erinnert werden.
Mit dieser Gedenktafel soll in Markkleeberg an die Opfer des Arbeitslagers erinnert werden.

Die 85-jährige Zahava Stessel ist eine zierliche alte Dame. Sie lebt im New Yorker Stadtteil Brooklyn, und hat in der berühmten Public Library gearbeitet – direkt an der glamourösen Fifth Avenue. Aber das war nicht immer so. Als sie 14 Jahre alt ist, deportiert das Eichmann-Kommando sie und ihre Familie aus dem ungarischen Heimatdorf nach Auschwitz. Bei der Ankunft werden die Kinder von den Erwachsenen getrennt. Die Nazis schicken Zahava Stessel und ihre Schwester zunächst ins KZ Bergen-Belsen und anschließend in das Arbeitslager Markkleeberg, ein Außenlager des KZs Buchenwald. Hier mussten sie Zwangsarbeit in einer Flugzeugfabrik leisten.

In ihrem Buch „Snow Flowers“ berichtet Zahava Stessel über den Alltag im Arbeitslager. Ähnlich wie in einer Familie hätten die Mädchen zusammengehalten – zum Beispiel, wenn eine von ihnen von den Aufseherinnen schikaniert wurde. Sie berichtet: "Die Mädchen, die bestraft wurden, waren oft aus meiner Heimatstadt, oder sie waren mit uns in einer Baracke untergebracht. Nachts haben wir dann versucht, ein bisschen Brot zu besorgen, das wir auf das Bett gelegt haben. Wenn das Mädchen dann um neun Uhr abends endlich zurückgeschickt wurde, fand es fünf oder sechs kleine Stücke Brot auf seinem Bett: Sie musste nicht hungrig schlafen gehen. Solche Dinge haben uns ermutigt und waren wie ein spiritueller Widerstand für uns."

Zahava Stessel über Solidarität unter den Häftlingen
2804-KZ Clip 4

Im Lager war unsere Hoffnung, einfach nur zu überleben.Wir wollten nicht wahrhaben, dass wir eigentlich niemanden mehr hatten.

Zahava Stessel Foto
Ihren Schulabschluss holte Zahava Stessel in den USA nach - mit 27 Jahren. Danach studierte und promovierte sie.

Zahava Stessel

Auch Lieder und Gedichte hätten den Gefangenen geholfen, den Lageralltag zu bewältigen. Die meisten Mädchen und Frauen kamen aus Ungarn, und kannten deshalb dieselben Lieder. Im Lager mussten sie in 12-Stunden-Schichten an schweren Maschinen arbeiten. Zu essen gab es kaum etwas, die Baracken wurden nicht beheizt und hatten löchrige Dächer. Im Winter sank die Temperatur weit unter null Grad. Im April 1945 wurden die Mädchen auf einen Todesmarsch Richtung Tschechien geschickt. Sie überlebten und kehrten in ihr Heimatdorf im Norden Ungarns zurück. Den Neuanfang bestritten die Mädchen jedoch allein. "Im Lager war unsere Hoffnung, einfach nur zu überleben. Wir dachten, dann würde alles gut werden. Wir versuchten, nicht daran zu denken, was wohl mit unseren Eltern passiert war. Es war wie ein Überlebensmechanismus. Wir wollten nicht wahrhaben, dass wir eigentlich niemanden mehr hatten", erzählt sie.

Zahava Stessel über Hoffnung und Überlebenswillen
2804-KZ Clip 1

Auswandern auf Umwegen

Zahava und Meier Stessel
Zahava und Meier Stessel, ebenfalls ein Auschwitz-Überlebender, heiraten 1949.

 

Zahava Stessel hatte einen verletzten Fuß, litt an Tuberkulose und war zu traumatisiert, um direkt wieder zur Schule zu gehen. Nach einer Odyssee über Bayern, Frankreich und Zypern emigrierten die Schwestern nach Israel. Hier heiratete Zahava Stessel den Auschwitz-Überlebenden Meier Stessel, dessen Namen sie übernimmt. Die Beiden wandern nach Amerika aus. Zahava Stessel holt ihren Schulabschluss nach, bekommt zwei Kinder und arbeitet als Bibliothekarin. Noch im Alter von 63 Jahren promoviert sie.

Sie versucht, ihre Vergangenheit so gut es geht zu verdrängen. Aber eine Begegnung in der Bibliothek bringt sie dann doch dazu, das Erlebte aufzuschreiben, erzählt sie: "Dann kam dieser Mann herein. Er trug hohe Stiefel - genau dieselben, die ich aus dem Lager kannte. Er war genervt, er sagte: 'Immer diese Geschichten über den Holocaust! Zeig mir irgendjemanden, der dort war!' Das hat mich sehr berührt. In der Bibliothek erzählst du nicht viel über dein privates Leben. Plötzlich verschwamm alles vor meinen Augen und ich sagte zu ihm: 'Sie haben eine Überlebende vor sich stehen, Sir!' Er schaute mich an, hatte nichts mehr zu sagen und ging."

