Frisch gepresst: Editors

Bis die Knochen vibrieren

Ihr sechstes Studioalbum beschreiben die Editors vor allem als „brutal“. Auf „Violence“ lassen die Briten gewaltige, rollende Soundwände aufeinanderprallen. Das erzeugt einen Hall, der sich bis auf die Knochen spüren lässt.
Editors (v.l.n.r.): Russell Leetch, Elliott Williams, Tom Smith, Edward Lay und Justin Lockey.
Editors (v.l.n.r.): Russell Leetch, Elliott Williams, Tom Smith, Edward Lay und Justin Lockey.

Die Editors, die Editors – ein solides Streitthema unter Indie-Fans. Besonders in ihrer Heimat Großbritannien musste die Band in den vergangenen Jahren vermehrt Kritik einstecken. Ihre Landsleute, allen voran die Musikpresse, hatten ihre Freude an den ersten beiden Alben, verloren dann aber das Interesse. Seit mit „In This Light and on This Evening“ (2009) die gurgelnden E-Gitarren in den Hintergrund gerückt sind und sie mehr Platz für Synthie-Spielereien nach Depeche-Mode-Manier gemacht haben, mussten sich die Engländer immer wieder anhören, ihre Songs hätten an Spannung verloren. Das europäische Publikum hingegen begrüßt die düsteren Soundgebilde, die besonders auf dem letzten Album „In Dream“ (2015) herausstachen. So richtig einig werden sich die beiden Seiten nicht: Zuhause ist die Reaktion auf die Editors verhalten, auf dem europäischen Festland sind sie dafür auf fast jedem namenhaften Festival zu finden.

Alles Geschmackssache? Vielleicht. Stilbrüche sind tricky und ob man jetzt eher auf Synthies oder E-Gitarren steht, kann einem keiner vorschreiben. Fakt ist aber: Der Vorwurf, alle Editors-Songs nach 2009 seien langweilig und energielos, ist voreilig getroffen und, gelinde gesagt, Quatsch. Das findet auch Leadsänger Tom Smith. Er hat oft das Gefühl, die wenigsten verstehen überhaupt, worauf er eigentlich hinauswill. Gemeinsam mit seinen Bandkollegen Russell Leetch (Bass), Ed Lay (Schlagzeug), Justin Lockey (Gitarre), und Elliott Williams (Synthesizer, Gitarre) versucht er packende Melodien mit preschenden, impulsiven Soundelementen zu verbinden. Ein Vorhaben, das den Editors laut eigenen Aussagen auf „Violence“ so gut geglückt ist wie nie zuvor.

Dröhnen und donnern, aber keine halben Sachen

Brutal – darauf kommt Smith immer wieder zurück, wenn er „Violence“ beschreibt. Damit ist nicht gemeint, dass die Platte Hörer*innen mit einer undurchdringbaren Wand an ausnahmslos harten Sounds überrollt, politische Statements durch die Luft fliegen und Smith seine Stimmbänder zerfetzt. Vielmehr geht es den Editors darum, sich von halben Sachen zu verabschieden. Wenn es elektronisch wird, dann richtig elektronisch. Wenn es rockig wird, dann richtig rockig.

In dem vorab als Single veröffentlichten „Hallelujah (So Low)“ wird dieser Anspruch besonders deutlich. Gitarren und verzerrte, elektronische Sequenzen bauen sich auf und knallen im Refrain mit Anlauf gegeneinander, während Smith Chorgesänge andeutet.

Die meisten Songs auf „Violence“ brauchen ein wenig Zeit, um sich zu entfalten. Denn trotz aller Brutalität bleiben die Editors Liebhaber fesselnder Melodien. Titelsong „Violence“ oder „Counting Spooks“ laufen düster, aber relativ unspektakulär an, bis in der hinteren Songhälfte packende, elektrisierende Instrumentalteile hervorgezaubert werden. An anderer Stelle („Belong“, „Cold“) dient Tom Smiths markanter Bariton als tragendes Mittel, um Spannung aufzubauen.

Der weiche Kern im ruppigen Sound

Doch „Violence“ entfaltet sich nicht nur musikalisch. Auch lyrisch werden griffige, tiefgehende Bilder erzeugt. Smith verfällt kaum ins Erzählen großer Geschichten, sondern verfolgt eher instinktiv bestimmte Gefühle oder Ideen, um sie dann zu kurzen, prägnanten Textzeilen zu verarbeiten. Die Themen, mit denen er sich beschäftigt sind, aber – entgegen dem sonst eher ruppigen Ansatz von „Violence“ – weniger konfrontativ. Angst, Wut und Hass, Lethargie, Hoffnungslosigkeit – Gefühle, denen Smith eher zu entkommen versucht, als sie direkt zu attackieren. Als Vater von zwei kleinen Kindern konzentriert er sich lieber auf zwischenmenschliche Nähe, die Bedeutsamkeit von Freundschaften und familiären Zusammenhalt. „No Sound but the Wind“, eine von Cormac McCarthys Roman „The Road“ inspirierte Ballade handelt von der Suche nach Obdach und einem Vater, der mit allen Kräften versucht, seinen Sohn zu beschützen.

Bury your face in my shoulder
Think of a birthday
The things you put in your head
They will stay there forever
I’m trying hard to hide your soul son
From things it’s not meant to see

Editors mit „No Sound but the Wind“

Nur vereinzelt bricht Smith mit diesem Muster. In „Magazine“ etwa rechnet er mit skrupellosen Headquarters und leeren Versprechungen ab. Bei der visuellen Umsetzung vertrauen die Editors auch hier auf die langjährige Zusammenarbeit mit Künstler Rahi Rezvani, der seit Beginn der Bandgeschichte die passenden Bilder zum Sound entstehen lässt.

Belohnt wird, wer Willen zeigt

„Violence“ verdient Aufmerksamkeit, fordert diese aber auch ein. Wer das Album nur halbherzig und nebenbei hört, kann zwar halbwegs Freude daran finden, wird aber kaum die volle Bandbreite begreifen. Über die Jahre ist der Sound der Editors immer detailreicher und feingliedriger geworden. Die Soundlandschaften sind auch auf dem neuen Album beeindruckend, müssen aber zwingend als solche anerkannt werden: Landschaften. Mit Höhen und Tiefen, Ecken, Kanten und Klippen. Die Spannungsbögen der Editors sind immer noch da, nur eben größer und komplizierter. Und dieser Editors-Charme, dieses Gefühl, als würden kalte Finger den Nacken berühren, bis sich die feinen Härchen aufstellen – der ist ebenfalls noch da. In jeder Note und jeder Facette von Smiths Stimmumfang. Wir müssen eben nur zuhören.

 Die Rezension zum Anhören gibt's hier:

Musikredakteurin Ariane Seidl über „Violence“, das sechste Album der Editors. Moderiert von Peggy Fischer.
 

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Ariane Seidl
13.03.2018 - 10:36
  Kultur

Editors: Violence

Tracklist:

*Anspieltipps

1. Cold
2. Hallelujah (So Low)*
3. Violence*
4. Darkness at the Door
5. Nothingness
6. Magazine
7. No Sound but the Wind
8. Counting Spooks*
9. Belong
 

Erscheinungsdatum: 09.03.2018
Play It Again Sam

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Editors auf Tour:

Momentan sind die Editors auf Tour durch Europa. Am 2. April machen sie auch bei uns in Leipzig Halt. Alle Infos zu dem Konzert gibt's hier.