Portrait: Dylyn

Bloß kein Bubblegum-Pop

Dylyn, kurz für Gwendolyn Lewis, macht Pop für Kopf und Fuß. Die Kanadierin hält wenig von aufgeblasenem Bubblegum-Pop und konzentriert sich mit ihrer Musik lieber auf wesentliche Dinge. Am 19. Mai war sie mit ihrer Band zu Gast im Noch Besser Leben.
Dylyn bei ihrem Auftritt im Noch Besser Leben.
Dylyn bei ihrem Auftritt im Noch Besser Leben.

Auf den ersten Blick erfüllt Dylyn jedes gängige Pop-Klischee. Junge Frau in Partystimmung macht knalligen Elektropop. Die Beweisführung scheint abgeschlossen. Ihre Musik macht Spaß, hat aber wenig Substanz. In Wahrheit haben Dylyns Songs mit purem Hedonismus reichlich wenig zu tun. Auf ihrer Debüt-EP „Sauvignon and Kimono“ greift sie tief in die Traumakiste. Die eigene katastrophale Trennung thematisiert sie genauso wie die verkorkste Beziehung ihrer Eltern. Den ernsten Kern ihrer Musik übersieht man schnell hinter dem flimmernden Popgewand. In Songs wie „Mimosa“ oder „American Nightmare“ parodiert sie die „Alles ist super“-Grinseattetüde der meisten Menschen.

Pop-Szene oder Pop-Zirkus?

Wut, Trauer, Enttäuschung – alles wird weggelächelt. Die meisten Menschen versuchen ständig zu vermitteln: Bei mir ist alles OK. Auch, wenn es das eben nicht ist. Und genau das nervt Dylyn. Sie will, dass Menschen sie selbst sind. Bedingungslos und auch, wenn es mal unangenehm wird. Genau deshalb ist Authentizität auch ihr größter Anspruch an sich selbst.

Wir ertrinken in diesem ganzen Kram wie „Feiern im Club“ oder „Geld ausgeben und teure Autos fahren“. Das Leben der meisten Leute hat damit aber nichts zu tun. Wir wollen etwas, mit dem wir uns identifizieren können. Wenn wir einen schlechten Tag hatten oder unser Freund mit uns Schluss gemacht hat. Man will sich mit etwas identifizieren, das wir aus unserem eigenen Leben kennen.

- Dylyn

Dass das nicht ganz unproblematisch ist, weiß Dylyn. Ihre energetischen Songs werden oft missverstanden. Trotzdem ist sie bereit, dieses Risiko einzugehen. Die Entwicklung von Popmusik beobachtet sie aufmerksam und wirft dabei einen scharfen Blick auf sich selbst, aber auch auf den Rest der Szene. 

Dylyn
 

 Lana Del Rey, zum Beispiel. Sie ist irre alternativ, aber der eine Song ging durch die Decke. Hängt also auch vom Song ab. Ich will niemanden runtermachen, aber… die Katy Perrys dieser Welt? Sie hat ein paar Alben, zu denen ich mich tief verbunden fühle. Aber insgesamt ist ihre Musik eher so „Habt Spaß und lasst mich in Ruhe.“ Weniger „Ich muss weinen“. Du willst zu einer Amy-Winehouse-Platte weinen, nicht zu Katy Perry.

- Dylyn

Bissiges Vorbild

Am meisten, so Dylyn, ist sie immer wieder überrascht vom Feedback weiblicher Fans. Obwohl sie nicht explizit für ein weibliches Publikum schreibt, finden sich natürlicherweise meist junge Frauen in ihren Texten wieder. Dylyn selbst orientiert sich ebenfalls an den großen, einflussreichen Musikerinnen. Blondie-Frontfrau Debbie Harry zählt sie zu ihren größten Vorbildern.

 Ich denke, sie war die Erste ihrer Art. Sie ist so bissig auf der Bühne, mit ihrer Haltung und ihrem Auftreten. Wie sie abliefert! Ich liebe einfach, was sie als Künstlerin verkörpert.

- Dylyn

Dylyn wirkt wie jemand, den die Boulevardpresse gern als „Popsternchen“ abstempeln würde. Dabei könnte sie von einem „Sternchen“ kaum weiter entfernt sein. Als junge, reflektiere Künstlerin schreibt sie gleichzeitig nahbar und verworren. Und genau darin liegt ihr Reiz. Wer will, kann sich die Zeit nehmen und Stück für Stück die Bedeutung aus ihren Texten herauslesen. Wer darauf keine Lust hat, kommt trotzdem auf seine Kosten. Denn zu Dylyns Musik lässt es sich auch hervorragend tanzen. Einfach nur tanzen.

Das Portrait zum Nachhören gibt's hier:

Musikredakteurin Ariane Seidl mit einem Portrait über Dylyn.
Musikredakteurin Ariane Seidl mit einem Portrait über Dylyn.
 

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Ariane Seidl
28.05.2018 - 09:57
  Kultur