Zahava Stessel über die verstörende Begegnung mit einem Holocaustleugner
2804-KZ Clip 2

Wir sind niemals wirklich befreit worden. Das Lager und Auschwitz sind immer Teil unseres Lebens geblieben, sie sind Teil jeder Entscheidung.

Zahava Stessel

Holocaustleugner als Schreibanlass

Zahava Stessel Autorenbild
Zahava Stessels Autorenbild aus "Snow Flowers" von 2009.

Es sei sehr hart für sie gewesen, zu hören, dass der Holocaust nicht existiere, obwohl sie ihre gesamte Welt daran verloren hatte. Ob ihr Vater Auschwitz überlebt hat, weiß Zahava Stessel nicht. Sicher ist aber, dass ihre Mutter und ihre Großeltern direkt nach der Ankunft ermordet worden sind. Das konnte Zahava Stessel Zeit ihres Lebens nicht verkraften.

In ihrem Buch arbeitet Zahava Stessel die Geschichte des Arbeitslagers Markkleeberg akribisch auf. Ihr autobiografischer Bericht ist mit Fotos, Namenslisten und Grundrissen gespickt. Rund zehn Jahre arbeitete sie daran, interviewte ehemalige Inhaftierte und verglich die Ergebnisse mit anderen Quellen. Der Titel des Buches, “Snow Flowers”, bezieht sich auf ein ungarisches Volkslied, bei dem es darum geht, dass selbst im härtesten Winter Schneeglöckchen blühen können.

 

 

Zahava Stessel über den schwierigen Umgang mit dem Erlittenen
2804-KZ Clip 3

1998 kehrte Zahava Stessel nach Markkleeberg zurück, um eine Gedenkplatte einzuweihen, die an das Arbeitslager erinnern soll. Seitdem ist sie oft wiedergekommen – und mittlerweile Ehrenbürgerin in Markkleeberg. Der Holocaust begleitet Zahava Stessel zwar ihr Leben lang. Das Buch, so sagt sie, hat ihr aber dabei geholfen, das Erlebte ein Stück weit zu bewältigen: "Wir sind niemals wirklich befreit worden. Das Lager und Auschwitz sind immer Teil unseres Lebens geblieben, sie sind Teil jeder Entscheidung. Das Gesicht von Auschwitz begleitet mich mein ganzes Leben lang. Aber als ich mit meinen Mitinhaftierten gesprochen habe, machten sie mir deutlich, dass die Erinnerung sein muss, um das Buch schreiben zu können. Zum ersten Mal waren wir glücklich darüber, überlebt zu haben, und dass wir uns hatten. Das Buch zu schreiben war somit eine große Erleichterung für mich."

Zahava Stessel über das gemeinsame Erinnern an die Gefangenschaft
2804-KZ Clip 5

Vor zwei Jahren wurde Zahava Stessels Buch in einem Schulprojekt vom Englischen ins Deutsche übersetzt: Die Schülerinnen und Schüler eines Markkleeberger Gymnasiums wollen so an die Geschichte von Zahava Stessel erinnern. Davon, und auch von dem Gedenkmarsch, der am 13. April in Markkleeberg an die Opfer des Todesmarsches erinnern sollte, ist Zahava Stessel beeindruckt. Bildung sei der beste Weg, um gegen das Vergessen anzukämpfen.

Zahava Stessel über Bildung und Erinnerungskultur
2804-KZ Clip 7

Porträt über Zahava Stessel, gesendet am 28.04.2015: 

mephisto 97.6-Redakteurin Christine Reißing stellt die Holocaust-Überlebende Zahava Stessel vor.
 

mephisto 97.6-Redakteurin Christine Reißing stellt die Holocaust-Überlebende Zahava Stessel vor. 

Interview mit Zahava Stessel, gesendet am 28.04.2015: 

Zahava Stessel spricht im Interview über ihr Buch "Snow Flowers" und ihre Art, mit der Vergangenheit umzugehen.
 

 

 

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Zahava Stessels Buch "Snow Flowers" aus dem Jahr 2009 ist nur noch antiquarisch oder in der Deutschen Nationalbibliothek zu bekommen.

In ihrem Buch "Wine and Thorns in Tokay Valley: Jewish Life in Hungary: The History of Abaújszántó" von 1995 widmet sich Zahava Stessel der jüdischen Kultur in ihrer ungarischen Heimat, von der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kaum etwas übriggeblieben ist.  Grundlage hierfür ist Zahava Stessels Dissertation, die sie vier Jahre zuvor an der New York University veröffentlicht hat.

Ein Video-Interview mit Zahava Stessel hat die Stiftung Gedenkstätten Mittelbau-Dora veröffentlicht (siehe drittes Video).